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Rees
Heute gehen wir einmal zu Kullmann

Rees: Heute gehen wir einmal zu Kullmann
Rees. Er hat für Präsidenten und Prominente gekocht, doch seit ein paar Jahren wirkt Volker Kullmann im Sport- und Freizeitcenter. 2016 wird er 70 Jahre alt und möchte kürzer treten. Bis dahin gibt es noch viele Schnitzel "Reeser Stübchen". Von Michael Scholten

Pi mal Daumen waren es 50.000 Stück. So viele Schnitzel "Reeser Stübchen" mit Sauce Hollandaise hat Volker Kullmann in den vergangenen 35 Jahren geschnitten, geklopft, gewürzt, paniert, gebraten und mit Beilagen servieren lassen. Hinzu kommen 25.000 Schnitzel "Reeser Stübchen" auf Toast mit Sauce Hollandaise und Salatbeilage. Wie oft die "Reeser Platte", die aus Currywurst, Pommes frites und Mayonnaise besteht, in seinem Sport- und Freizeitcenter verkauft wurde, kann Kullmann nicht mit Gewissheit sagen. Wohl aber, dass Reeser Gäste gern etwas bei ihm bestellen, dass nicht nur gleichbleibend gut schmeckt, sondern auch "Rees" im Namen trägt.

Sein eigenes Leibgericht kommt dagegen aus Königsberg und wird nicht von ihm, sondern von seiner Frau Annelie zubereitet: Königsberger Klopse. "Wenn Annelie mit ihren Freundinnen in Urlaub fährt, macht sie mir vorher 30 Königsberger Klopse, die ich dann über die ganze Woche verteilt esse."

Ohnehin schwört Kullmann, der in seiner 55-jährigen Karriere ebenso für Präsidenten und Bundeskanzler wie für ganz normale Bürger kochte, privat auf Eintöpfe und Hausmannskost. "Ich komme aus einer Familie mit acht Kindern. Da gab es sonntags zwei Steaks, von denen eines für meinen Vater war und das andere für meine Mutter und uns Kinder." 1946 in Essen geboren, war für Kullmann eine Zukunft unter Tage vorgesehen, so wie auch seine Brüder auf der Zeche arbeiteten. "Doch nach einem Grubenunfall meines Bruders erschien meinen Eltern der Job zu gefährlich." Der 15-Jährige sollte Koch werden, seine Patentante schenkte ihm als Startkapital sechs Hosen, sechs Jacken, sechs Mützen, sechs Halstücher und ein großes Messerset.

Drei Jahre durchlief Volker Kullmann die harte Ausbildung im "Essener Hof" und in der Krupp-Residenz "Villa Hügel". Danach arbeitete er in 24 Hotelbetrieben in der Schweiz, in Frankreich, Schweden und Deutschland, bevor er 1971 die Küchenleitung der Barbarossa-Hotels in Recklinghausen übernahm. Dort genossen Prominente wie Horst Tappert und Inge Meysel seine Küchenkreationen. "Für die Schauspielerin Elisabeth Flickenschildt musste ich ein Filet durch den Fleischwolf drehen", grinst Kullmann. "Die Pampe sollte ihr Hund bekommen, sie selbst aß dann Grießbrei mit Früchten."

Auch die Bestellungen der Reeser ließen ihn ab 1980 wiederholt am Geschmack und Verstand der Niederrheiner zweifeln. Fischfilet mit Pommes? Canapés mit Reis? Das war anfangs nicht vereinbar mit Kullmanns Auffassung von guter Küche. "Nach zehn Tagen in Rees wollte ich wieder zurück ins Ruhrgebiet, ich hatte Heimweh", erinnert sich der Mann mit dem schwarz-rot-goldenen Kragen an der Kochjacke. Ohnehin gab es Startprobleme in dem Sport- und Freizeitcenter, das der Bauunternehmer Rudi Kemkes 1980 am Groiner Kirchweg errichtet hatte - trotz aller Warnungen, dass kein Reeser "so etwas" brauche.

In den ersten Jahren waren es vor allem in Rheinberg und Kalkar stationierte amerikanische Soldaten, die zum Bowlen nach Rees kamen und für Umsatz sorgten. Doch nach dem Bombenanschlag auf die Discothek La Belle in Berlin galt 1986 eine Ausgangssperre. Das bekamen auch der Küchenchef und Pächter Volker Kullmann und seine Frau Annelie zu spüren. Sie bauten sich in Dinslaken ein zweites Standbein auf und übernahmen dort die Gastronomie der Trabrennbahn. 1991 verließen sie Rees. Dem Sport- und Freizeitcenter bekam das gar nicht. Immer neue Pächter gaben sich erfolglos die Klinke in die Hand, 1993 zerstörte ein Feuer die Anlage. Drei Jahre später bat Rudi Kemkes die Kullmanns, nach Rees zurückzukehren. Sie taten es, kauften nach der Insolvenz von Kemkes' Firma RBU sogar das ganze Center und bauten es zu einer Institution aus. "Wir gehen zu Kullmann", ist der Standardspruch vieler Sportler und Leckermäuler in Rees, obwohl sich der Hausherr ganz bescheiden gibt: "Meine Frau ist der Boss, ich bin nur Hausmeister mit Kochkenntnissen." Im nächsten Jahr wird Kullmann 70 und möchte kürzer treten: "Das Haupthaus will ich gern weiterführen, die Sportanlagen gern verkaufen", sagt er und bedauert, dass der Verkauf der Tennishallen an den Tennisclub Blau-Weiß gerade gescheitert ist. Ganz neue Herausforderungen, zum Beispiel eine späte Karriere in einem Luxushotel in Dubai oder die Übernahme des zum Verkauf stehenden Restaurants Op de Poort am Rhein, will er nicht mehr wagen: "Bist Du bekloppt?", fragt Kullmann in seiner bekannt saloppen Art. "2016 bekomme ich erstmal ein neues Knie und dann koche ich noch ein paar Jahre weiter für die Reeser."

Quelle: RP
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