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Emmerich
Happe-Film ist ein Stück Zeitgeschichte

Emmerich: Happe-Film ist ein Stück Zeitgeschichte
Emmerich. Vom Underground zu Weltruhm: Der Emmericher Filmemacher Uli Happe ist mit seiner Dokumentation über die englische Künstlergruppe "Mutoid Waste Company" für den Portobello-Filmpreis in London nominiert worden. Von Markus Balser

Manche Dinge brauchen eben ihre Zeit. Und viel davon, über zwei Jahrzehnte, hat es gedauert, bis der in Berlin lebende und aus Emmerich stammende Künstler und Filmemacher Uli Happe ein Werk vollenden konnte, dass er Ende der 1980er Jahre begann.

"Declassified" (Deutsch: Freigegeben) handelt von der inzwischen legendären englischen Künstlergruppe "Mutoid Waste Company". Die Performance-Gruppe hatte in den 80er Jahren auf der Insel die ersten Rave-Parties initiiert und wurde unter anderem von der Punk-Bewegung, "Mad Max"-Filmen und Judge Dredd-Comics inspiriert. Die Künstler bauten alte Autos zu Endzeit-Vehikeln und Skulpturen um, und führten diese dann mit Feuerschluckern, weiteren Künstlern und Musikern auf Festivals und bei Happenings vor.

Nach wiederholtem Ärger mit den Behörden verließ die Gruppe Großbritannien in Richtung Europa und kam 1989 schließlich nach West-Berlin. Auch dort fanden zahlreiche Performances statt, und auch dort gab es Ärger mit den Behörden, nämlich mit denen der DDR. Die Installation "Käfer Man", die sich auf den Gleisen vor der Mauer auf DDR-Gebiet befand, wurde nachts von den Grenztposten wieder auf die Westseite geschoben die Schienen demontiert, um eine Rückkehr zu verhindern.

Die "Mutoid Waste Company" zog dann irgendwann nach Südeuropa weiter. Immer im Schlepptau: Uli Happe, der mit den Künstlern nicht nur zusammen arbeitete, sondern auch mit ihnen lebte. An der Truppe hatte ihn vor allem ihre Einstellung interessiert: "Sie geben alles von sich preis: wie sie leben, arbeiten, sich vorbereiten und ihre Show zelebrieren."

Von 1989 bis 1994 hatte Happe gut 100 Stunden Rohmaterial von den "Mutoids" gedreht. Entstanden ist so eine Dokumentation, die vergangene Woche auf dem renommierten Portobello-Filmfestival in London für den besten Film nominiert war. Über 600 Filme waren eingereicht worden, Happe schaffte es unter die ersten Zwölf. Dabei lag das Projekt erst einmal lange Jahre auf Eis. Den Anstoß, den Film dann doch herauszubringen, hatte Happe von seinem Freund, dem bekannten Historiker Jörg Friedrich ("Der Brand"), erhalten.

Ihn hatte der Filmemacher bei den Dreharbeiten zu "97 Prozent" kennengelernt, der die Zerstörung Emmerichs im Zweiten Weltkrieg schildert. "Uli Happe ist einer der kreativsten Menschen, die ich jemals kennen gelernt habe. Ich habe ihm gesagt, Du musst den Film machen, denn schließlich ist er auch ein Zeitdokument, der die Situation Berlins in den 80er Jahren schildert", berichtet Friedrich. Den Historiker haben dabei vor allem die englischen Künstler fasziniert: "Diese Jungs haben ganz naiv ihre Happenings veranstaltet, was von der DDR und der Linken in West-Berlin als pure Provakation aufgefasst wurde. Dabei sind sie erfrischend, natürlich und vor allem menschlich."

Die "Mutoids" sorgen übrigens weiter für Furore und sind mittlerweile Bestandteil der etablierten Internationalen Künstlerszene. Ihre Mitglieder sind am legendären "Burning Man Festival" beteiligt, für das jährlich gut 70.000 Menschen in die Wüste Nevadas pilgern, gestalteten eine Bühne für die Tournee der Rolling Stones und zeichneten auch für die spektakuläre Abschluss-Show der Paralympics 2012 in London mit verantwortlich. An diesen Weltruhm war freilich noch nicht zu denken, als Uli Happe mit der Truppe unterwegs war.

Sein Film, den er nicht nur drehte, sondern auch schnitt und selbst vermarktet, wird demnächst als DVD erhältlich sein. Er soll außerdem auf weiteren internationalen Filmfestivals gezeigt werden. Auch eine Vorführung in Emmerich ist nicht ausgeschlossen. "Wenn daran Interesse bestehen sollte", so Happe.

Quelle: RP
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