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Früher in Rees: Schwimmspaß im Badezelt

Rees: Früher in Rees: Schwimmspaß im Badezelt
Rein ins Nass im alten Reeser Stadtbad. Es wurde 1968 eingeweiht. Das Gebäude soll bald abgerissen werden. FOTO: mvo
Rees. Das neue Stadtbad ist schon länger geschlossen, als es je geöffnet war. Bis die Wasserwerte den Badebetrieb wieder zulassen, verkürzt die RP die Wartezeit mit einem Rückblick auf die Geschichte der Reeser Badeanstalten. Von Michael Scholten

Stadtarchivarin Tina Oostendorp weiß genau, wie alles begann: "1891 traten die Reeser an die Stadtverordneten heran, man möge eine Badegelegenheit für die Bevölkerung schaffen." Ein Gastwirt namens Schmelzer errichtete sofort eine Rheinbadeanstalt in der Nähe des Mühlenturms. Die Umkleidekabinen schwammen auf Pontons einen halben Meter über der Wasseroberfläche, die Gäste badeten in acht voneinander getrennten Zellen. Diese waren jeweils 2,2 mal 2,2 Meter groß und durch einen Sichtschutz getrennt. Die Sittenwächter wünschten das so. Dabei durften Männer und Frauen ohnehin nur zu unterschiedlichen Zeiten baden. Wehte eine rote Fahne über dem Badeschiff, hatten nur die Männer Zutritt, bei einer blauen Fahne durften die Frauen ins Rheinwasser.

1899 erkrankte Schmelzer und gab seine Badeanstalt auf. Zur Jahrhundertwende folgte der Reeser Heinrich Korth und betrieb im Schatten des Mühlenturms ein Badeschiff mit einem einzigen großem Bassin, in dem mehrere Gäste gleichzeitig im Rheinwasser baden konnten. Ludolf Diesch legte mit seinem Badeschiff 1903 auf Höhe des heutigen Hotels Rheinpark an. Jeweils im Mai kam es aus dem Winterlager im Emmericher Hafen und war zum 15. des Wonnemonats betriebsfertig. Die Ära der Badeschiffe endete 1921, als die Stadt Rees Ludolf Dieschs schwimmende Badeanstalt kaufte, renovierte und für 1250 Gulden nach Holland veräußerte.

Wenige Jahre später wurde unterhalb der Stadt, zwischen der zweiten und dritten Kribbe, eine Badegelegenheit im Rhein geschaffen. Karl Stockhorst übernahm dort die Aufsicht. Auch auf der anderen Rheinseite gab es zwei Badeplätze, zu denen die Reeser Bürger aber mit der kostenpflichtigen Fähre übersetzen mussten. Holzbalken markierten den Bereich des Flusses, der auch für weniger geübte Schwimmer halbwegs gefahrlos war.

Sicherer und sehr beliebt war das Strandbad Millinger Meer, das nicht am heutigen Standort betrieben wurde, sondern 200 Meter weiter nördlich in Richtung Dorfmitte. Ab 1926 führte eine Treppe ins Wasser, als erster Bademeister wurde Karl Heuvel angestellt. Neben Umkleidekabinen gab es auch einen Drei-Meter-Sprungturm, doch im Zweiten Weltkrieg wurde das Strandbad zerstört. Erst im Juni 1950 eröffnete Gerhard Böcker-Schepers das neue Strandbad Millinger Meer, Bademeister Hans Baron von Wittenhorst-Sonsfeld hielt der Einrichtung 20 Jahre lang die Treue.

Das Strandbad Sonsfeld, das der ausgebildete Bademeister Clemens Neuhaus 1932 auf seinem Grundstück am Hagener Meer errichtete, zog auch viele Gäste aus Wesel und Bocholt an. Nach dem Zweiten Weltkrieg, aus dem Neuhaus nie zurückkehrte, führten seine Frau Hilde und sein Sohn Jürgen das Strandbad weiter. Nach einem Rechtsstreit musste der Badebetrieb eingestellt werden, doch inzwischen war der Zelt- und Campingplatz ohnehin das lukrativere Geschäft geworden.

Die meisten "alten" Reeser haben im Freibad Woy das Schwimmen gelernt, das 1936 im Gewässer an der runden Weide, genannt Woy, eröffnet wurde. Erster Bademeister war Hugo Hermsen, allerdings nur im Sommer. Den Rest des Jahres war er städtischer Arbeiter. Er führte bis zu seiner Pensionierung Ende der 1960er Jahre die Aufsicht. Aufgrund schlechter Wasserwerte konnte die Badesaison an der Woy oft erst mit Verspätung starten, deshalb wurde der Ruf nach einem modernen Freibad immer lauter. Der Reeser Stadtrat bevorzugte zunächst jedoch den Bau eines ganzjährig nutzbaren Hallenbads. Das 1,5 Millionen Mark teure Gebäude am Grüttweg konnte am 25. Juni 1968 eingeweiht werden und fand sofort regen Zuspruch. "Allein von Juni bis Dezember kamen fast 39.000 Besucher", weiß Tina Oostendorp. Der erste Schwimmmeister war Wilhelm Grapperhaus, unterstützt durch Josef Koep senior und Helmut te Baay. Das benachbarte Freibad mit beheizbarem Becken kostete 2,2 Millionen Mark und konnte am 10. Mai 1974 eingeweiht werden. Nach der Pensionierung von Wilhelm Grapperhaus wurde Werner Helmes zum leitenden Schwimmmeister ernannt. Mit seinem Team hat er noch heute die Aufsicht über das Badegeschehen am Grüttweg - bald auch wieder im 3,2 Millionen Euro teuren neuen Stadtbad.

Das alte Bad wartet indes auf seinen baldigen Abriss. Und dann verschwinden auch die Spuren eines unrühmlichen Stückes Fernsehgeschichte, über das Werner Helmes schmunzelnd zu berichten weiß: Vor mehreren Jahren war Moderator Kai Pflaume im Stadtbad zu Gast. Sein Fernsehteam richtete das Schwimmbecken für "Nur die Liebe zählt" besonders romantisch mit Kerzen und Scheinwerfern her. Doch leider wurde der Heiratsantrag schroff abgelehnt.

Daher erlebte dieses Stück Reeser Fernsehgeschichte auch nie seine Ausstrahlung in Sat.1, sondern verschwand in der Giftkammer des Senders.

Quelle: RP
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