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Christian Olding
"Gott ist nicht nur kuschelig"

Emmerich. Emmerichs ehemaliger Kaplan Christian Olding hat sich über Kirchenkreise hinweg einen Namen gemacht. Im September erscheint im Herder-Verlag sein Buch "Klartext, bitte! Glauben ohne Geschwätz". Zu Fronleichnam ein kleiner Vorgeschmack.

Im September erscheint Ihr Buch "Klartext, bitte! Glauben ohne Geschwätz". Warum ein Buch? Reicht predigen nicht mehr?

Christian Olding Doch, und das Buch war auch echt eine Herausforderung, denn beim Predigen habe ich direkt eine Reaktion der Leute, wenn ich in ihre Gesichter sehe. Beim Buch musste ich mir Gedanken machen, ob und wie das bei den Leuten ankommt, was ich da schreibe. Trotzdem hat es Spaß gemacht.

Wie war Ihre erste Reaktion, als der Herder-Verlag sich bei Ihnen gemeldet hat?

Olding Wenn so ein renommierter Verlag fragt, dann sagt man erstmal nicht "Nein". Aber es hat schon etwas Surreales, mit 34 Jahren über sein Leben zu schreiben.

Wie ging es dann weiter?

Olding Ich habe erst einmal "Ja" gesagt und ich dachte: "Worüber soll ein Kaplan schreiben?" Im Gespräch hat sich ziemlich fix ergeben, dass es um die Brüche und Herausforderungen im wahren Leben gehen kann und soll, weil man an diesen Punkten lernen und erfahren kann, wie gut Glaube ist.

Was ist denn der Glaube?

Olding Puh, ich kann nur für mich sagen, dass ich hier heute nicht sitzen würde, wenn ich den Glauben nicht gehabt hätte.

In Ihrem Buch geht es um ziemlich persönliche Erfahrungen, etwa den Tod Ihres Vaters.

Olding Das Buch ist in der Tat ein sehr persönliches Buch. Es gibt einen Blick auf die Narben meines Lebens, um zu zeigen, was Glaube in meinem Leben bewirkt hat. Das ist durchaus biblisch. Nach der Auferstehung wurde Jesus vom zweifelnden Thomas an seinen Narben erkannt, die von der Kreuzigung geblieben sind. Das war für die Jünger überzeugend.

Für wen ist das Buch, für Kirchenhasser oder Kirchgänger?

Olding Ich denke für beide. Der Kirchenhasser sollte es lesen, weil die darin enthaltenen Texte zum einen deutlich machen, dass es beim christlichen Glauben um mehr geht als Kirchenstrukturen und Hierarchien. Für den Kirchgänger ist es ein Buch, um ihn zu ermutigen, dem Glauben immer mehr Einfluss auf seinen Alltag zu geben, und dass unser Glaube massig Potenzial hat, Kirche zu gestalten, aber leider viel zu viel Potenzial auf der Straße liegt.

Das heißt?

Olding Wir brauchen dringend wieder eine Vision, was der Auftrag von Kirche ist.

Wie lautet der Auftrag?

Olding Der Auftrag lautet, Menschen in eine Beziehung zu Gott zu führen.

Wer ist Gott?

Olding Oh je, darüber sollte ein eigener Artikel geschrieben werden. Aber ich denke, das Buch ist ein Großteil der Versuch, diese Frage zu beantworten.

Okay, ich frage anders: Was ist Gott nicht?

Olding Gott ist nicht nur kuschelig. Er ist mehr als nur ein guter Freund, mehr als nur ein guter Wegbegleiter, sondern es ist eine herausfordernde Beziehung, die einen prägt und wachsen lässt. Gott ist eben nicht einfach nur lieb.

Trotzdem halten Sie an ihm fest?

Olding Klar, weil ich weiß, dass Gott in den entscheidenden Momenten des Lebens trägt. Wie in jeder guten Beziehung gibt es auch da ein Ringen und Kämpfen, aber die Beziehung zu Gott ist es wert, an ihr festzuhalten.

Das Buch ist also eine Einladung, Gott kennenzulernen?

Olding Ja! Und zwar zunächst fernab von allem kirchlichen Diskussionsstoff und Problemen. Auch wenn ich das Buch als Priester geschrieben habe, denke ich, dass viel Alltagstaugliches drin steckt.

Der Gewinn? Irgendwelche Nebeneffekte?

Olding Nur wenn wir diese Beziehung zu Gott leben, wird es auch für die Kirche bessere Zeiten geben, ansonsten bleibt es beim Steckenbleiben in Strukturfragen.

Das Buch ist geschrieben. Welches Fazit ziehen Sie persönlich? Was ist anders als bei einer Predigt?

Olding Mit Worten lassen sich schöne Luftschlösser bauen. Das Einzige, was überzeugt, ist das gelebte Leben. Alles andere sind Behauptungen. Am Ende sind es die existenziellen Erfahrungen, die den Glauben beweisen können. Meine habe ich aufgeschrieben.

DIE FRAGEN STELLTE BIANCA MOKWA.

Quelle: RP
 
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