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Interview Heiner Frost
"Kann sein, dass die Leute sagen: Das ist aber harte Kost"

Interview Heiner Frost: "Kann sein, dass die Leute sagen: Das ist aber harte Kost"
Heiner Frost wird sich während der Aufführung seiner Stücke eher nach hinten in die Kirche setzen, sagt er. FOTO: privat
Emmerich. Ungewöhnliche Musik an einem ungewöhnlichen Ort: Der Komponist wird das "Haldern Pop"-Festival am Donnerstag, 11. August, in der Kirche eröffnen. Ein Gespräch darüber, wie es dazu kam.

Heiner, wie kam es, dass du beim Haldern Pop auftreten darfst?

Frost Ich habe vor drei Jahren nach dem Festival ein Stück komponiert, als Hommage ans Haldern Pop. An einem Regentag beim Festival fand ich es toll, wie diszipliniert das alles abging, wie die Leute im Regen vor dem Spiegelzelt standen in einer 200 Meter langen Schlange. Das hätte es woanders so nicht gegeben. Das Stück hieß "Der Regen lächelt", ein Stück für Klavier Solo. Das habe ich Stefan Reichmann ("Haldern Pop"-Chef, Anm. der Red.) erzählt. Bei der Uraufführung in Rees hatte Stefan sich das angehört und meinte, dass wir vielleicht irgendwann mal etwas damit machen könnten.

Und dann?

Frost Dann hatten wir 2016 eine Uraufführung im Kurhaus Kleve mit dem neuen Stück "Magnificat". Da war Stefan nicht dabei, aber ich habe ihm die Aufnahme geschickt. Da sagte er: "Mensch, kannst du dir vorstellen, dass wir das für unseren ersten Trailer nehmen?" Ich sagte: "Stefan, Du kannst machen, was Du willst." Irgendwann meinte Stefan, es könne sein, dass er das Stück doch nicht nehme. Da dachte ich schon: Mist. Würde mich als Komponist schon freuen. Dann fragte er später: "Wenn man dich denn jetzt ankündigt, wie würde man dich ankündigen?" Da habe ich gesagt: "Frost". Dann rief er später an und sagte: "Ich hab' dir den Trailer geschickt. Guck mal, ob der so bleiben kann." Da habe ich mich zuerst gefreut, dass sie mein Stück ja doch genommen haben. Dann sehe ich die ersten Bestätigungen und der erste Name, der da steht ist: Frost! Ich dachte: Ach, ja?!

Du hast das Video zum ersten Mal gesehen und dann gemerkt, die haben dich gerade gebucht?

Frost Ja. Ich habe erstmal meine 17-jährige Tochter geholt. Sie sollte sich das angucken. Wenn Papa was komponiert, dann klingt das für sie schon mal ein bisschen schräg. Da sie auch Haldern-Pop-Fan ist, dachte ich, mal gucken, was sie sagt. Dann sagte sie: "Das glaube ich jetzt nicht!" "Ja, doch, dein Alter ist beim Haldern Pop", habe ich ihr gesagt.

Welche Gedanken sind dir durch den Kopf gegangen?

Frost Es wird Leute geben, die wollen wissen, was macht der eigentlich? Aber es gibt von mir nichts. Also habe ich angefangen, Musik von mir bei Youtube und Facebook einzustellen. Da sind mittlerweile zehn oder zwölf Stücke drin. Ich merke, da gucken tatsächlich Leute nach.

Du wolltest dich für das Publikum erreichbar machen?

Frost Genau. Ich würde als Besucher dasselbe machen. Ich will ja wissen, wo gehe ich hin? Jetzt sollen die Leute im schlimmsten Fall wenigstens wissen, auf wen sie verzichten können.

Du bist so bescheiden...

Frost Es gibt Leute, die hängen Plakate an ihre Wand, um zu zeigen, was sie alles machen. Bei uns hängt ein Plakat auf Kyrillisch, weil mal ein Stück von mir in St. Petersburg gespielt worden ist. Das hänge ich mir an die Wand, weil keiner merkt, dass das ein Konzert von mir war. Damit kann ich leben. Aber eines ist für mich klar: Wenn das "Haldern Pop"-Plakat raus ist und ich stehe da drauf, dann rahme ich mir das ein. Das kommt an die Wand. So richtig geglaubt hatte ich an den Auftritt aber immer noch nicht, bis ich Post von Mirko (Bogedaly, "Haldern Pop"-Mitarbeiter, Anm. d. Red.) bekam: Er bräuchte jetzt ein Bild und Presseinfos von mir. Ok, dachte ich, jetzt wird's ernst. Aber, was sag' ich nur über mich? Dann fielen mir die Eckpunkte in diesem Jahr für mich ein. Am 24. Januar habe ich in der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf, wo ich Komposition studiert habe, ein Konzert. 30 Jahre nach meinem Examen komme ich als Komponist zurück und es wird Musik von mir gespielt. Es ist Neue Musik. Es kann passieren, dass die an der Hochschule sagen: "Was der da schreibt, das ist ja für Softies." Und es kann dann beim zweiten Eckpunkt dieses Jahres, beim Haldern Pop, sein, dass die Leute sagen: "Mein Gott, das ist aber harte Kost." Das habe ich Mirko geschrieben: Ich bin eigentlich zwischen den Welten. Zu progressiv für die Konservativen, zu konservativ für die Progressiven. Das ist das Frost-Problem.

Wie reif ist Haldern Pop für Klassik?

Frost Sehr reif. Cantus Domus (der Chor trat zuletzt mehrfach beim Festival auf, Anm. d. Red.) machen ja nun wahrhaftig keinen Pop. Aber die Leute haben "innerlich getobt". Sie haben mit Ruhe reagiert. Danach sind sie auf die Bänke geklettert. Das ist das Wunderbare an Haldern Pop. Da gibt's Sachen, bei denen man nicht glaubt, dass sie möglich gewesen wären. Aber hier gibt's noch ein Frost-Problem. Ich bin ja jetzt nicht Bach oder irgend ein gestandener Chor. Die kennen weder den Typen, der die Musik gemacht hat, noch die Musik. Ich kann verstehen, dass Haldern Pop sagt: "Mach mal 15 Minuten." Aber diese 15 Minuten sind für mich das Ereignis des Jahres!

MARCO VIRGILLITO FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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