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Haldern Countdown
Eine Entdeckung mit Pomade

Emmerich. Am 10. August beginnt das Haldern-Pop-Festival. RP-Redaktionsleiter Sebastian Peters hat sich die aktuellen Alben der Bands bereits angehört. Hier sein Urteil:

Nick Waterhouse - Never Twice "Never Twice" nennt der Kalifornier Nick Waterhouse sein Album, und man sollte diese Aufforderung als ironisches Augenzwinkern begreifen, stürzt er sich mit seiner Musik doch selbst tief in die Vergangenheit. Ein echtes Retroding ist dieses Album geworden. Waterhouse spielt den Rhytm'n'Blues mit großer Leidenschaft, transportiert ihn aber mit eleganter Lässigkeit in die Jetztzeit. Als männliches Pendant zu Amy Winehouse ist er beschrieben worden, doch Waterhouse nervt dieses Label. Verständlich, weil er eben nicht diese Schmerzvita hat, sondern ein Bürschchen mit feinen Klamotten und Pomade im Haar ist, ein Gentleman mit Feelgood-Attitüde. "Never Twice" ist eine echte musikalische Entdeckung, von großer Eingängigkeit und eine wirkliche Belebung für das an Überraschungen ach so arme Musikgeschäft.

Klingt nach: Blues Brothers, Charles Bradley (Punkte: 4,5/5).

White Wine - Killer Brilliance Das Duo White Wine aus Leipzig ist auch für Musikexperten noch ein unbeschriebenes Blatt. Auf dem Album "Killer Brilliance" spielen Joe Haege (TU Fawning) und Fritz Brückner einen sperrigen Pop, der sich in die Nervenbahnen frisst. Die Songs wollen stören, Synthies und Schlagzeug sind mehr Geräuschquelle als Klang. Anleihen bei Punk und Industrial werden immer wieder genommen, und wann immer man glaubt, eine Harmonie zu entdecken, wird der Wohlklang durch eine musikalische Überraschung gestört. Harte Kost.

Klingt nach: TU Fawning, PJ Harvey (Punkte: 2,5/5 ).

Benjamin Clementine - Phantom Of Aleppoville Seit der Veröffentlichung seines Albums "At Leat For Now" (2015) ist der britische Songwriter Benjamin Clementine mit ghanaischen Wurzeln im Musikgeschäft angekommen. Mit 20 Jahren sah das noch anders aus - da streunte er heimat- und obdachlos durch Paris, fand erst durch die Straßenmusik zu seiner Berufung. Seine neue Single "Phantom Of Aleppoville" ist der ambitionierte Versuch, die Grauen eines Krieges zu vertonen, an dem die Welt verzweifelt. Es gibt in diesem 6:30 Minuten langen Stück Momente der Ruhe, satiehafte Pianoparts, dann wieder Gesangspassagen, in denen Clementine wie ein Gehetzter singt. Dieses Lied ist notwendig, man wünschte, es müsste nicht mehr gesungen werden.

Klingt nach: Patrick Watson, Eric Satie (ohne Wertung).

John Joseph Brill - False Names Drei EPs hat der Londoner Songwriter John Joseph Brill bisher veröffentlicht und mit jeder von Ihnen wurde er ein wenig berühmter. "False Names" ist in dieser Reihe ein kleines Meisterwerk, mit warmem Bariton-Timbre, mit Stimmbändern wie vom Wetter gegerbt, singt Brill hier über tragikkomische Schicksalsschläge. Man hört in den Songs seine Sozialisation im Umfeld von Laura Marling und Bear's Den. Mehr noch aber klingt diese Musik wie Songs von The National und The Slow Show. Fragile Songgebilde sind das, hier wird Schicht auf Schicht gelegt, ehe im Chorus alles an Macht gewinnt. Man muss sich dazu "False Names" anhören, diesen gleichsam melancholischen wie optimistischen Schunkler mit einer Aufmunterung zum Mitsingen im Refrain. Groß! Man muss kein Prophet sein, um Brill eine Karriere zu prophezeien.

Klingt nach: The Slow Show, The National (Punkte: 5/5).

Quelle: RP
 
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