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Emmerich
Ein Leben zwischen Sucht und Strafe

Emmerich. Spektakulär war Sirat A. mit Hilfe von Nadia L. aus der Haft geflüchtet. Derzeit steht das Duo vor dem Landgericht. Von Peter Janssen

Kleve Sie sieht aus wie eine Oberstufenschülerin, ist schüchtern, zurückhaltend und offenbart einen Hang zur Naivität. Die 22-jährige Frau wirkt unscheinbar. Aber sie wirkt nur so. Vor gut einem halben Jahr hatte Nadia L. einen 22-kalibrigen, geladenen Revolver in beiden Händen und zielte auf drei Männer. Sie befreite ihren Freund Sirat A. (28), der in der geschlossenen Psychiatrie der LVR-Klinik Bedburg-Hau eine Strafe verbüßt. Der Türke war zu einem Arzt nach Kleve gebracht worden. Als er die Praxis verlässt, empfängt seine Freundin die drei Pfleger. Die beiden flüchten. Neun Tage später wird Sirat A. wieder festgenommen, drei Tage später seine Helferin.

Getrennt durch ihre Verteidiger sitzen Nadia L. und Sirat A. auf der Anklagebank. Der Türke hat sich eine Plastikflasche mit Wasser mitgebracht, die er demonstrativ vor sich auf den Tisch stellt. Sirat A. ist stark alkoholabhängig. Ein bis anderthalb Flaschen Whisky oder Wodka trinkt er am Tag.

Die Liste der erhobenen Vorwürfe ist umfangreich. Knapp fünf Minuten dauert es, bis Staatsanwalt Gert Schulte die Anklageschrift verlesen hat. Unter anderem werden den Angeklagten Gefangenenbefreiung, Nötigung, Verstoß gegen das Waffengesetz bis hin zu besonders schwerem Raub vorgeworfen. Die beiden Angeklagten sind weitestgehend geständig. Ihre Anwälte hatten dazu eine Einlassung abgegeben.

Auf dem Lebensweg von Sirat A. ist so ziemlich alles schief gelaufen, was nur schief laufen kann. In Oberhausen geboren, startet er mit zwölf Jahren seine kriminelle Karriere. Nach der Grundschule bleibt er der Hauptschule regelmäßig fern und wechselt auf die Sonderschule. Mit 14 Jahren sei er erstmals ins Gefängnis gekommen, so Sirat A. Später wurde er in die Türkei abgeschoben, um 2012 "heimlich" zurückzukommen. Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Jürgen Ruby, ob er dann in Deutschland gearbeitet habe, antwortete er: "Leider nicht."

Das Strafregister des Türken ist gut gefüllt. Unter anderem sind dort Wohnungseinbruchsdiebstähle, Betrug oder Diebstahl mit Körperverletzung aufgeführt. Für reichlich Einträge sorgte auch das Fahren ohne Fahrerlaubnis. Die Tat, für die er zuletzt in der Forensik einsaß, verübte er 2012. Zu sechs Jahren und sechs Monaten Haft wegen schweren Raubs mit schwerer räuberischer Erpressung wurde er verurteilt. Er hatte mit Freunden eine Pfarrerin überfallen, die Frau mit einer Schreckschusspistole bedroht und reichlich Beute gemacht.

Auch der Lebenslauf von Nadia L. verlief nicht geradlinig. Die 22-Jährige kommt aus Eschweiler. Ihr Vater ist Albaner, die Mutter Deutsche. Früh hatten sich die Eltern getrennt. Sie besitzt keinen Schulabschluss und wurde mit 14 Jahren erstmals straffällig. Unterschlagung, Körperverletzung, Betäubungsmittelverstöße stehen in ihrer Akte. Sie habe keine Liebe erfahren, und ihr Vertrauen sei immer wieder missbraucht worden, versucht ihr Anwalt Taten zu erklären. Er betont, dass seine Mandantin zwar einen geladenen Revolver gehabt hätte, diesen aber nie benutzen wollte. Als Richter Ruby Nadia L. fragt, ob die Einlassung ihres rechtlichen Vertreters richtig seien, nickt sie nur.

War die Vorgehensweise bei der Befreiung bereits nicht alltäglich, so wäre die Planung nach Darstellung des Anwalts von Sirat A. mindestens ebenso spektakulär. Ein Pfleger der Klinik soll dem Türken als Fluchthelfer geholfen haben. Bei entsprechender Gegenleistung habe er zugesagt, Hilfestellung zu leisten, so der Anwalt. Sirat A. habe ihm 5000 Euro geboten und schließlich 8000 Euro gezahlt, da der Pfleger noch einen Kollegen einweihen wolle. Der Forensik-Mitarbeiter habe das Geld kassiert und daraufhin Datum und Ort der Behandlung mitgeteilt. Im Pflegerzimmer soll er Sirat A. im Internet gezeigt haben, wo die Praxis genau liegt. Gegen den Pfleger wird noch ermittelt. Der Gefangene besaß ein Handy und habe Nadia L. mitgeteilt, wann der Termin beim HNO-Arzt war, so der Jurist.

Vor der Praxis befreite Nadia L. ihren Freund. Das Paar floh mit dem Auto eines Rentners. Der 76-Jährige schilderte den Vorfall gestern vor dem Landgericht. "Der hat an die Scheibe geklopft, sofort die Pistole gezückt und mich rausgezogen", sagt der Rentner. Auf die Frage, ob er verletzt worden sei, antwortete er: "Ich habe Glück gehabt."

Auf der Flucht lieferte sich Sirat A. eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. "Gegenverkehr störte ihn nicht", gab ein Beamter zu Protokoll. Die beiden konnten die Polizei abschütteln. Nachdem das Duo einen Unfall gebaut hatte, versteckte es in einem Gebüsch. Am Morgen ging die Flucht weiter.

Das Urteil soll nächste Woche gesprochen werden.

Quelle: RP
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