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Emmerich
Ein fragender Faxenmacher mit Gefühl

Emmerich: Ein fragender Faxenmacher mit Gefühl
Die Emmericher haben Hermann van Veen in Gedanken schon bekränzt und ihn und die ebenso phantastische Edith Leerkes erst nach sechs Zugaben ziehen lassen. FOTO: Markus van Offern
Emmerich. Herman van Veen und Edith Leerkes bestritten im Stadttheater ein Vorkonzert zur Tournee "Fallen oder springen".

Das erste Lied trifft gleich mit voller Wucht die Realität. Herman van Veen hätte es auch dem EU-Gipfel in Brüssel ins Stammbuch singen können, wenn Merkel, Cameron, Tsipras & Co. das Flüchtlingsthema nicht vertagt hätten: "Wenn ich an mein Land denk, denk ich nicht an Holland, sondern immer an das ein oder andre Land, das eigentlich überall sein kann, solange da nur keine Grenzen sind, damit ich ungestört unterwegs sein kann zu einem andren Land." Dieses Lied stammt noch von seinem Album "Hin und wieder" (2014), ist aber aktueller denn je.

Die meisten Titel aber, die der niederländische Entertainer auf seine unnachahmliche Art im Stadttheater vortrug, sind der neuen CD "Fallen oder springen" entnommen. In Emmerich fand eines von sechs Vorkonzerten zur Tournee statt, nur mit Gitarristin und Sängerin Edith Leerkes, ohne Band.

Wenn van Veen Klavier spielte, meinte man bisweilen, Erik van der Wurff dort sitzen und hören zu können. Mit ihm hat van Veen über 50 lange Jahre musikalisch zusammen gearbeitet. Der Verlust des Ende 2014 an Krebs gestorbenen Freundes ist van Veen, das spürte man im Konzert, nahe gegangen. Denn Herman van Veen ist ein anhänglicher Familienmensch, in seinem Beruf wie privat. Die Liedern kreisen - immer noch, möchte man sich wundern - um Oma, Vater Jan, die Moeder oder Tochter Anne. Doch immer, wenn es zu nostalgisch und sentimental zu werden droht, reißt der ernste Quatsch- und Faxenmacher seine treue Fangemeinde aus der Melancholie, mit einem ulkigen Ur-Schrei oder einem Scherz wie: "Ich habe das Gefühl, dass ich jeden Morgen meinen Vater rasiere." Oder er erinnert sich an seine erste Liebe Gudrun, 15, die "rote Haare hatte und grüne Brüste, Entschuldigung, Augen". Die, zugegeben, wenig jüngeren Gesichter im mit 550 Besuchern ausverkauften Stadttheater, klärte der mehrfache Großvater auf: "Ein Telegramm ist eine E-Mail auf dem Fahrrad." Längst Kult, dass er sein Publikum mit Reis beträufelt, worüber sich auch die Putzkolonne anschließend freuen dürfte ...

Herman van Veen stellt seinen Strophen gelegentlich, so wie es auch Kinder in einem gewissen Alter lieben, Fragewörter voran: Was, wann, wo, warum. Schlechte Gewohnheiten, Vorurteile, Intoleranz, fragwürdige Autoritäten, Gedanken- und Lieblosigkeit. Dem allen setzt er, unaufdringlich, aber dafür um so wirkungsvoller, seine gerne zweisprachig vorgetragenen Liebes- und Lebenslieder entgegen. Eines der wunderbarsten handelt, ausgerechnet, von Josef und Maria. Als die ihm beichten muss, dass sie schwanger ist, sagt Josef: "Wenn du es sagst, wird es wahr sein, auch wenn ich es nicht kapier'".

Herman van Veen, ein Junge aus Utrecht, Kriegsjahrgang '45. 71 Jahre alt wird er im März schon. Und wenn dem selbst ernannten "holländischen Clown mit der Glatze" einmal das letzte Haar ausgefallen sein sollte, bleibt immerhin genügend Platz für einen Lorbeerkranz - aus lauter grünen Lauchstangen. Ohne Zugaben kam er nicht davon. Er hat es ja nicht weit. Sein wahres Zuhause ist ja eh da, wo Menschen seine Botschaft verstehen.

(nk)
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