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Emmerich
Ortstermin in der Großunterkunft

Stimmen: NRW-Bürgermeister zur Lage in ihrer Stadt
Stimmen: NRW-Bürgermeister zur Lage in ihrer Stadt FOTO: dpa, fg nic
Emmerich. In Haldern soll auf dem ehemaligen Depot ein Riesenbereich für Flüchtlinge entstehen. Es wird der zweite dieser Größe im Kreis Kleve sein. Der andere befindet sich am Airport in Weeze. Ein Besuch zeigt die Situation dort. Von Sebastian Latzel

1350 Flüchtlinge sollen im Frühjahr ins frühere Depot nach Haldern kommen. Dort wird dann quasi ein eigenes Dorf entstehen. Eine Situation, die viele Fragen aufwirft. Vor allem wie ein Betrieb weit draußen auf dem Land laufen kann.

Haldern wird die zweite große Notunterkunft im Kreis Kleve werden. Eine gibt es bereits auf der anderen Rheinseite. Auf dem Airport-Gelände sind ebenfalls viele Flüchtlinge untergebracht. 300 Asylbewerber leben dort bereits, jetzt sind noch 200 dazugekommen, die in provisorischen Schützenfestzelten wohnen. Gleichzeitig läuft der Umbau der dortigen Eventhalle. Im Dezember werden dann dort 1 000 Asylsuchende untergebracht.

Wie das Leben einer so großen Unterkunft aussieht, zeigt ein Ortsbesuch.

Die Betten in den großen Zelten sind etwas abgetrennt, damit zumindest ein kleiner Bereich mit Privatsphäre entsteht. FOTO: Markus van Offern

Tiam schaut ganz gebannt auf den großen Bildschirm. Auf dem Fernseher im Zelt läuft ein kunterbunter Animationsfilm. Ein Ufo ist dort gerade gelandet, Fremde sind auf der Erde angekommen. Auch der einjährige Tiam hat eine weite Reise hinter sich. Seine Mutter flüchtete mit ihm vor einem Monat aus Syrien. Onkel Mohannad ist sogar bereits seit drei Jahren auf der Flucht. In Weeze warten sie jetzt darauf, gemeinsam in die Kommune gebracht zu werden, in der sie während des Asylverfahrens wohnen.

Wegen des Kriegs sei er geflohen, erzählt Mohannad. Er sei dort gefoltert worden. An seinem Fuß zeigt er eine große Brandwunde. Nein, zurück nach Syrien will er nicht, sagt er. Er hoffe jetzt auf eine Zukunft in Deutschland.Das tun auch die rund 200 anderen Flüchtlinge in der Notunterkunft am Airport. Drei große Zelte von Q-Base waren nach dem Electro-Dance-Festival stehen geblieben. Zwei Zelte davon sind jetzt Unterkunft, das dritte wird als Aufenthaltsraum genutzt. Dort wird gegessen, und es läuft der Fernseher mit Kinderprogramm. "Wir bemühen uns, aber viel Unterhaltungsprogramm ist hier leider nicht möglich", erläutert Markus Jansen, der für die Bezirksregierung Arnsberg die Einrichtung neben einigen weiteren in der Region betreut.

Fotos: Wo Flüchtlinge wohnen können FOTO: dpa, rwe jai

Draußen spielen einige Flüchtlinge Fußball. Die meisten schlafen allerdings in den Zelten. "Wichtig ist, dass die Menschen hier nach der langen Flucht zur Ruhe kommen können. Wir versuchen, ihnen Ruhezonen zu bieten", sagt Jansen. Mit improvisierten Raumteilern ist versucht worden, so etwas wie Privatsphäre in den großen Zelten zu schaffen. Das gelingt bei mehr als 200 Personen nur begrenzt.

Direkt nebenan wird in der großen Eventhalle noch gearbeitet. Wo sonst DJs auflegen, sollen bald ebenfalls Flüchtlinge untergebracht werden. Platz wird hier später für fast 1000 Menschen sein. Im Dezember soll die Halle dann so weit fertig sein, dass sie bezogen werden kann. Bis dahin werden die Flüchtlinge, die jetzt noch in Weeze sind, auf die Kommunen verteilt sein. Denn auf dem Areal ist ein Kommen und Gehen. So gut wie jeden Tag erreicht ein Bus das Gelände, bringt neue Asylsuchende, nimmt andere mit, um sie in die zuständigen Gemeinden zu fahren.

"Unser Ziel ist, dass die Menschen hier nur wenige Tage bleiben und dann in die Kommunen kommen", sagt Jansen. Dort sei dann auch eine persönlichere und intensivere Betreuung möglich.

Auf dem Gelände herrschen klare Regeln: kein Alkohol, keine Drogen. Auch Glasflaschen im Verpflegungszelt sind nicht erlaubt. Ein Verbot mit ganz praktischem Hintergrund. Viele Asylsuchende sind gewohnt, barfuß zu laufen. Da wäre die Verletzungsgefahr durch Scherben zu groß.

Die Stimmung auf der Anlage wirkt unaufgeregt, entspannt. Bis mehrere Flüchtlinge auf den Besuch aufmerksam werden. Schnell bildet sich ein größerer Pulk. Eine Frau macht lautstark ihrem Ärger Luft. Sie würde hier seit zwei Wochen nur warten, bekomme keine Auskunft wie es weitergehe. Sie könne nicht schlafen in dem großen Zelt.

Markus Jansen schüttelt den Kopf. "Es kann nicht sein, dass hier jemand länger als eine Woche bleiben muss", versichert er. Die Frau könne sich gerne beim Sozial-Dienst melden. Der sei für solche Fälle zuständig. Nur langsam löst der Pulk sich auf. Es kehrt Ruhe ein.

Während das Ufo im Zeichentrickfilm die Erde längst wieder verlassen hat, geht das Warten auf die Weiterreise am Airport in Weeze weiter.

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Quelle: RP
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