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Haldern Countdown
Ohne Tanzfläche läuft hier nichts

Haldern Pop 2017 mit Hurray For The Riff Raff, Daniel Brandt und Nothing
Die "Parcels" - fünf Australier, die in Berlin gestrandet sind - stehen für beste Dancemusic. FOTO: Plattenfirma
Emmerich. Am 10. August beginnt das Haldern-Pop-Festival. RP-Redaktionsleiter Sebastian Peters hat sich die aktuellen Alben der Bands bereits angehört. Hier sein Urteil:

Hurray For The Riff Raff - The Navigator Die Band Hurray For The Riff Raff macht trotz dieses so sonderbar klingenden Bandnamens eine erstaunlich traditionell klingende Americana-Musik. Sängerin Alynda Segarra, mit puerto-ricanischen Wurzeln, wurde in der Bronx groß. Hier - und im Besuch zahlreicher Punkkonzerte - wurde wohl der Grundstein für das Kämpferische in ihrer Stimme gelegt, wohingegen der Schmalz, das Countryeske, wohl auf ihren Hitchhiker-Touren durch Nordamerika basiert. Segarra hat mit "The Navigator" ein Konzeptalbum geschrieben; erzählt wird von einem Mädchen namens Navita, das sich dem Alltagsrassismus in den Staaten widersetzt. So transportieren die bittersüßen Songs im Stile von Cat Power und Lucinda Williams im Trump-America eine knallharte Botschaft: Widersetze Dich dem Schwachsinn. Landauf, landab feiern die amerikanischen Medien diese Musik, der man den Klassenkampf-Impetus beim ersten Hören so gar nicht zutraut. Schenkt Alynda Segarra Gehör!

Klingt nach: Cat Power, First Aid Kid, Courtney Barnett (Punkte: 4/5).

Daniel Brandt - Eternal Something Daniel Brandt ist Teil der Berliner Technokollektivs Brandt Brauer Frick, das für seinen ungewöhnlichen Ansatz, Technomusik mit klassischer Instrumentierung zu spielen, landauf landab und über Grenzen hinweg gefeiert wurde. Diese Idee setzt Daniel Brandt auf seinem Solodebüt "Eternal Something" fort, und doch sind markante Unterschiede zu entdecken. Mehr noch als die Bandwerke ist das hier Arbeit am offenen Herzen, der Sound hat etwas Unfertiges und gewinnt seinen Reiz gerade daraus, dass man dem Entstehen der Songs beizuwohnen glaubt. Dieser Eindruck wird auch dadurch geprägt, dass die Songs live aufgenommen wurden. Auf Gesang wird verzichtet, perkussiv sind die Songs orientiert. Jazz, Techno, Elektronik - ein wahres Experimentierfeld.

Klingt nach: Brandt Brauer Frick (Punkte: 4/5).

Nothing - Tired Of Tomorrow Eine wahrlich bekloppte Idee, einen Musikstil danach zu benennen, wie die meisten Hörer ihren Kopf halten. Im Falle von "Shoegazing" bedeutet dies, den Kopf hängen zu lassen, also auf die Schuhe zu schauen. Die amerikanische Band Nothing aus Philadelphia gilt als Vertreter des Genres Shoegazing-Rock, und wer die Tracks ihres Zweitwerks "Tired Of Tommorow" hört, der ahnt, warum das keine Musik für den Partykeller ist. Das Keyboard pappt dick den Songhintergrund an die Wand, die Gitarren fräsen sich einmal durch und der Gesang wird wie feine Linien darüber gemalt. Schwermut dominiert textlich wie musikalisch und doch ist diese silberne Linie in der Wolke immer erkennbar. Zumal gesanglich eine gewisse Nähe zum Emorock der Band Jimmy Eat World nicht zu leugnen ist.

Klingt nach: My Bloody Valentine, Slowdive (Punkte: 5/5).

Mavi Phoenix - Young Prophets (EP) Dance Pop mit Street Credibility war so ziemlich das Letzte, was man aus unserem Nachbarland Österreich erwarten durfte. Wer die Musik der 21-jährigen Mavi Phoenix auf ihrer EP "Young Prophets" hört, der glaubt kaum, dass dies Musik aus dem Land von Kaiserschmarrn und Hollerg'spritztn ist. Mavi Phoenix' tanzbarer Pop mit HipHop-Anleihen ist mit ausreichend Widerhaken versehen, um nicht beim ersten Hören gleich wieder das Ohr zu verlassen.

Klingt nach: Lady Gaga, M.I.A. (Punkte: 3,5/5).

Penguin Café - The Imperfect Sea Wie der Vater, so der.... Simon Jeffes war in den Siebzigern ein Folkmusiker, der mit seinem Penguin Café Orchestra auf der Grenze zwischen Klassik und Folkrock musizierte. Die Alben erschienen auf dem Label von Brian Eno - Jeffes reüssierte in seinem Genre mit Klassik. Die Avantgardemusik führt nun Sohn Arthur nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1996 fort - mit Teilen der alten Besetzung. In der Neuauflage klingt das Penguin Café nun stellenweise wie Chill-Out-Musik: Ambient trifft auf Klassik trifft auf Jazz trifft auf Klavieretüden. Spannend ist das selten, Energie wird hier nicht versprüht. "The Imperfect Sea" wirkt im besten Fall hypnotisch, im schlimmeren Fall ist es Musik zum Einschlafen.

Klingt nach: Lubomir Melnyk, Hauschka (Punkte: 3/5).

Parcels - Hideout (EP) Kunterbunt ist die musikalische Welt von Parcels, fünf Australier, die in Berlin gelandet sind, um zu bleiben. Auf ihrer EP "Hideout" transportieren sie den Disco-Sound in die Jetzt-Zeit, spielen ihn in einer spannenden Funky-Elektronik. Vieles erinnert an Daft Punk, auch Hot Chip sind Patenonkel dieser Truppe. Parcels spielen mit großer Leichtigkeit. Warme Empfehlung: Hören Sie diese Songs nicht ohne eine Tanzfläche in ihrer Nähe. Und wenn sie wirklich keine finden: Denken Sie sich eine.

Klingt nach: Hot Chip, Chic, Daft Funk (Punkte 4,5/5)

Quelle: RP
 
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