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Emmerich
Ein tödlicher Irrtum

Emmerich: Ein tödlicher Irrtum
Wim Ploeg legte in Rees am Denkmal für die niederländischen Zwangsarbeiter Blumen nieder. FOTO: Michael Scholten
Emmerich. Gestern wurde in Apeldoorn der Zwangsarbeiter gedacht, die 1944 nach Rees verschleppt wurden. Wim Ploeg, heute 79 Jahre alt, verlor dabei durch ein tragisches Geschehen seinen Vater.

Wie sein Vater am 3. Dezember 1944 ums Leben kam, weiß Wim Ploeg nur aus den Erzählungen einzelner Zeitzeugen. Umso wichtiger war es dem 79-jährigen Niederländer, jetzt die Angehörigen jener Menschen zu treffen, die seinem Vater Jan Ploeg vor fast 71 Jahren in den letzten Stunden seines Lebens beistanden. Bei einem Besuch in Rees legte Wim Ploeg Blumen am Denkmal für die niederländischen Zwangsarbeiter nieder und berichtete, wie er im Alter von acht Jahren seinen Vater verlor.

Auf dem Weg zur Arbeit wurde der Bäcker Jan Ploeg, wie auch viele andere Männer jeden Alters, am 2. Dezember 1944 bei einer Razzia verschleppt. Sie wurden mit Zügen nach Rees gebracht, um bei eisigen Temperaturen Wehrstellungen wie Panzer- und Schützengräben zu schaufeln, um den Vormarsch der alliierten Kampfverbände am Niederrhein zu stoppen. Die ersten beiden Züge verließen den Bahnhof von Apeldoorn am Abend. Am 3. Dezember kam es in den Morgenstunden auf Höhe des damaligen Werther Bahnhofs zu einem tragischen Irrtum: Jagdbomber der britischen Royal Air Force hielten den Zug für einen Militärtransport der deutschen Wehrmacht und bombardierten die Waggons. Dabei töteten sie mehr als 20 Niederländer und verletzten viele weitere.

Wim Ploeg erfuhr später, dass sein Vater an der Brust schwer verwundet wurde, aber zunächst überlebte. Er und die anderen Opfer des Angriffes wurden in mehrere Scheunen und Häuser der Umgebung gebracht. "Viele Zivilisten halfen und bewiesen sehr viel Herzlichkeit und Nächstenliebe", lobt Wim Ploeg, dessen Vater wenige Stunden nach dem Angriff starb.

Im Winter 1994, zum 50. Jahrestag, reiste Wim Ploeg mit seiner Frau Wietske erstmals nach Werth, um auf Spurensuche zu gehen. Unweit des ehemaligen Bahnhofs, der heute als privates Wohnhaus genutzt wird, besuchte er die Nachfahren der Bauernfamilie Hübers. Auch beim jüngsten Besuch in Werth und Rees traf er auf die inzwischen 80-jährige Schwiegertochter der damaligen Helfer seines Vaters. "Ich finde es schade, dass nirgendwo in Werth eine Infotafel steht, die über die tragischen Ereignisse des Winters 1944 informiert", sagt Wim Ploeg, "aber vielleicht kommt das noch."

Dass Zivilisten in Werth ihr Leben riskierten, um den niederländischen Zwangsarbeitern zu helfen, ist im Nachbarland bis heute nicht vergessen. Bereits am 19. August 1950 reiste eine Abordnung von 40 Personen aus Apeldoorn nach Werth, um den Helfern zu danken. Die Zeitung "Nieuwe Apeldoornse Courant" schrieb seinerzeit: "Die erste Reise 1944 war erzwungen durch die Nazis. Die zweite Reise war auch erzwungen, aber diesmal durch Dankbarkeit." Die Gruppe wurde in Werth und Bocholt empfangen, besuchte aber auch das frühere Lager in Groin, in dem 3500 Niederländer und 2000 Kriegsgefangene anderer Nationen unter unmenschlichen Bedingungen lebten und jeder Zehnte von ihnen an Hunger, Krankheit und Erschöpfung starb. In einem ausführlichen Briefwechsel mit der Stadt Rees versicherten sich 1950 die niederländischen Organisatoren der Reise, dass in Rees keine Gaststätten aufgesucht wurden, die ehemaligen Mitgliedern der NSDAP gehörten und dass auch keine früheren Parteimitglieder an Gedenkveranstaltungen teilnahmen.

Seit 1984, als ein durch Spenden der Reeser Bürger mitfinanziertes Mahnmal am Busbahnhof aufgestellt wurde, hat sich das Verhältnis zwischen Rees und Apeldoorn konsequent verbessert. Jeweils am 9. November findet in Rees eine Gedenkveranstaltung mit niederländischen Gästen statt, rund um den Jahrestag der Razzien in Apeldoorn fährt eine deutsche Delegation in die niederländische Gemeinde. So auch am gestrigen Freitag, als eine Gedenkveranstaltung im Apeldoorner Rathaus stattfand.

VON MICHAEL SCHOLTEN

Quelle: RP
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