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Emmerich
Kiloweise Drogen mit der Post verschickt

Emmerich: Kiloweise Drogen mit der Post verschickt
Rauschgift in unterschiedlichster Form - Pulver, Tabletten oder gepresste Produkte - verschicken die Drogenhändler als unauffällige Postsendungen an ihre Kunden. FOTO: Zoll
Emmerich. Der Zoll ist Kriminellen auf der Spur, die massenweise Pakete und Briefe in Postfilialen nahe der Grenze aufgeben, in denen Rauschmittel sind. Ein deutscher Absender gilt niederländischen Tätern als weniger auffällig. Von Peter Janssen

Seit sieben Jahren führt Susanne M. (49)* eine Postannahmestelle in Kleve. Sie kennt ihre Kundschaft. Zeitschriften, Tabak, Postsendungen - alles auf 30 Quadratmetern. Wenn viele Pakete auf einmal abgegeben werden, wird's eng. So war es an einem Tag im Januar. Ein Mann brachte 40 Päckchen. "Der sah völlig normal aus. Sogar sehr gepflegt", sagt die 49-Jährige. Als sie die Sendungen in Empfang nahm, kam ihr etwas komisch vor. Es war nicht nur die Menge. "Da stand ein Name als Absender, den ich gut kenne. Das passte alles nicht zusammen. Zudem hat mein Bekannter noch nie Pakete nach Kanada verschickt. Jetzt sollten es gleich 40 sein", erinnert sich Susanne M. Die Frau hatte recht. Die Kartons waren randvoll mit Drogen und Aufputschmitteln.

Die Filiale der Kleverin ist nur eine von vielen, die genutzt werden, um Rauschgift zu versenden. Nahezu im gesamten Grenzgebiet erfreuen sich die kleinen Postagenturen oder Kurierdienstleister wachsender Beliebtheit bei den Kriminellen. Überall werden die Sendungen aufgegeben. Es sind Niederländer, die mit Ecstasy, Kokain, Haschisch oder Anabolika über die Grenze kommen und von hier aus versenden. Das bestätigt eine Ermittlerin des Zollfahndungsamts Essen. Im Internet wird der Handel abgeschlossen, verschickt wird die Ware dann mit Paketdiensten. Die Untersuchungen sind schwierig, da man im Netz seine Identität hervorragend verschleiern kann.

Das Geschäftsmodell hat sich etabliert. Die Drogenfahnder sind den Einfuhrschmugglern seit mehr als zwei Jahren auf der Spur. Die Niederländer geben die Briefe hier auf, da dies aus ihrer Sicht weniger Aufmerksamkeit erregt. Für sie gilt ein deutscher Absender als unverdächtig.

Doch ist es nicht nur die gesamte Palette an Rauschmitteln, die aus den kleinen Filialen versandt wird. Auch verbotene Potenzmittel, Waffen oder Kinderpornos seien beliebte Artikel, die aus dem deutschen Grenzraum in die gesamte Welt verschickt würden, so die Beamtin. Aufmerksame Mitarbeiter in den Annahmestellen der Kurierdienstleister helfen den Fahndern enorm. So kam es vor knapp zwei Monaten zu einer Festnahme in der Klever Innenstadt. Ein Kunde wollte in einem Laden, der neben seinem Hauptgeschäftsfeld zusätzlich auch Annahmestelle eines Paketdienstleisters ist, zahlreiche Postsendungen aufgeben. Der Mitarbeiter fand die Lieferung auffällig und informierte die Polizei. Die konnte den Mann noch in der Filiale festnehmen und stellte etliche Kilos Amphetamine sicher. Die Person kam in Untersuchungshaft.

Hauptsächlich werden die Kuriere festgenommen. Hintermänner sind erheblich schwieriger zu ermitteln.

Teilweise sorgen die Kriminellen jedoch selbst dafür, dass ihre Lieferungen nie am Bestimmungsort ankommen. In der Filiale von Susanne M. fehlte bei einem Einschreiben die Adresse des Absenders. Als der Mann darauf hingewiesen nach zehn Minuten wiederkam, hatte er einen Straßennamen mit einer dreistelligen Hausnummer angegeben. In die Straße, dies wusste Susanne M., passen jedoch höchstens sechs Häuser.

Auch stimmen Zieladressen gelegentlich nicht. So erhält der unbescholtene Bürger, dessen Anschrift als Absender genutzt wurde, plötzlich ein Paket mit dem Hinweis "nicht zustellbar". Der Briefträger bringt eine Retoure-Sendung, der Empfänger nimmt diese achselzuckend entgegen. Die Polizei wird dann mit dem Hinweis eingeschaltet, dass man ein Paket mit weißem Pulver erhalten habe. So gibt es Bürger, die regelmäßig auf der Dienststelle auflaufen, um Sendungen abzugeben, die sie nicht zuordnen können.

Zoll und Polizei sind seit langem bestens mit der Vorgehensweise vertraut. Die Dunkelziffer sei dennoch enorm hoch, so die Zoll-Fahnderin. Schwierig ist der Aufgriff auch, weil Pakete gern zu Packstationen versandt werden. Das ist eine Art Parkautomat, bei dem man 24 Stunden am Tag seine Lieferung abholen kann. Per Handy bekommt man einen Code. Damit kann man das Fach öffnen, in dem die Lieferung aufbewahrt wird.

Das Postgeheimnis erschwert die Arbeit der Ermittler ebenfalls. Sobald Pakete oder Briefe erst einmal in Gewahrsam des Postdienstleisters sind, können die Beamten nur mit einem gerichtlichen Beschluss an die Lieferung kommen. In Kleve liegt dieser Beschluss im günstigsten Fall nach einem Tag vor. Üblich sind jedoch mehrere Tage.

Etwa vor zwei Jahren wurden die ersten Drogen-Pakete in der Postfiliale von Susanne M. entdeckt. Nach einem Rückgang steigt die Zahl der verdächtigen Sendungen aktuell wieder. Das Geschäft, im Internet zu bestellen und von Deutschland aus zu versenden, bleibt ein lukratives. Aber nicht mehr bei Susanne M. Sie hat ein Gespür dafür entwickelt, bei welchen Sendungen sich ein zweiter Blick lohnt.

* Name von der Redaktion geändert.

Quelle: RP
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