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Emmerich
Ein Papst-Kenner erklärt den Vatikan

Emmerich: Ein Papst-Kenner erklärt den Vatikan
Als Andreas Englisch Ende der 1980er Jahre nach Rom kam, hatte er nur Ahnung von Fußball. Das hat sich geändert. FOTO: Markus van Offern
Emmerich. Andreas Englisch, Autor mehrerer Bücher über Franziskus, Benedikt XVI. und Johannes Paul II. unterhielt die Zuhörer in Sankt Aldgundis mit einem spannenden Monolog. Von Michael Scholten

"Ist die Kirche eigentlich immer so voll?", erkundigte sich Andreas Englisch zu Beginn seines Vortrags in der Pfarrkirche Sankt Aldegundis. 330 Besucher füllten die Bänke und hofften auf einen bewährt informativen und amüsanten Vortrag des Vatikan-Kenners. Sie wurden nicht enttäuscht. Denn der Autor mehrerer Bücher über Papst Franziskus, Papst Benedikt XVI. und Papst Johannes Paul II. unterhielt die Zuhörer in seinem anderthalbstündigen Monolog durch geballtes Wissen, persönliche Anekdoten und profunde Einschätzungen über den Vatikan, die katholische Kirche und deren höchst unterschiedliche Oberhäupter.

"Ich war ein junger, rebellischer Reporter, der sich nichts aus der Kirche machte, aber Papst Johannes Paul II. hat mir meinen Glauben zurückgegeben", fasste Andreas Englisch seinen persönlichen Lebensweg zusammen. Ende der 80er Jahre ging er nach Rom, um Italienisch zu lernen. Ahnung hatte er, streng genommen, nur von Fußball. Doch weil der frühere Messdiener offen zu seinen kirchlichen Defiziten stand, stellte ihn eine Agentur als Vatikan-Experten ein, und so gewann er das Vertrauen von Papst Johannes Paul II. Der gestand ihm bei der ersten Begegnung, dass er einst als zweiter Torpfosten bei den Fußballspielen seines Bruders missbraucht wurde und so manchen blauen Flecken davontrug.

Der Papst wählte Andreas Englisch 1995 in den illustren Kreis der Journalisten, die ihn auf seinen Auslandsreisen begleiten durften. So erhielt der deutsche Korrespondent noch tiefere Einblicke in die Persönlichkeit und den Arbeitsalltag des Mannes, den er 2004 mit der Biographie "Johannes Paul II. Das Geheimnis des Karol Wojtyla" würdigte. Als am 19. April 2005 der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt wurde, schlug auch Andreas Englischs große Stunde. "Wir sind Papst", titelten die Medien, ganz Deutschland interessierte sich für Englischs Analysen aus dem Machtzentrum der katholischen Kirche. In Emmerich beschrieb er Papst Benedikt XVI. als schüchternen Bücherfreund, der ungern im Mittelpunkt steht und "auf abscheuliche Art und Weise" entmachtet wurde.

Als Benedikt XVI. im Februar 2013 freiwillig zurücktrat, machte er unverhofft den Weg frei für einen "knallharten Reformer": Papst Franziskus, dem Andreas Englisch in seinem Vortrag die meiste Beachtung schenkte. Anhand humorvoll erzählter Beispiele machte Englisch deutlich, dass ein neuer Wind im Vatikan weht, seit der ehemalige Erzbischof von Buenos Aires zum Papst gewählt wurde: Er verschmäht das Luxusleben im Apostolischen Palast und lebt im Haus der Heiligen Martha, er schaffte persönliche Ordensfrauen, Kammerdiener, Präfekte und Sekretäre ab, empfängt Staatsgäste in seinem kargen Privatzimmer und trägt selbst zu Ostern und Weihnachten sein geflicktes Priestergewand aus Argentinien statt Samt und Seide: "Ich bin der Papst und nicht der Weihnachtsmann."

Andreas Englisch sprach sichtlich begeistert von einer "Revolution" und einer "maximalen Kriegserklärung" gegen die Kurie. Zugleich erklärte er, wie so ein "völlig irrer Erzbischof aus den Armenvierteln Lateinamerikas" überhaupt zum Papst werden konnte: "Es gibt 30 Kurier-Kardinäle, die in Rom leben, und 90 Wahl-Kardinäle, die nur für die Papstwahl kommen. Letztere wollten den Kurier-Kardinälen den härtesten Reformer vor die Nase setzen, den es gibt." Vorausgegangen waren unter anderem Geldwäsche-Skandale der Vatikan Bank.

Während die Kardinäle, die der Papst in seiner Weihnachtsrede 2014 als "Karrieristen" und "Bürokraten des Glaubens" tadelte, das neue Oberhaupt ablehnen, wächst dessen Popularität bei den Gläubigen immer mehr. Andreas Englisch erzählte von spektakulären Ausflügen mit dem Papamobil auf römischen Autobahnen und vom "spirituellsten Gottesdienst meines Lebens" beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro. "Es geht ein Ruck durch die alte katholische Kirche", fasste der Referent die Wirkung des neuen Papstes zusammen. Auch Dechant Bernd de Baey fand im Anschluss an den Vortrag in Sankt Aldegundis lobende Worte für Franziskus: "Jede Zeit hat ihren Papst. Und Franziskus passt gut in die heutige Zeit hinein."

Quelle: RP
 
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