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Haldern Pop 2016
Kollege, was ist denn mit unserem Haldern los?

Diskussion - was ist denn mit Haldern los?
Brauchten nach dem Foto zehn Minuten, um sich wieder aufzurichten: die Haldern-Veteranen Sebastian Peters (links) und Sebastian Dalkowski. FOTO: Tobias Jochheim
Halden. Sebastian Peters und Sebastian Dalkowski gehen schon seit Ewigkeiten zum Haldern Pop Festival. Doch in diesem Jahr vermissen sie etwas: die Vorfreude. Zeit für ein Gespräch unter Musikfans. Von Sebastian Dalkowski und Sebastian Peters

Dalkowski Sebastian, zum ersten Mal seit Jahren ist meine Vorfreude auf Haldern eher so mittel. Was ist da los?

Peters Naja, der große Headliner fehlt sicherlich. Aber war das jemals anders in den vergangenen Jahren? Vielleicht ist das Problem genereller Natur: Ich beobachte, dass das Konzept "Haldern Pop" mittlerweile Standard auch bei vielen anderen Festivals ist. Das Haldern Pop zählt längst zu den namhaften Festivals in Deutschland, kokettiert aber immer noch damit, klein und Indie zu sein. Es gibt auch gestiegene Ansprüche, nachdem viele Jahre lang immer wieder die richtigen Bands in Haldern zu sehen waren. Die zunehmend kritische Einstellung zum Line-Up entdecke ich übrigens auch bei meinen Freunden. Was fehlt dir denn konkret in diesem Jahr?

Dalkowski Die Bands, auf die ich mich freue, weil ich sie schon mal seit Jahren sehen wollte. Nennen wir sie ruhig Headliner. Und die Bands, auf die ich mich freue, weil ich sie in diesem Jahr entdeckt habe. Stattdessen müsste ich mir nun mehr als in den früheren Jahren drei Viertel der Bands erst mal erschließen. Vielleicht möchte ich mir aber nicht schon wieder eine skandinavische Jungsband mit erst einer EP erschließen. Du wirkst auch nicht glücklich. Hast du überlegen müssen, ob du überhaupt gehst?

Peters Nein, es gibt ja immer noch die gute Macht der Gewohnheit. Nach knapp 22 Jahren Haldern ohne Pause darf ich mir keine Lücke in meinem Lebenslauf erlauben. Trotzdem war ich nicht hin und weg, als das neue Programm erschien. Die Festivalmacher veröffentlichen mittlerweile als dramaturgisches Element ja immer diese kleinen Filmchen, in denen die Namen der auftretenden Künstler nach und nach genannt werden. Diesmal war eigentlich nach nahezu jedem dieser Filmchen eine gewisse Ernüchterung zu spüren, auch in unserer WhatsApp-Gruppe zum Festival. Die Armut an Bands, die Vorfreude wecken, ist dieses Jahr schon auffällig. Trotz nur noch weniger Headliner: Es gab ja auch zuletzt immer noch drei bis vier Bands, auf die ich mich besonders gefreut habe. Wilco, dEUS, Afghan Whigs. Was mich stört, sind weniger die neuen Bands, die in Haldern zu sehen sein werden, als vielmehr die bekannten Gesichter in Haldern, die man immer wieder sieht. Ich muss jetzt nicht schon wieder unbedingt Loney, Dear sehen. Und ob Thees Uhlmann in Haldern noch einmal ein Konzert meines Lebens spielt, wage ich auch zu bezweifeln. Hast Du eine Erklärung, warum die das machen?

Zehn Bands, die erst nach ihrem Durchbruch in Haldern spielten FOTO: dpa

Dalkowski Vielleicht ist die Wahrheit einfach die, dass echte Headliner mittlerweile zu teuer geworden sind und sie deshalb Bands buchen, die Haldern-Besucher immerhin schon kennen. Vielleicht soll das Festival auch eine jährliche Familienfeier mit ähnlicher Besetzung werden, nur dass alle älter werden. Aber die Kombination aus Bands, die ich nicht noch mal sehen muss, und Bands, von denen man nie wieder hören wird, gefällt mir in diesem Jahr nicht wirklich. Ruht sich Haldern vielleicht auf seinem Ruf aus?

Peters Gut möglich, wobei ja andererseits das Prinzip der Neuentdeckung immer weitergeführt wird. Es ist aber gefährlich zu glauben, dass man vom Ruf, das kleine Indie-Festival mit den Kühen neben dem Zeltplatz zu sein, ewig wird zehren können. Was bei all dem Gerede um Haldern Pop und das spezielle Ambiente dort immer vergessen wird: Die Karten sind mittlerweile schweineteuer. Die Leute zahlen an so einem Wochenende viel Geld für Bands, die sie nicht kennen. Die Gefahr ist: Irgendwann wird Haldern ein inzestuöser Treff von Szenetypen aus Hipsterhausen. Und all die normalen Niederrheiner entschließen sich, einfach ohne Livemusik an den Biggesee zu fahren.

Dalkowski Man bekommt jedenfalls auf anderen Festivals für weniger Geld viele gute "Haldern"-Bands, Appletree Garden Festival, Way Back When - das sind Festivals, die durch Haldern beeinflusst wurden und es vielleicht irgendwann ablösen. Das Publikum in Haldern ist ja eines der wenigen Musikpublikums, das mich null aggressiv werden lässt. Das hat auch gerade damit zu tun, dass da immer auch viele Leute mit niederrheinischer Erdung hinkommen. Aber auf einem Festival sollte ja, finde ich, noch immer die Musik im Mittelpunkt stehen. Es kommt mir aber so vor, als würde es den Machern immer stärker nur um so eine Art Gesamtkunstwerk gehen mit vielen, vielleicht zu vielen Bestandteilen. Allein die enorme Zahl der Bühnen. Da geht auch ein wenig die Gemeinschaft verloren. Oder bin ich da jetzt zu kritisch?

Peters Zustimmung, Herr Dalkowski! Die Zahl der Bühnen, in den vergangenen Jahren manchmal fünf Spielorte, passte meiner Meinung nicht zur propagierten Entschleunigung. Hier wäre ich tatsächlich dafür, weniger mehr sein zu lassen. Warum nicht einfach nur noch eine Bühne, und ein Drittel der bisherigen Bands? Apropos, ich habe mir eine Menge der Musik schon angehört. Und das ist die tröstliche Nachricht: natürlich gibt es auch wieder jede Menge Zeugs, wegen dem man am Ende doch glücklich sein wird, in Haldern gewesen zu sein. Der Folkrock von Husky berührt mich sehr, die Britin Lapsley ist die bessere Adele. Auf den Rumpelrock von Ben Caplan & The Casual Smokers stehe ich. Der füllige Schwede Ebbot Lundberg ist einer meiner Helden. Soulstar Michael Kiwanuka hat ein tolles neues Album veröffentlicht – er hat Headliner-Qualitäten, ebenso wie die Soulmusiker St. Paul & Broken Bones. Es gibt schon Bands, die Vorfreude wecken. Wie sieht es bei Dir aus?

Dalkowski Ben Caplan gehört für mich zur Kategorie "Warum der schon wieder?". Sah ich Anfang des Jahres in Köln, trug Man-Bun. Sorry, da bin ich raus. Höre mich auch gerade durch. James Blake ist wirklich ein toller Musiker, aber er hat viele Jungs dazu veranlasst, einfach nur glatt produzierte Popsongs mit verhalltem Gesang aufzunehmen, ohne irgendeine relevante Melodie. Da gibt es in diesem Jahr auch wieder einige Kandidaten. Aber ja, da sind schon ein paar Programmpunkte, auf die ich mich freue. Die an die Gurgel gehenden Money aus London, die superdüstere Jazzmusikerin Melanie de Biasio. Aber ich sage dir, wenn Jack Garratt spielt, werde ich mich im Auto einschließen und das Radio aufdrehen. Jungs, singt bitte wieder wie Männer oder zumindest wie Ben Gibbard. Sag mal, Damien Rice als Headliner - anschauen oder nicht?

Peters Ich werde ihn mir geben, weil ich dort vielleicht lerne, warum er ein großer Musiker sein soll. Sein aktuelles Album habe ich mir mal angehört, ganz o. k. Frau du Biasio finde ich auch toll, die hat sowas von Nina Simone. Wie überhaupt in diesem Jahr der Jazz in Haldern auffällig präsent ist. In dieser Hinsicht setzt das Festival eben doch noch immer Maßstäbe. Nicht zuletzt seit Typen wie Kamasi Washington oder Kendrick Lamar wird der Jazz ja auch als Popular-Musik wieder entdeckt. In Haldern höre ich mehrere Bands in diesem Jahr, die Jazz-Elemente in ihren Sound integrieren: Sean Noonan ist in dieser Hinsicht ein wilder Typ. By the way: Du musst Trevor Sensor hören. Neue Bob Dylans werden uns ja alle drei Jahre aufgeschwatzt. Dieser Kerl kann es aber wirklich. Da werde ich ganz bestimmt nicht im Auto sitzen. Wenngleich ich natürlich dort – wie traditionell beim Festival – auch wieder sitzen werde. Leider fällt Haldern auch in diesem Jahr wieder mit einem Bundesligaspieltag zusammen. Wie treu ich dem Festival bin, siehst Du daran, dass ich das Auswärtsspiel meines Lieblingsvereins am Freitagabend in Düsseldorf ausfallen lasse und mich stattdessen auf die Reitwiese in Haldern stelle. Was Jack Garrat angeht: Vielleicht komme ich bei ihm mit in Dein Auto. Muss ihn aber noch ein paar mal hören. Lust auf ein kleines Quiz zum Ende? Die 30 größten Hits der Hothouse Flowers, die ja in Haldern einer der Headliner sind?

Dalkowski Ich glaube, meine Borussia hat am Haldern-Wochenende noch nie gewonnen. Letztes Jahr 0:4 gegen Dortmund. Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wer die Hothouse Flowers sind. Der Name lässt mich eine Coverband vermuten, die auf niederrheinischen Stadtfesten auftritt. Aber lass uns nicht ins Schwätzen kommen - noch mal knallhart nachgefragt: Lohnt sich Haldern noch?

Peters Ja. Erstens: Wir werden auch in diesem Jahr wieder unsere Entdeckungen machen. Zweitens: Wer sich vorher rein arbeitet, ist klar im Vorteil. Drittens: Was was wäre ein Sommer, ohne in Haldern gewesen zu sein. Wir sind jetzt wohl Traditionalisten, damit müssen wir uns abfinden. Kommst du mit?

Dalkowski Wir sind Traditionalisten heißt wohl, dass wir jetzt alt sind und wenn wir von Haldern 2001 oder was auch immer erzählen, wird es klingen, als erzählt Opa von damals, als die Kinder noch auf Bäume geklettert sind. Ja gut, ich komme mit, aber zu einfach will ich es dem Festival nicht machen. Haldern ist auf Bewährung.

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