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Analyse
Entscheidung über Gesamtschule - Stadt-Räson

Analyse: Entscheidung über Gesamtschule - Stadt-Räson
Blick in den Schulausschuss des Emmericher Rates. FOTO: Hagemann
Emmerich. Die Gesamtschule war keine gute Entscheidung für Emmerich. Und doch hat die Mehrheit der Politik Dienstagabend dafür gesorgt, dass sie weiterbestehen kann. Und das ist, so widersprüchlich es klingt, eine vernünftige Entscheidung gewesen. Von Christian Hagemann

Das alte dreigliedrige System mit Gymnasium, Realschule und Hauptschule ist passé. Die Stadt Emmerich hat sich im Jahr 2013 dafür entschieden, eine Gesamtschule einzuführen.

Die Erwartungen daran waren hoch: Ganztagsbetrieb, Abitur nach 13 Jahren (und nicht wie bis dahin üblich nach zwölf), langes gemeinsames Lernen, Differenzierung nach Leistungsstärke verbunden mit der Möglichkeit des unkomplizierten Wechsels in Grund- oder Erweiterungskurse, was sicherstellen sollte, dass die Kinder keine Schulwechsel vornehmen mussten, weil ihre Noten besser oder schlechter werden.

Dass sich in diese Idealwelt nun Stimmen von Eltern mischen, die nicht wollen, dass ihre Kinder entweder nur zum Gymnasium (das im Übrigen auch bald wohl wieder das Abitur nach 13 Jahren anbieten wird) oder nur zur Gesamtschule gehen können, zeigt, dass die Gesamtschule nicht das gehalten hat, was sich die Eltern von ihr versprochen haben.

Die "Freunde der Realschule" haben den Finger in die Wunde gelegt. Es gibt seit Bestehen der Gesamtschule vermehrt Anmeldungen am Gymnasium. Eltern, deren Nachwuchs für diesen Schultyp eigentlich nicht geeignet sind, nehmen die Überforderung ihrer Kinder in Kauf, nur um ihnen die Gesamtschule zu ersparen.

Andere, die nahe genug an Rees wohnen, nutzen die Gelegenheit und melden ihr Kind an der dortigen Realschule an.

Zudem gibt es Eltern, die ihr Kind gar nicht in den Ganztagsbetrieb einer Schule zwingen wollen, sondern es begrüßen, wenn es nach dem Unterricht nach Hause kommen kann.

Hinzu kommt ein Problem, das ideologiefrei diskutiert werden muss: Wenn Kinder aus durchschnittlichen Familien und behüteten Verhältnissen auf Alterskameraden stoßen, die unter prekären Umständen groß werden müssen, kann das dazu führen, dass alle ein wenig über das Leben lernen.

Es kann aber auch gründlich daneben gehen, wenn es den Willen zum konstruktiven Miteinander gar nicht gibt und das Zusammensein der Kinder in der Schule nicht konsequent angeleitet wird.

Denn Schule kann kein Versuchslabor für gesellschaftspolitische Vorstellungen sein (was sie leider natürlich doch ist). In erster Linie soll es in der Schule darum gehen, Kindern ihrem Lernvermögen entsprechend Wissen zu vermitteln, das sie brauchen, um die bestmögliche Ausbildungs- und Arbeitsstelle zu finden. Das gilt für alle Kinder. Möglichst langes "gemeinsames Lernen" bedeutet daher, sicherzustellen, dass sich alle Kinder gemäß ihrer Talente frei entfalten können.

Gerade diejenigen, die den gesellschaftlichen Nutzen einer Gesamtschule höher einschätzen als den eines Gymnasiums oder einer Realschule, müssen sicherstellen, dass kein Kind benachteiligt wird - auch und besonders dann nicht, wenn es eben nicht aus einem Milieu stammt, dem staatliche Förderung im besonderen Maße zugestanden wird.

Die Initiative der Realschul-Freunde hat eine solche Debatte angestoßen. Das deutete sich am Dienstag im Schulausschuss des Emmericher Rates an. Ihr Wunsch, die Realschule möge erhalten bleiben, kann nicht erfüllt werden. Zu groß ist das Risiko, dass die Gesamtschule zu einem Millionen-Grab wird. 25 Millionen, vielleicht sogar 30, wird Emmerich in sie investieren. Deshalb hat die Politik vernünftig handeln müssen. Hier ist das Interesse der Stadt über alle anderen gestellt worden.

Stadt-Räson eben.

Aber verantwortungsvoll im Sinne der Eltern wird diese Entscheidung erst, wenn die Probleme nicht unter den Tisch gekehrt, sondern angegangen werden.

Quelle: RP
 
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