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Haldern Pop 2015
Das Leben ist ein Festival

Haldern Pop 2014: Fans feiern die Bands und sich selbst
Haldern Pop 2014: Fans feiern die Bands und sich selbst FOTO: van Offern, Markus
Emmerich. Auf Open Airs wie dem Haldern Pop lernen wir nicht nur, auf welche Musik wir stehen – wir lernen, wer wir sind. Von Sebastian Dalkowski

Wir hatten gewartet. Stundenlang. Tagelang. Wochenlang. Gewartet wie ein Kind auf den Weihnachtsmann, wie der HSV auf einen Heimsieg. Wir hatten gefragt, wir hatten gebettelt, wir wollten uns nicht mehr länger hinhalten lassen. Und am Freitagnachmittag gegen 16.30 Uhr tauchte es im Internet auf: ein Stück Papier mit Namen und Uhrzeiten. Der Zeitplan des Haldern Pop Festivals 2015.

Sogleich kamen die Schmerzen. Für manche war es mehr wie ein Stich, für andere so, als seien sie im Keller eines mittelalterlichen Folterknechts gelandet. Denn da stand es ja: Die eine Lieblingsband spielte zur selben Zeit wie die andere Lieblingsband, und die dritte Lieblingsband spielte so, dass es unmöglich war, zwei andere auch noch sehr geliebte Bands zu sehen. Courtney Barnett vs. The War On Drugs. Bernd Begemann vs. Grandbrothers. Bernd Begemann vs. Marcus Wiebusch. Soak vs. Olli Schulz. Kate Tempest vs. DMA's.

Zehn Bands, die erst nach ihrem Durchbruch in Haldern spielten FOTO: dpa

Als würden Vater und Mutter fragen: "Na, wen hast du lieber?" Mama... äh Papa... ne Mama... doch Papa.

Das ist das Line-up beim Haldern Pop 2015

Wir sollten uns trösten. Mit dem Gedanken, dass Festivals uns einiges, vielleicht sogar alles über uns selbst verraten. Weil Festivals verdichtetes Leben sind.

So lernen wir zum Beispiel, welche Musik wir ganz okay, ziemlich gut und wirklich am besten finden. Wenn wir sagen: Na dann eben War On Drugs – dann wissen wir, dass wir eben doch am meisten auf melancholischen Pathos stehen und nicht auf lässige Rockmusik. Wenn wir uns für Bernd Begemann und gegen Grandbrothers entscheiden, wird uns klar, dass wir clevere Elektronik zwar schätzen, aber clevere Texte lieben. Ein Festival lehrt uns: Wir können im Leben nicht alles haben. Aber das, was wir haben, ist garantiert gut.

Wir lernen auf einem Festival noch viel mehr über uns.

Das Naheliegende: Wie wichtig ist uns Komfort? Wie wichtig ist uns Hygiene? Können wir die ganze Nacht nicht schlafen, weil die Iso-Matte viel zu dünn ist? Machen wir uns die Mühe, jeden Morgen zur Dusche zu latschen, wenn wir zehn Minuten später sowieso wieder schwitzen und es doch eigentlich reicht, einmal den Kopf unter die Wasserflasche zu halten? Wir wissen am Ende des Festivals wie fit wir sind, wie leidensfähig und wie alt in Wirklichkeit. Boah, Leute, könnt Ihr endlich mal die Musik leiser drehen! Ich will schlafen.

Unser Verhalten in den Warteschlangen vorm Einlass und am Bierstand lehrt uns, wie geduldig und rücksichtsvoll wir sind. Unsere Entscheidung, ob wir uns lieber alleine die Lieblingsband ansehen oder mit Freunden das Konsens-Konzert, sagt uns, ob uns Musik oder Freunde wichtiger sind. Beide Entscheidungen sind nachvollziehbar – den ganzen Tag am Zelt herumzuhängen allerdings nicht. Wir erfahren, welche Freunde wirklich unsere Freunde sind – nämlich die, mit denen wir nach zwölf Stunden auf dem Campingplatz Abends noch ein Bier trinken können, ohne dass uns die Gesprächsthemen ausgehen. Wir wissen nach drei Tagen auch, wie viele und welche Menschen wir ertragen, ja, ob wir überhaupt Menschen in unserer Nähe ertragen. Wenn der Kerl da vor mir jetzt noch weiter ins Konzert quatscht, niete ich den um.

Am Ende halten wir auch eine Antwort auf diese Frage in den Händen: Was ist unsere Vorstellung von Glück? Reicht uns ein Stück Land auf dem Land mit Zelten drauf und einigen Bühnen, auf denen Musiker unsere Songs spielen? Oder ist das für uns nur eine nette Abwechslung auf dem Weg zu Karriere, Ruhm und Reichtum? Reicht uns das kleine Glück oder wollen wir die Weltherrschaft?

Oder ist das kleine Glück das größte, das wir bekommen können?

Samstagnacht, wenn die letzte Band anfängt, ihre Instrumente einzupacken, oder am Sonntagmorgen, wenn wir unser feuchtes Zelt in den Beutel stopfen und uns fragen, ob wir das letzte Dosenbier nun auch noch trinken sollen – dann wissen wir, wer wir sind.

Ich habe mich für The War On Drugs entschieden. Ich werde dafür jede Alternative sausen lassen.

 
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