| 10.05 Uhr

Emmericher Polizei holt betrunkenen Fahrer vom Gleis
"Ich weiß, dass dort alle paar Minuten ein Zug kommt"

Emmericher Polizei holt betrunkenen Fahrer vom Gleis: "Ich weiß, dass dort alle paar Minuten ein Zug kommt"
Polizeikommissar Sebastian van Brakel holte den betrunkenen Fahrer vom Gleis. FOTO: Zörner
Emmerich. Kurz bevor ein ICE auf seinen Pkw prallte, retteten Polizisten einen 56-jährigen Emmericher. Der betrunkene Fahrer hatte sich in den Gleisen festgefahren. Die Beamten kennen die Bahnstrecke gut – und handelten schnell.  Von Monika Hartjes und Beate Wyglenda

Als Polizeikommissar Sebastian van Brakel (27) während seiner Streife am Donnerstagabend am Bahnübergang B 8 in Emmerich-Elten ankam, konnte er im ersten Moment nicht glauben, was er sah: auf den Gleisen ein Mercedes, die Fahrertür geöffnet, im Wagen ein Mann. "Mir sind tausend Gedanken durch den Kopf geschossen, vom Suizidversuch bis zu einem internistischen Notfall", sagt der junge Polizist.

Tatsächlich hatte sich der betrunkene Fahrer mit den Vorderreifen seines Pkw in den Gleisen festgefahren. Die Streifenwagenbesatzung zog den Mann aus dem Fahrzeug, und keine zwei Minuten später passierte ein ICE aus Frankfurt mit Ziel Amsterdam die Stelle und prallte mit Tempo 110 auf den Wagen. Nach dem Zusammenstoß war der Mercedes ein Wrack, der Zug nicht mehr fahrtüchtig. Aber niemand wurde verletzt.

Auto prallt mit ICE in Emmerich zusammen FOTO: Guido Schulmann

"Ich dachte selbst: Nur weg von hier"

Sebastian van Brakel, der in der Schicht mit seinen Kollegen, Polizeihauptkommissar Holger Tenhaft (51) und dem Auszubildenden Luca Müller (23) unterwegs war, kennt die Bahnstrecke gut. "Ich weiß, dass dort alle fünf bis zehn Minuten ein Zug kommt." Deshalb ging er sofort zu dem Wagen und holte den Fahrer heraus. Sein Kollege Holger Tenhaft informierte derweil die Leitstelle, um den Bahnverkehr zu stoppen.

Die Warnung erreichte den Lokführer des ICE allerdings nicht mehr. "Gerade als mein Kollege sich auf den Gleisen befand, um nach weiteren Personen im Auto zu schauen, gingen die Schranken runter", erzählt van Brakel. Er rief dem Kollegen noch zu, er solle sofort die Gleise verlassen. "Ich dachte selbst: Nur weg von hier."

Mit Tempo 110 erwischte der Zug den Pkw am Heck: Er hob ihn an, der Wagen drehte sich um 90 Grad und landete wieder auf den Gleisen. Zwar hatte der Lokführer noch das Blaulicht des Streifenwagens am Bahnübergang gesehen und eine Vollbremsung eingeleitet. "Auf diese kurze Distanz war es jedoch nicht möglich, den Zug zu stoppen", sagt van Brakel. Erst 150 Meter weiter kam der Zug zum Stehen. An dieser Stelle fährt der ICE gewöhnlich mit einer Geschwindigkeit von 130 Stundenkilometern.

An Bord des ICE waren 110 Fahrgäste, sie wurden von der Feuerwehr über Leitern aus dem Zug geholt. "Bei der Unfallaufnahme machten die Passagiere einen weitgehend gefassten Eindruck", sagt der Polizist. Dem Lokführer hätte man den Schrecken jedoch schon angesehen. Die Deutsche Bahn schaltete einen Notfallmanager ein, kurz darauf wurden die Passagiere mit Bussen ins knapp 30 Kilometer entfernte Arnheim in den Niederlanden gebracht. Dort konnten sie in einen anderen ICE steigen.

"Es ist ein schönes Gefühl, eventuell Schlimmeres verhindert zu haben"

Der 56-jährige Autofahrer verdankt den Polizisten wohl sein Leben. "Dem Fahrer schien es nicht bewusst gewesen zu sein, in welcher Gefahrensituation er sich da befand", sagte van Brakel. Unverständlich ist auch, wie es der stark alkoholisierte 56-Jährige mit seinem Wagen überhaupt auf die Gleise geschafft hatte. Straße und Gleise kreuzen sich an der Unfallstelle in einem spitzen Winkel, sagt Manfred Jacobi, Sprecher der Kreispolizei Kleve.

Der Fahrer muss eine extrem enge Kurve gefahren sein, um überhaupt dorthin zu gelangen. Dankbar zeigte sich der Autofahrer gegenüber seinen Rettern jedoch nicht: Auf der Wache wehrte er sich gegen den Versuch, ihm Blut abzunehmen, und verletzte dabei noch zwei Polizeibeamte leicht.

Die dreiköpfige Besatzung des Streifenwagens ist jedoch nur glücklich, dass sie am Donnerstagabend zufällig diese Route nach Elten gewählt hat. "Wenn kein besonderer Einsatz ansteht, bespricht das Team für sich, wo es hingeht", sagt van Brakel. Er und seine Kollegen seien einfach froh, dass sie zur richtigen Zeit am richtigen Platz gewesen seien. "Es ist ein schönes Gefühl, eventuell Schlimmeres verhindert zu haben", sagt van Brakel.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Emmericher Polizei holt betrunkenen Fahrer vom Gleis: "Ich weiß, dass dort alle paar Minuten ein Zug kommt"


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.