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RP-Serie Heimat
Flügeltechnik ist eine Rarität

RP-Serie Heimat: Flügeltechnik ist eine Rarität
Gut besucht sind die öffentlichen Führungen beim Deutschen Mühlentag. FOTO: Hans Koepp
Rees. Die Scholten-Mühle ist eine der letzten intakten Windmühlen in Nordrhein-Westfalen, die in den 1930er Jahren versuchten, das Mühlensterben mit modernster Technik aufzuhalten. Mühlenfreunde aus ganz Europa kommen nach Rees. Von Michael Scholten

Eigentlich dreht Ansgar Rahmacher derzeit einen Dokumentarfilm über Wind- und Wassermühlen in Niedersachsen. Doch kürzlich filmte er fremd und richtete seine Kamera auch auf eine Mühle in Nordrhein-Westfalen. Und das aus gutem Grund: "Der Film soll die gesamte technische Entwicklung des Mühlenwesens zeigen, doch in Niedersachsen gibt es nur noch eine einzige Windmühle mit Ventikanten-Flügeln, und die sind nicht mehr funktionstüchtig", sagt Rahmacher. Also reiste er nach Rees, um dort die Scholten-Mühle in Aktion zu dokumentieren. Sie ist eine der letzten intakten Windmühlen in Nordrhein-Westfalen, die in den 1930er Jahren versuchten, das Mühlensterben mit modernster Flügeltechnik aufzuhalten. Weitere Beispiele finden sich in Kleve-Donsbrüggen, Pulheim-Stommeln und Gangelt-Breberen.

Die sogenannten Ventikanten-Flügel (vom lateinischen Wort "Ventus" für Wind) sind eine Entwicklung des Ingenieurs Kurt Bilau. 1872 in Posen geboren, beobachtete er schon um 1900 ein erstes Windmühlensterben. Dampfmaschinen und Gasmotoren arbeiteten zuverlässiger als Mühlen, die bei Windstille nicht einsetzbar waren. Bilau nutzte sein Fachwissen, das er im Ersten Weltkrieg als Außenballistiker bei der Artillerie erworben hatte. Entgegen vieler Vermutungen war Bilau nie bei der Luftwaffe und kein "Fliegermajor", auch wenn die Flügel wie Flugzeugtragflächen aussehen.

Im Vergleich zu herkömmlichen Holzgatterflügeln, die mit Segeltuch bespannt werden mussten, boten die Bilau'schen Ventikanten gleich mehrere Vorteile: Sie nutzen die vorhandene Windenergie bis zu fünfmal effektiver aus und erzeugten bis zu 125 PS. Außerdem waren sie schneller und sicherer einsatzbereit, da ein einfacher Zug an der Kette genügte, um aus jeweils zwei Flügelteilen eine durchgehende Flügelfläche werden zu lassen. Zog der Müller die Kette in die andere Richtung, teilte sich der Flügel wieder und der Wind konnte hindurch wehen. So kam das mächtige Flügelkreuz zum Stillstand.

Das Deutsche Reich und die Behörden im Rheinland förderten vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs die Installation der Bilau'schen Ventikanten, indem sie Müllern Kredite gaben. Davon profitierte auch die Reeser Scholten-Mühle, die damals Rosenbaum'sche Mühle hieß. 1937 wurde ein Ventikanten-Kreuz montiert, das bis Januar 1940 gleich zweimal bei Sturm zu Boden krachte. Daher wurden die Flügel von elf Metern auf 9,50 Meter gestutzt, das Gesamtgewicht auf acht Tonnen reduziert. Außerdem erhielt die Mühle eine Selbstvordrehungsanlage mit Windrose. So musste die Haube nicht länger mit sogenannten Steerten durch Muskelkraft in den Wind gedreht werden, sondern bewegte sich automatisch in die optimale Windrichtung.

Mühlenfreunde aus ganz Europa kommen nach Rees, um die seltene Technik zu studieren. Von den einst mehr als 150 Ventikanten-Mühlen gibt es heute neben den vier Exemplaren in NRW nur noch wenige Beispiele in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und in der niederländischen Provinz Drenthe. Einige davon drehen sich nicht mehr.

Obwohl die Reeser Windmühle im Zweiten Weltkrieg viele kleine Einschüsse erlitt, konnte Johannes Scholten 1947 beim Oberkreisdirektor und der britischen Besatzungsmacht den Antrag stellen, seine Mühle wieder in Betrieb nehmen zu dürfen. "So konnten täglich 150 bis 200 Zentner Korn gemahlen werden", weiß Paul Wissing, einer der Mühlenführer. "Die Menschen kamen mit dem Fahrrad aus dem Ruhrgebiet, um Mehl und Brot zu bekommen. Zum Tausch brachten sie Deputatkohle aus den Bergwerken mit."

Als Johannes Scholten 1964 starb, wurde die Mühle stillgelegt. Es dauerte 37 Jahre, bis sich die neuen Ventikanten, die zur Jahrtausendwende bei einer umfassenden Renovierung montiert wurden, aus Anlass des Deutschen Mühlentages am Pfingstmontag 2001 erstmals wieder drehten. Seither haben die Mühlenerben und ihre Helfer viele tausend Besucher durch das alte und doch so moderne Bauwerk geführt.

Quelle: RP
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