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Emmerich
Mr. Keramik-Knie aus Emmerich

Emmerich: Mr. Keramik-Knie aus Emmerich
FOTO: MVO
Emmerich. Dr. Roland Hilgenpahl vom Willibrord-Spital ist der erste Arzt in Deutschland, der Kniegelenke aus Keramik einsetzt. Von Wolfgang Hoppe

Die Abteilung für Allgemeine Orthopädie am St.Willibrord-Spital in Emmerich zählt zusammen mit der Abteilung für Wirbelsäulenorthopädie mit ihren 96 Betten zu den größten orthopädischen Abteilungen am Niederrhein und kann seit mehr als 40 Jahren für sich das Alleinstellungsmerkmal im Kreis Kleve beanspruchen. Das Einzugsgebiet, aus dem die Patienten die Spezialsprechstunden aufsuchen, reicht weit über die Grenzen des Kreises hinaus.

Der seit 30 Jahren dort tätige und jetzige Chefarzt Dr. Roland Hilgenpahl leitet zudem innerhalb der Orthopädischen Abteilung das zertifizierte Endoprothetikzentrum. Der 57-jährige Orthopäde und Unfallchirurg hat sich insbesondere auf Gelenkoperationen spezialisiert und dem künstlichen Kniegelenk gilt seine besondere Aufmerksamkeit. Von den jährlich etwa 400 im St.Willibrord-Spital implantierten Gelenkendoprothesen an den großen Gelenken machen die Teil- oder Vollprothesen am Kniegelenk etwa 50 Prozent aus.

Bei fortschreitendem Gelenkverschleiß schränken Schmerzen und Bewegungsverlust die Lebensqualität stark ein. Sollten alle nicht operativen Behandlungsmöglichkeiten ausgeschöpft sein, besteht oft die Notwendigkeit zum künstlichen Gelenkersatz. Um die Aufenthaltsdauer im Krankenhaus nach einer solchen Operation, die zur Zeit etwa sechs bis zehn Tage beträgt, auf die individuellen Erfordernisse der Patienten abzustimmen, sorgen sich neben den Ärzten vor allem die Pflege-Teams, Physiotherapeuten, Arzthelferinnen und ein Sozialdienst um die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen, die im Endoprothetikzentrum in so genannten "Behandlungspfaden" für die verschiedenen Gelenke festgelegt sind. Ein möglichst reibungsloser Übergang in weitere ambulante oder stationäre Rehabilitationseinrichtungen soll so ermöglicht werden.

Bisher bestehen bei künstlichen Kniegelenken die den Knochen bedeckenden Prothesenteile in der Regel aus Metall mit Kobalt-Chrom und auch Nickelanteilen. Aber auch Titanlegierungen kommen zur Anwendung, wenn bei dem Patienten eine Metallallergie nachgewiesen wurde. Dieses ist gar nicht so selten - man schätzt, dass bei etwa 15 Prozent der Patienten eine Kontaktallergie gegen Metalle besteht. Die Aufgabe des zerstörten Gelenkknorpels übernimmt beim künstlichen Gelenk eine Kunststoffscheibe aus Polyethylen. Ihre Oberfläche wird durch die Druckbeanspruchung und die ständige Bewegung mit der Zeit durch die Oberfläche des Metalls abgerieben. Winzige Teile des Polyethylens können dann im Körper in der Umgebung der Prothese abgelagert werden. Nicht auszuschließen, dass diese Ablagerungen das Zusammenspiel der Knochenbildung stört und den das Implantat umgebenden Knochen zerstört. Dies kann dann zu einer Lockerung des ursprünglich stabilen Gelenkersatzes führen. Schmerzen und eine erneute Operation wären die Folge.

Jetzt hat Chefarzt Dr. Hilgenpahl als erster Anwender in Deutschland außerhalb der Studiengruppe erfolgreich damit begonnen, ein Kniegelenk aus Keramik bei Patienten einzusetzen. In einem Forschungsprojekt haben Mediziner des Universitätsklinikums Erlangen unter der Leitung von Prof. Dr. Hennig mit den Werkstoffwissenschaftlern der Firma "CeramTec" aus Plochingen jene Keramik entwickelt, die zur Herstellung der Endoprothese dient, die das Weisendorfer Medizintechnik-Unternehmen Peter Brehm als zur Zeit weltweit einziges komplettes keramisches Kniegelenk anbietet - absolut bruchsicher. Bei einem Demonstrationswurf ging nicht das Keramik-Kniemodell, sondern der Marmorfußboden des Hauses zu Bruch. Der Vorteil des Keramik-Kniegelenks: Das Material löst keine chemischen Reaktionen im Körper und damit auch keine Abwehrreaktionen bei Patienten mit Metallallergie aus. Zudem ist der Abrieb zwischen der extrem glatten Oberfläche der Prothese und der Kunststoffscheibe, die als Puffer zwischen dem Ober- und Unterschenkelteil der Prothese liegt, deutlich geringer als bei Metall.

Der deutsche Arzt Themistokles Gluck, der im Jahre 1890 in Berlin als erster Chirurg ein künstliches Kniegelenk implantierte, hätte sicher gerne ebenfalls auf die heute zur Verfügung stehenden Hochleistungsmaterialien zurückgegriffen. Die Kniegelenk-Scharnierprothese die er seinerzeit einbaute bestand aus Elfenbein und wurde mit einer Mischung aus Gips und Kolophonium im Knochen verankert.

Quelle: RP
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