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Rees
Ihre Erinnerungen sind ein Stück Historie

Rees: Ihre Erinnerungen sind ein Stück Historie
"Ich mochte das alte Rathaus und die schönen Geschäftshäuser." Eine historische Ansicht vom Markt. FOTO: Stadtarchiv/Markus van Offern
Rees. Bernhardine Niemeier starb vor wenigen Tagen mit 103 Jahren. Bewegender Rückblick auf Kindheit und Jugend. Von Michael Scholten

Als ihr zweiter Ehemann im Sommer 1998 starb, sagte die damals 86 Jahre alte Bernhardine Niemeier: "Ich will aber noch ein bisschen leben..." Ihr Wunsch ging in Erfüllung. Und so konnte sie am 17. März ihren 103. Geburtstag im Kreise der Familie und Nachbarn am Groiner Kirchweg feiern. Vor einer Woche starb die zweitälteste Reeser Bürgerin, am heutigen Samstag findet um 9 Uhr ein Trauergottesdient in der Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt statt, gefolgt von der Beisetzung auf dem Friedhof am Westring.

Erst vor wenigen Monaten blickte Bernhardine Niemeier, die bis zuletzt aktiv am Reeser Vereinsleben teilnahm und seit 1940 Mitglied der katholischen Frauengemeinde war, im Gespräch mit der Rheinischen Post auf ihre Kindheit und Jugend zurück.

Das hat Bernhardine Niemeier noch gesehen: die katholische Kirche und das Rathaus am Markt um 1935.

"Ich kam am 17. März 1912 in Heelden zur Welt, das damals zu Millingen gehörte. Meine Eltern, der Schreinermeister Bernhard Küpper und seine Frau Katharina, hatten acht Kinder, vier Jungs und vier Mädchen. Ich war die Älteste. Mein Vater wurde für den Ersten Weltkrieg eingezogen und kam glücklicherweise zurück. Ich weiß noch, dass er mir meine erste Puppe mitbrachte. Wir wohnten in einem Haus, das heute noch an der B 67 steht. Je zwei Kinder teilten sich ein Bett, statt Matratzen hatten wir Strohsäcke. Das Leben war hart, aber schön. Wir hielten Hühner, Kühe, Schafe, Schweine, backten unser eigenes Brot und weckten viel Obst und Gemüse ein. Was wir nicht selbst zum Essen brauchten, verkaufte meine Mutter auf dem Markt in Rees. Ich begleitete sie gern in die Stadt, denn ich mochte das alte Rathaus und die schönen Geschäftshäuser.

Die Markthändler legten Decken auf den Boden und boten darauf ihre Waren an. Die Fischer verkauften Maifische, die wir gern kauften und zu Hause in die Bratpfanne legten.

Das war ihr 100. Geburtstag: Bernhardine Niemeier () kam mit einer Kutsche in den "Rheinterrassen" an. FOTO: van Offern, Markus (mvo)

Wir Kinder mussten viel auf den Feldern helfen, meine Großeltern hatten einen Bauernhof in der Nähe unseres Hauses. Sonntags machten wir uns aber gegenseitig fein und gingen zur Kirche in Millingen, auch das Schützenfest war eine schöne Abwechslung. Einmal waren meine Eltern mit am Thron. Und wenn der Fürst in Anholt ein Fest ausrichtete, gab es einen Fackelzug vom Schloss durch den ganzen Ort. Dann fuhren wir mit den Fahrrädern hin und schauten zu. Auch Schloss Empel habe ich oft gesehen, als es noch keine Ruine war. Mein Vater arbeitete dort oft als Schreiner und ich brachte ihm das Essen. Das Haus war sehr groß, die Leute waren reich.

Bis zur Schule in Heelden liefen wir nur etwa eine Viertelstunde. Alle Jungen und Mädchen, egal wie alt sie waren, saßen im selben Klassenraum. Unser Lehrer war streng, der kam noch vom Militär. Er schlug einige Kinder, aber mich nicht. Ich war immer brav. Mit 14 verließ ich die Schule und half meiner Mutter beim Erziehen der jüngeren Geschwister. Außerdem besuchte ich die Nähschule in Isselburg.

Später, als ich ungefähr 20 Jahre alt war, arbeite ich in Rees in der Gaststätte Steinbach. Dort lernte ich auch meinen ersten Mann kennen, den ich 1938 heiratete. Er stammte vom Bauernhof Peters.

Der Zweite Weltkrieg hatte schlimme Folgen: Meine vier Brüder und auch mein Mann fielen an der Front. Ich war Kriegerwitwe mit zwei sehr kleinen Kindern. Die Firma Wennemann, für die mein Mann gearbeitet hatte, baute den Keller unseres Hauses am Groiner Kirchweg zum Schutzraum aus.

Doch als Rees 1945 bombardiert wurde, hatte ich mich mit meinen Kindern in Heelden in Sicherheit gebracht.

Weil die Reeser Innenstadt ausgebombt war, wurden mehrere Leute in meinem Haus am Groiner Kirchweg und in der angrenzenden Schreinerwerkstatt einquartiert. Eine der Frauen hatte niederländische Papiere, was sich als Glücksfall erwies. Denn die Alliierten hatten bereits unsere Möbel aufgeladen, als die Frau ihre Dokumente zeigte. Der Besitz von Holländern durfte aber nicht konfisziert werden, weshalb alle Möbel wieder abgeladen wurden. Die Leute haben nach dem Krieg noch lang bei uns gewohnt."

Quelle: RP
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