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Emmerich
Kampf gegen die Alkoholsucht

Emmerich. Jeden Dienstag treffen sich Anonyme Alkoholiker und Angehörige zu je einer Gruppensitzung. Ein Besuch.

HALDERN (ha) Wer am Dienstagabend das Halderner Jugendheim betritt, möchte unerkannt bleiben. Diskretion, Verlässlichkeit, Vertrauen, Ehrlichkeit sind Voraussetzungen, die jeder mitbringen muss, um in der Gruppe der Anonymen Alkoholiker (AA) und der Angehörigen von Alkoholikern (Al-Anon) seinen Platz zu finden. Vor 80 Jahren wurde die Selbsthilfegruppe gegründet, in Haldern wird beiden Gruppen seit vielen Jahren eine Anlaufstelle geboten. Doch obwohl Suchterkrankungen zunehmen, wird die Gruppe der AA und Al-Anon kleiner, das Alter der Teilnehmer wird immer höher, entgegengesetzt zum Trend, dass die Suchterkrankungen immer früher einsetzen. Oftmals werden die Teilnehmer nach einer Entwöhnungskur und Nachsorge auf die Gruppen aufmerksam gemacht. "Heutzutage wird mit Suchterkrankungen viel Geld gemacht, doch die Rückfallquoten sind oftmals höher als bei uns", weiß der Leiter der Reeser Gruppe, der sich selbst seit langen Jahren als trockener Alkoholiker bezeichnen kann. "Aber wir bleiben Alkoholiker und müssen uns immer wieder der Gefahr bewusst werden. Und wir wollen andere dabei unterstützen, vom Trinken wegzukommen." Vielen Teilnehmern ist es auch nach mehr als zehn Jahren ein dringendes Bedürfnis, in der Gruppe Halt und Verständnis zu finden, über Probleme sprechen zu können mit der Gewissheit, dass sie den Raum nicht verlassen.

Einer kommt seit drei Jahren in die Gruppe, um hier neue Kraft zu tanken. "Und das gelingt tatsächlich. Ich komme hier stärker, selbstbewusster heraus." Ein anderer erklärt: "Ich habe in der Hölle gelebt und bin im Himmel angekommen. Aber das kleine Männchen in mir schläft nicht. Ich darf es nicht locken, nicht einmal Mineralwasser aus einem Pilsglas trinken", schildert er.

Bei den Treffen herrscht die Regel, dass niemand beim Sprechen unterbrochen wird. Alkohol ist eine Gefühlskrankheit, da sind sich alle einig. Heute genießen sie es, nicht weggedröhnt zu sein, sondern Emotionen zu erleben. "Hier findet eine spirituelle Genesung statt", sagt ein anderer.

Bedrückend sind zum Teil die Schilderungen von Familienangehörigen, die Vertuschung, Mittrinken, Trennung und finanzielle Katastrophen durchlebten. "Wir haben geglaubt, dass unsere Kinder nichts von der Sucht meines Mannes mitbekamen", erklärt eine Frau. "Wir dachten, es wäre uns gelungen. Heute ist unsere Tochter selbst in Therapie. Alkohol ist eben doch eine Familienkrankheit."

Am Ende einer jeden Stunde bilden die Teilnehmer einen Kreis, packen sich an den Händen und zitieren einen Leitspruch aus ihrer Präambel. Dann ergreift noch jemand das Wort: "Wundert euch nicht, wenn ich mehrere Wochen nicht komme, ich bekomme ein neues Knie." Auch dieser Hinweis ist wichtig: Denn jeder liegt dem anderen am Herzen. Um den, der länger nicht wiederkommt, macht sich die Gruppe nämlich Sorgen.

Die Gruppe trifft sich jeden Dienstag um 19.30 Uhr im Katholischen Jugendheim in Haldern, Bahnhofstraße 28. Zeitgleich trifft sich eine Al-Anon-Gruppe in einem separaten Raum.

Quelle: RP
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