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Erinnerung An Die Alte Grundschule Rees
Letzter Schultag peinlich wie der erste

Emmerich. Sie ist seit Mittwoch Vergangenheit. Dabei haben Generationen von Reesern in der Grundschule an der Sahlerstraße die Schulbank gedrückt und verbinden mit dem charmant-hässlichen Betonklotz viele Erinnerungen ihrer Kindheit - so wie RP-Autor Michael Scholten.

rees Der erste Schultag begann peinlich: Als die Liste verlesen wurde, welcher Schüler in welche der drei neuen Grundschulklassen kommt, hörte ich nur mit einem halben Ohr hin und verstand, dass ich in Frau Furtkamps Klasse in der Außenstelle Esserden muss. Das ergab keinen Sinn, weil ich die Sahlerstraße ja viel näher an meinem Elternhaus war. Schlecht gelaunt bewegte ich mich in den entsprechenden Raum, in dem meine künftige Klasse weitere Informationen erhalten sollte. Nach wenigen Minuten klopfte meine Mutter an die Tür und holte mich wieder raus. Ich hatte mich verhört, war in die falsche Klasse gegangen und merkte, dass man in der Schule besser zuhören sollte.

Ich war halt aufgeregt und vermutlich viel mehr am Inhalt meiner überdimensioniert selbstgebauten Schultüte in Fischform interessiert als am Ernst des Lebens, der nun - täglich viel zu früh - auf mich zukommen sollte. Neben Mutter, Oma und Uroma gehörte auch mein Großonkel Kurt aus den USA zu meiner Begleitertruppe am ersten Schultag. Mein Vater war arbeiten. Wie alle Väter. Aber in den 1970er Jahren belegten Väter ja auch noch keine Hechelkurse und überließen auch die Kreißsäle denjenigen, die bei einer Geburt wirklich gebraucht werden.

Ich glaube, die architektonische Ästhetik der Grundschule war mir damals herzlich egal. Es gab halt nur diese eine Grundschule im Reeser Stadtkern. Unangenehm sind mir nur zwei Orte in Erinnerung geblieben: Die Turnhalle mit ihrem Holzparkett, von dem sich bestimmt noch heute einige Splitter in meinen Knien befinden. Und natürlich die Jungentoilette im externen Vorbau. Die habe ich nur einmal benutzt. Danach führte das Dufterlebnis dazu, dass ich lieber einen Schulkakao weniger trank, um die Blase erst mittags zu Hause leeren zu müssen.

Schülerinnen vor der damals neuen Turnhalle FOTO: Stadtarchiv Rees

Der Unterricht bot keinen Grund zur Klage: Unsere 1b war die erste Klasse der jungen Lehrerin Heidemarie Teichert, die später durch Heirat zu Frau Peerenboom wurde. Sie - wie auch die Stoffpuppe Habakuk - vermittelten Lesen, Schreiben, Rechnen spannend und kreativ. Für den Religionsunterricht wurden wir getrennt: "Die Evangelischen" gingen zu Frau Fehrholz, "wir Katholischen" gingen zur Schulleiterin Frau Pitsch. Im zweiten Schuljahr probten wir dort die Beichte. Immer und immer wieder. Mit reiner Seele wurde ich zum Messdiener, zum schlechten Blockflötensspieler und zum noch schlechteren Sportler. Die Bundesjugendspiele auf dem Sportplatz "in de Fuck" waren für mich wie ein Gang zum Schafott. Da ich in Boxershorts weder eine Siegerurkunde noch eine Ehrenurkunde erreichen konnte, erhielt ich am Tag der Entlassfeier eine "Teilnehmerurkunde", die unsere Klassenlehrerin in nächtlicher Heimarbeit gebastelt hatte. Dass dieses Zeugnis meiner Bewegungsunfähigkeit im Beisein aller Mitschüler, Eltern und Lehrer überreicht wurde, machte meinen letzten Schultag so peinlich wie meinen ersten. An diesem Tag verabschiedete ich mich von meiner möglichen Karriere als Profisportler - ein Beschluss, den die Natur schon viele Jahre vorher für mich gefasst hatte. Aber muss man deswegen gleich die ganze Schule abreißen?

Quelle: RP
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