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Rees
Gleichgesinnte im hohen Norden

Rees: Gleichgesinnte im hohen Norden
Bürgermeister Dirk Hinz-Reese (l.) und Andreas Evers vor dem Gartencafé
Rees. In Holstein gibt es die 156-Einwohner-Gemeinde Reesdorf. RP-Mitarbeiter Michael Scholten fuhr hin und entdeckte nicht nur namentliche Parallelen zu Rees. Von Michael Scholten

Dirk Hinz-Reese und Andreas Evers heißen mich mit einem freundlichen "Moin" in Reesdorf willkommen. Sie sind Stellvertreter des ehrenamtlichen Bürgermeisters Bernd Jamrath. Der ist heute privat in Berlin, wohin sein Reeser Amtskollege Christoph Gerwers gern bald dienstlich wechseln würde. Als Gastgeschenk überreiche ich zwei Bildbände mit Fotos aus Rees und einer Widmung von Christoph Gerwers.

Sein Reesdorfer Amtskollege ist seit 22 Jahren Bürgermeister, aber kein CDU-Mitglied. Er gehört, wie alle sieben Ratsmitglieder, der Kommunalen Wählergemeinschaft (KWG) Reesdorf an. "Gemeindepolitik sollte man nicht mit Parteipolitik machen", sagt Andreas Evers. Der Stolz des Ortes ist zugleich sein Grund zur Klage: 38 der 156 Einwohner sind jünger als 18 Jahre. "Unsere Ausgaben für Kindergärten und den Schulverband Bordesholm übersteigen unsere Gewerbesteuereinnahmen deutlich", sagt Dirk Hinz-Reese. "Wir sind notorisch pleite, weil wir mit 90 Prozent unseres Haushaltes junge Familien fördern, was ja von den Politikern in Kiel und Berlin immer gefordert wird."

Im Gemeinschaftshaus, das an der Stelle der 1931 geschlossenen Volksschule steht, bekomme ich Nachhilfe in Geschichte: Reesdorf wurde 1278 erstmals urkundlich erwähnt und hieß damals noch Raddegestropp. Wieso, weiß keiner. Auch nicht, warum so viele Reesdorfer den Familiennamen Reese tragen. Dirk Hinz-Reese ist seit 25 Jahren Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr. Sie hat 20 Aktive, ein Einsatzfahrzeug und viel Rückhalt im Dorf. Richtet sie doch federführend viele Feste aus, darunter das Lichter- und Märchenfest für Kinder und das Vogelschießen mit der Armbrust. Schützen gibt es in Reesdorf keine, eine Kirche auch nicht. Die steht im Nachbarort Brügge. Mit Ausnahme von wenigen Angeheirateten sind alle in Reesdorf protestantisch.

Im Obergeschoss des Gemeinschaftshauses wurde eine Wohnung für Asylanten hergerichtet. Alle haben geholfen und gespendet, da man die Verantwortung nicht allein den großen Gemeinden zumuten wollte. Nur: "Uns wurden bislang keine Flüchtlinge zugewiesen", sagt Andreas Evers verständnislos. "Offenbar gibt es keine mehr."

Unsere Autofahrt durch Reesdorf beginnt. Auf dem Nummernschild steht RD. Das klingt nach Reesdorf, steht aber für den Kreis Rendsburg-Eckernförde. Andreas Evers lenkt seinen Peugeot von der 650 Meter kurzen Dorfstraße ins Grüne. Durch die Landschaft schlängelt sich die Eider, der mit 188 Kilometern längste Fluß Schleswig-Holsteins. In Reesdorf ist die Eider nur ein Rinnsal. Die Eiderbrücke, 1803 vom dänischen König in Auftrag gegeben, ist Landeskulturdenkmal und Ort des fünfjährlichen Brückenfests mit Open-Air-Konzert, Schlemmermeile und Feuerwerk. Das zweite Landeskulturdenkmal ist eine hydraulische Quellwasserpumpe, genannt "Widder", die seit 1936 den Hof von Bauer Johannsen speist. Ganz Reesdorf versorgt sich über solche Eigenbrunnen selbst.

Der Ort ist landwirtschaftlich geprägt, baut Raps, Weizen und Gerste an, hat Kühe und Pferde. Große Weiden sind für Koniks, die Nachfahren osteuropäischer Wildpferde, und für Heckrinder reserviert. Sie sind Teil des Naturschutzprojekts "Oberes Eidertal". Nach niederrheinischer Maßstäben ist die Gegend hügelig. "Endmuränen", erklärt Andreas Evers.

Eindrücke (v.l.): das Ortsschild von Reesdorf, eine alte Kiesgrube, die heute eine Moto-Cross-Anlage für Motorsportler ist, und eine Wiese mit Wildpferden FOTO: Michael SCholten

Die Reesdorfer Kieswerke hatten einst bis zu 200 Mitarbeiter. Eine alte Kiesgrube ist heute eine Moto-Cross-Anlage für auswärtige Motorsportler. Meine Gastgeber finden aber mehr Gefallen am "Pferdefreizeitpark Eidertal" mit Gästen aus ganz Deutschland und Skandinavien. "Wir hatten gehofft, dass Reesdorf Olympia-Stützpunkt wird", sagt Andreas Evers. Doch dann stimmten die Hamburger gegen ihre Olympia-Bewerbung. In Reesdorf hätte das IOC 100 Prozent Zustimmung erhalten.

Wir fahren zum Mittagessen ins Gartencafé. Es ist das älteste Haus in Reesdorf, erbaut 1856. Das Café öffnet von Mai bis Oktober an Wochenenden und auf Anfrage auch für Geburtstage und Hochzeiten. Inge Söhrmann-Gruitrooy ist die Chefin. Ihre Mohn-Marzipan-Torte soll legendär sein. Heute serviert sie Schinkenbrote - und eine große Überraschung: "Mein Ex-Mann Klaus kommt aus Bedburg-Hau, mein Schwager wohnt in Obermörmter. Ich kenne den Niederrhein gut, auch Rees."

Wir sind uns einig, dass der nächste Ausflug der Feuerwehr Reesdorf nach Rees führen muss. Bislang hatte Reesdorf nur Kontakt zu Reesdorf bei Magdeburg. "Der Bürgermeister hat uns nach der Wende angeschrieben und um Hilfe gebeten", sagt Dirk Hinz-Reese. Es gibt noch ein weiteres Reesdorf in Brandenburg, ein typisches Runddorf, aber das hat sich nie um Kontakt zu Reesdorf in Holstein bemüht.

Ich schlage vor, Reesdorf soll mit seinen ostdeutschen Namensvettern spätestens 2028 nach Rees kommen, wenn meine Heimatstadt 800 Jahre alt wird. Denn es kann doch kein Zufall sein, dass Reesdorf die Postleitzahl 24241 hat, wo doch unsere alte Postleitzahl 4242 Rees 1 war. Ich bin mir sicher: Rees und Reesdorf gehören irgendwie zusammen. Wir wussten es nur bislang nicht...

Quelle: RP
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