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Jörg Friedrich
"Ein Riss auf Lebenszeit"

Jörg Friedrich: "Ein Riss auf Lebenszeit"
Nur noch Ruinen: Der Alte Markt nach dem Angriff vor 71 Jahren. Die Stadt wurde zu 97 Prozent zerstört. FOTO: Stadtarchiv Emmerich
Emmerich. Am 7. Oktober 1944 wurde Emmerich dem Erdboden gleich gemacht. Ein Gespräch über den Luftkrieg und seine Folgen.

Herr Friedrich, Sie haben sich intensiv mit den Luftangriffen auf deutsche Städte im Zweiten Weltkrieg beschäftigt. Warum haben die Alliierten nicht nur Großstädte, sondern auch Kleinstädte wie Emmerich oder Rees angegriffen?

Jörg Friedrich Der Luftkrieg war für die Alliierten ein Lernprozess. Er war zunächst auf punktuelle Ziele gerichtet, die sich aber auch schnell wieder aufbauen ließen. Die Zerstörung in der Fläche aber ist effektiver. Die Luftangriffe zielten dabei auf den Durchhaltewillen der Bevölkerung ab. Man wollte sie zermürben. Was den Niederrhein anbelangt, gab es zudem auch ein klares militärisches Motiv: Die Verteidigungslinie zwischen Frankreich und dem Rhein sollte geschwächt werden. Im Sommer 1944 kam es zu einem Aufschwung des Luftkrieges und davon war auch der Niederrhein in besonderer Weise betroffen.

Gab es einen Unterschied zwischen den Angriffen auf Großstädte und denen auf dem Land?

Friedrich Nicht in der Strategie, aber in der Effektivität. Statistisch gesehen, sind zwei Prozent der deutschen Stadtbevölkerung Luftangriffen zum Opfer gefallen. In Dresden waren es drei Prozent. In Emmerich waren es prozentual betrachtet mehr als doppelt so viele. Eine Großstadt ist schon alleine durch ihre schiere Größe weniger verwundbar als eine Kleinstadt.

Welche Folgen hatte das für die Bevölkerung?

Friedrich In Emmerich, das derart zerstört wurde, wird es wohl kaum jemanden gegeben haben, der nicht direkt von den Angriffen betroffen war. Für den einzelnen Menschen war das Risiko, den Bombenabwürfen selbst zum Opfer zu fallen oder einen Angehörigen zu verlieren aus dem beschriebenem Grund viel größer als in Großstädten. Man legte sich abends ins Bett und wusste nicht, was in der Nacht oder am nächsten Tag passieren würde. Das muss man sich immer vor Augen halten, wenn man über die Generation redet, die diese Angriffe miterlebt hat. Bei vielen haben diese traumatischen Erlebnisse zu einem Riss auf Lebenszeit geführt.

Und oft zu einer Sprachlosigkeit.

Friedrich Die Erlebnisgeneration hat aus gutem Grund viele Jahre geschwiegen. Nach dem Krieg galt es erst einmal, den Lebensprozess wieder in Gang zu bringen, die Städte wieder aufzubauen und sich mit den Kriegsgegnern zu versöhnen. Die Kraft, die diese Generation dafür aufgebracht hat, ist bewundernswert.

Die Generation derer, die die Angriffe miterlebt hat, stirbt langsam aus. Glauben Sie, dass das Erinnern an die Luftangriffe daher nötiger denn je ist?

Friedrich Für viele Nachgeborene waren die Erzählungen von den Angriffen nur Gerede. Zu der Generation der Väter und Großväter gab es in dieser Hinsicht außerdem oft ein gebrochenes Verhältnis, weil der Luftkrieg auf Deutschland als probates Mittel angesehen wurde, um eine Schuld zu sühnen, die es so natürlich nicht gab. Was hatte etwa das kleine Kind, das in seinem Bettchen verbrannte, mit dem Zweiten Weltkrieg, den Nazis oder dem Holocaust zu tun? Insofern ist die Diskussion über den Luftkrieg weiter wichtig, zumal er aktueller denn je ist. Er war keine Spezialmedizin gegen die Deutschen und ist immer noch populär. Die Vorstellung, Krieg ist in erster Linie eine Angelegenheit, die aus der Luft kommt, herrscht bis heute vor.

Würden Sie sagen, dass der Luftkrieg geächtet werden sollte?

Friedrich Im Luftkrieg gelten keine Regeln. Ein Soldat, der gefangenen genommen wird, steht unter der Genfer Konvention, während seine Frau und seine Kinder bei einem Bombenangriff vogelfrei sind. Telford Taylor, der Hauptankläger der Nürnberger Prozesse, hat einmal festgestellt, dass ein Soldat, der durch die Straßen läuft und Zivilisten erschießt, ganz klar als Kriegsverbrecher gilt. Der Bomberpilot hingegen, der eine Stadt angreift und letztendlich dasselbe anrichtet, aber nicht. Nicht die Tötung ist also verboten, sondern es kommt auf die Wahl der Waffen an. Das ist doch eigentümlich. Die Konsequenz dieser Moral, kann sich jeder selbst überlegen.

RP-REDAKTEUR MARKUS BALSER FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
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