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Bundespräsident in Rees
Lübkes Rede von 1967 ist wieder da

Bundespräsident in Rees: Lübkes Rede von 1967 ist wieder da
Bundespräsident Lübke spricht im Reeser Rathaus, vorne links: Bauamtsleiter Hans Ueffing, links von Lübke Gemeindevertreter Eduard Langels. FOTO: Stadtarchiv Rees
Emmerich. Bruno Leineweber hatte 1967 die Rede des Bundespräsidenten zur Eröffnung der Reeser Rheinbrücke mitgeschnitten. Das Tondokument wird im Museum Koenrad Bosman zu hören sein. Von Michael Scholten

Das tragbare Tonbandgerät der Marke Braun war Bruno Leinewebers ganzer Stolz. Er trug es auch bei sich, als Bundespräsident Heinrich Lübke vor 50 Jahren das Reeser Rathaus besuchte. Anlass war die Einweihung der Rheinbrücke Rees-Kalkar am 20. Dezember 1967.

Bereits am Vorabend traf er in Rees ein und lauschte den Grußworten von Bürgermeister Johann Meisters und Landrat Friedrich Mölleken. Dann hielt Heinrich Lübke, der in den 50er Jahren Bundestagsabgeordneter für den Wahlkreis Rees-Dinslaken war, eine improvisierte Rede. Dank Bruno Leineweber existiert ein 19-minütiger Mitschnitt.

Leinewebers Tochter, Carla Gottwein, brachte das Tondokument am Sonntag mit zur Eröffnung der Ausstellung "50 Jahre Rheinbrücke Rees-Kalkar" ins Museum Koenraad Bosman. Die Aufnahme soll nachträglich in die Ausstellung eingebaut werden. Carla Gottwein sieht in der Aufzeichnung nicht nur ein wichtiges Stück Stadtgeschichte, sondern auch eine gute Möglichkeit, den Ruf des Bundespräsidenten zu verbessern.

"Schon zu Lebzeiten wurden ihm rhetorische Missgriffe angedichtet, für die es keine Beweise gibt", sagt Carla Gottwein. Zwar litt Lübke an einer rasch fortschreitenden Zerebralsklerose, die seine Versprecher und Gedächtnislücken begünstigte, doch Worte wie "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger", die er 1962 bei einem Staatsbesuch in Liberia gewählt haben soll, gehören bewiesenermaßen ins Reich der Legenden.

Bei seinem Besuch in Rees appellierte Heinrich Lübke, armen Ländern in Afrika und Asien zu helfen. Die Entwicklungshilfe war eines seiner Hauptanliegen, seit er 1959 auf Theodor Heuss als Bundespräsident folgte.

"Wenn die reichen Länder es nicht fertigbringen, den Hunger in der Welt zu beseitigen, dann werden die reichen Länder auch nicht überleben", hört man Heinrich Lübke auf Bruno Leinewebers Tondokument sagen. "Denn die Millionen auf der anderen Seite, die sind viel stärker als wir. Auch mit den größten Waffen könnte man diese Millionen nicht abwehren. Wenn sich dieser Hass, der vielfach noch bei den Farbigen besteht, weil sie schlecht behandelt worden sind, weiterentwickelt, dann wehe uns wenigen Ländern und Völkern hier in Europa."

Carla Gottwein betont, dass Heinrich Lübke in Rees nicht vom Blatt ablas, sondern frei aussprach, was ihm wichtig war. Zunächst bedanke er sich für die Gastfreundschaft und freute sich über das Wiedersehen mit den Reesern: "Ich habe auch den Freunden in Dinslaken immer wieder gesagt, wenn ich eine Gelegenheit habe, hierher zu kommen, dann werde ich sofort kommen.

Es ist mir in Dinslaken noch nicht geglückt, und Rees ist nun die erste Stadt, zu der ich komme. Ich kann mich noch gut an den Abend erinnern, als ich von Rees Abschied nahm. Wir sind freundlich auseinandergegangen."

Heinrich Lübke ging auch auf die Landflucht ein: "Diese ländlichen Gebiete werden immer dünner besiedelt. Das ist eine sehr gefährliche und unerfreuliche Tatsache. Deshalb glaube ich, dass wir diese Rheinbrücke brauchen, die einen größeren Verkehr und großen Nutzen bringen wird. Damit hier mal wieder in einem ländlichen Bezirk ein größerer Betrieb ansetzt und damit hier mehr Leute wohnen."

Der Bundespräsident lobte das "Ansehen Deutschlands draußen in der Welt", kritisierte aber die Einstellung vieler Bürger im Nachkriegsdeutschland: "Die meisten denken nur an sich. Aber die erste Pflicht des deutschen Bürgers muss sein: Wie bin ich dem Staat verpflichtet? Denn der Staat selber hat kein Geld. Der Staat holt sein Geld von seinen Bürgern.

Wenn die Bürger Ordnung und Ruhe haben wollen und Verhältnisse, in denen jeder Mensch seine Rechte und seinen Wohlstand hat, dann braucht der Staat Geld. Und wenn ich ihm dieses Geld nicht gebe oder wenn ich Verpflichtungen, die ich ihm gegenüber habe, nicht erfülle, dann kann der Staat seine Pflichten auch nicht erfüllen."

Heinrich Lübke übernachtete im Rheinhotel Dresen und weihte am folgenden Tag die Rheinbrücke Rees-Kalkar ein. Seine zweite Amtszeit endete 1969. Er starb am 6. April 1972 im Alter von 77 Jahren. Sein Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Rees wird derzeit im Museum ausgestellt. Und bald ist dort auch seine 50 Jahre alte, aber weiterhin aktuelle Rede im Original zu hören.

Quelle: RP
 
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