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Emmerich
Pittje Pottlot

Emmerich: Pittje Pottlot
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Emmerich. Im Buch "Unter Pastor Jansens Paraplü" ist auch die Geschichte des Herrn Peter Kerstens - Pittje Pottlot genannt - erschienen. Sie erzählt von einem Missgeschick des fleißigen Mannes, welches seinem Wohlbefinden stark zusetzt. Doch in seinem niederrheinischen Heimatstädtchen lebt auch Pastor Jansen, der genau weiß, wie er das Gewissen des Herrn Kerstens beruhigen und sein Selbstvertrauen stärken kann.

"Pittje Pottlot" war nur sein Spitzname, und weil der kleine Herr Peter Kerstens sich darüber ärgerte, lief das Wort hinter ihm her wie ein kläffender Köter und verfolgte ihn auch nachts in seinen Träumen. Der Spitzname gehörte zu ihm wie sein Schatten, er war sein zweites Ich. Seitdem Adam allen Wesen ihren Namen gab, hat der Mensch die Fähigkeit, mit dem Namen den innersten Kern zu treffen. Diese gute Gabe kann er aber auch zum Argen umkehren; und so geschah es, daß es den bösen Buben von Waterpott gelang, für die Zielscheibe ihres Spottes eine treffende Bezeichnung zu finden.

Das ärgerte natürlich Herrn Peter Kerstens, der auf seine Würde bedacht war, über das Maß. Weil nicht jeder ein Nachschlagewerk zur Hand hat, tut es not zu sagen, was ein Pottlot ist und warum auf den eifrigen, dienstbeflissenen und allzu strebsamen Herrn Peter Kerstens dieser Name zutrag. Geht am Samstag abend in die Küchen der alten niederrheinischen Häuser, da lernt ihr "Pottlot" kennen. Die Öfen werden damit geschwärzt; und wo im Kamin noch eine gußeiserne Platte eingebaut ist, da glänzt sie zum Sonntag samtweich aus ihren Tiefen und ebenso von ihren Höhen.

Von dieser Schwärze ist der Name übergegangen auf den Schwarzstift aus Graphit, den Bleistift. "Pittje Pottlot" schritt in seinem abgenutzten, schon etwas zu sehr glänzenden Gehrock einher, ganz auf seine Würde bedacht. Große Leute brauchen das nicht, sie wirken durch ihre Statur. Kleine Leute aber müssen den Kopf recken, um etwas zu sehen und gesehen zu werden. Er hatte als Arbeiter bei Rensing und van Sülpen begonnen.

Damals hieß er einfach Kerstens und hatte noch keinen Spitznamen. Dann war er durch seinen Ehrgeiz und Fleiß emporgestiegen und durfte als Zeichen seiner Würde einen Bleistift auf dem Ohr tragen, den "Pottlot". Und so kam er bald zu seinem Spitznamen, der koppelten Klang hatte: Einerseits meinte er das glänzende Kleidungsstück, andererseits seinen Bleistift. Da Kerstens bei seiner kleinen Gestalt auch noch besonders schlank war, wirkte er tatsächlich wie ein kleiner Pottlot, den man so aus der Westentasche zieht.

Peter Kerstens war zu eifrig, zu dienstbeflissen, zu wispelig und zu zappelig. Er machte sich bald hier, bald da zu schaffen, fragte oft, regte an, bemängelte und notierte, wo es nichts zu notieren gab. Schon öfters wurde Herrn Kerstens vom Prokuristen bedeutet: "Der Eifer ist zwar zu loben, aber der Übereifer ist nicht am Platze." Worauf Pittje Pottlot eine Verneigung machte und ins Gegenteil verfiel: Er schritt gravitätisch einher.

Nun geschieht es manchmal, daß der kleinste Schreiber sich wichtiger vorkommt, als der Geschäftsführer, soviel hat er zu regeln, zu ordnen, zu tadeln, zu mahnen, zu dringen und zu kontrollieren, daß er nicht so sehr dem Werke dienst als vielmehr seiner eigenen Betriebsamkeit und Wichtigtuerei. So war es nicht verwunderlich, saß die Tücke des Schicksals Herrn Peter Kerstens einmal einen Streich spielte. Ein Waggon mit ungebranntem Kaffee war eingetroffen, und die Säcke mußten im Lagerraum untergebracht werden.

Nichts Besonderes bei Rensing und van Sülpen. Der große Wagen mit dem gewölbten Plandach kam vom Güterbahnhof und hielt vor dem Lagerhaus. Zwei gepflegte Rappen standen mit dem blinkenden Geschirr vor der Toreinfahrt. Sie scharrten auf dem Kopfsteinpflaster, bis der alte Vorarbeiter Hellbrand ihnen das wohlverdiente Stück Schwarzbrot gab und Zuckerklümpchen. Wenn er ihnen dann noch über die Mähne strich und sie an der Stirn kraulte, dann standen sie ganz ruhig, bis der Wagen ausgeladen war, ein Bild der beherrschten Spannung.

Ganz anders Pittje Pottlot. Er war schon einige Male vor der Ankunft des Wagens zur Toreinfahrt hinausgetreten, hatte nach der Uhr geschaut und zu Hellebrand gesagt: "Sie müßten schon längst da sein!" Hellebrand hatte geschwiegen. "Was ist das für eine unerhörte Bummelei!" Ganz ruhig darauf Hellebrand: "Sie werden schon kommen:" "Zeit ist Geld!" hatte Pittje Pottlot schnippisch geantwortet. Dann war der Wagen um die Ecke gekommen, und Herr Peter Kerstens hatte seinen Pottlot und den Notizblock gezückt, um die angekommenen Säcke zu zählen.

Das war eigentlich nicht notwendig; denn der Wagen faßte eine bestimmte Anzahl von Säcken, mehr oder weniger wurden seit Jahren nicht geladen. dazu waren die Arbeiter redlich, so daß kein Sack verschwand. Sie ärgerten sich mit Recht über Pittje Pottlot; besonders, weil er Anordnungen trag, die eigentlich Hellebrand als dem Vorarbeiter zustanden, die diese nur selten und dann in einem so kameradschaftlichen Ton äußerte, daß sie nicht wie Befehle wirkten.

Die Arbeit war nicht schwer. Eine Rutschleiter ließ die Säcke auf den Bürgersteig gleiten, wo je zwei mit einem doppelten Strick zusammengebunden wurden. Dann kam von der Höhe der schwere Bleiklotz mit dem starken Eisenhaken vorsichtig herunter, wurde in die Schlinge gelegt, und mit einem "Hööj hupp!" ging die Ladung nach oben. Nichts Besonderes, ein alltägliches Bild auf dem Fischerort. Höchstens ein paar Jungen schauten den Säcken nach, wie sie ihre "Himmelfahrt" antraten.

Zwei Sperren sorgten dafür, das zu diese Zeit niemand den Bürgersteig betrat. So war alles in Ordnung. Es war nie zu einem Unglücksfall gekommen. Nur einer schaute jedem Sackpaar nach, das ruhig und gemessen in die Höhe schwebte. Pittje Pottlots Nase stieg mit den Säcken langsam höher, bis aus der Lagertür im obersten Stock zwei Hände mit S-Haken herausragten und sie hereinzogen. Dann erst ging Herrn Peter Kerstens Nase auf den Notizblock, wo er gewichtig zwei Striche machte.

Auch heute mußte er wieder ein knurriges Wort Hellebrand einstecken: "Arbeit haben ist keine Kunst, aber Arbeit behalten!" Pittje Pottlot tat, als hätte er es nicht gehört. Er schaute weiter zu, ob die Schlinge genau in der Mitte um die Säcke gelegt wurde. Er ließ sich in seiner ihm wichtig scheinenden Kontrollarbeit nicht stören. Wie das Unglück eigentlich kam, daß wußte keiner recht zu sagen, obwohl viel darüber geredet wurde und die Polizei darüber sogar Erhebungen angestellt hat.

Soviel stand jedenfalls fest: Hellebrand wurde vom Fenster des Kontors aus hereingerufen. Da Pittje Pottlot die Zeit seiner Rückkehr nicht abwarten konnte- Zeit ist Geld- und die Arbeiter oben nicht wußten, daß Hellebrand nicht mehr die Schlinge um die Säcke legte, machte sich der allzu eifrige Peter Kerstens an der Schlinge zu schaffen. Sie musste ihm wohl nicht haargenau in der Mitte gelegen haben. Da erscholl plötzlich der Ruf:"Hööj Hupp!" und Pittje Pottlot trat seine unfreiwillige Himmelfahrt an.

Mit einem Bein stak er in der Schlinge und hing über den prallen Säcken nach unten, das freie Bein ragte steil in die Höhe. Das Blut schoß ihm in den Kopf. Er sah noch eben, wie ein Junge schnell um die Ecke verschwand. "Hilfe! Hilfe!" schrie er nach unten. Aber da gerade der gelbe Postwagen über den Fischerort rappelte, war das piepsige Schreien des eingeklemmten Pottlot nicht zu hören. So wurde er langsam und bedächtig, wie es die Vorschrift besagte, mit den Kaffeesäcken nach oben gezogen.

Der Arme litt unter einer doppelten Qual: War einerseits sein Bein schmerzhaft fest eingeklemmt, daß er nicht fallen konnte, so hatte er andererseits das Gefühl, daß das Bein von den Stricken abgeschnitten würde und er in die Tiefe stürzen müßte. Pittje Pottlot war sich seiner lächerlichen Lage bewußt. Da die Welt von oben besehen anders aussieht als von unten, erkannte er auch, daß er das Unglück seinem Übereifer zuzuschreiben hatte.

Als Hellebrand aus dem Torbogen kam, um seine Arbeit fortzusetzen, erblickte er die schwarze Last, die nach oben segelte. Zuerst erkannt er mit seinem alten Augen nicht, was es war, bis er auf den Säcken den Hosenboden in der Nachmittagssonne glänzen sah. Der Kopf war von den Rockschößen verhüllt. Hellebrand breitete die Arme aus, um Pittje Pottlot aufzufangen. Aber der schwebte weiter in die Höhe, während die Säcke sich leicht hin und her drehten.

Hellebrand schwitzte Angst. Doch was sollte er tun? Weglaufen mochte er nicht; denn jeden Augenblick konnte Peter Kerstens herunterstürzen. So blieb er vor Schreck stehen, die Arme weit ausgebreitet. Da wurden vorübergehende auf ihn und die nach oben schwebende Last aufmerksam. Einige schrien nach oben, wurden aber nicht gehört. Andere umstanden Hellebrand. Zwei ganz Geistesgegenwärtige ergriffen ein Segeltuch, das im Wagen lag, und spannten es aus, wie sie es bei der Feuerwehr gesehen hatten.

Aber Pittje Pottlot stürzte nicht ab; vielmehr umkrampfte er die Säcke. Nur sein Bleistift, der kleine Pottlot, den er sich hinter das Ohr geklemmt hatte, wurde vom Segeltuch aufgefangen. Hellebrand stellte fest: "Aber das ist der richtige Pottlot nicht!" Die umstehenden Männer lachten; nein, sie griemelten nur; denn der Schreck über den armen Pottlot steckte ihnen in den Gliedern. Die Lagerarbeiter hatten das Rufen nicht gehört.

Sie streckten gewohnheitsmäßig ihre spitzen S-Haken heraus und zogen die Ladung zu sich herein. Gerd Tüß und Hennecke ter Smitten erkannten erst die merkwürdige Sackbegleitung, als es zu spät war. Ein Haken war über Herrn Peter Kerstens Hosenboden gefahren und hatte sich dort tief eingebohrt, was der Empfänger mit einem wehen Aufschrei quittierte. Als Hennecke ter Smitten seinen Haken löste, war er blutig.

Pittje Pottlot hatte beim Hereinziehen noch mit letzter Kraft seinen Kopf gehoben, sonst hätte er seine spitze Nase eingebüßt. Wie tot legten ihn die beiden Arbeiter auf einen Säckestapel. Sein sonst so bleiches Gesicht war nun blau und rot. Eine kleine Blutrinne sickerte zu Boden. Der alte Sanitätsrat Fackeldey mußte geholt werden. Die schmerzende Wunde konnte zwar bald verbunden werden, aber Herr Peter Kerstens konnte auf seinem Bein nicht mehr stehen.

So verordnete der Arzt die sofortige Überführung in das Willibrordihospital. Die Polizei erschien am Tatort und stellte durch mancherlei Vernehmungen ihre amtlichen Erhebungen an. Die Rappen wurden ausgespannt und holten den Personenwagen, der Pittje Pottlot in das Spital brachte. Der Waggon wurde nicht mehr weiter ausgeladen. Nun gab es Wichtigeres zu tun: zu raten, zu fragen, zu debattieren, zu diskutieren, ja sogar zu streiten, wer es zuerst gesehen hätte, wer Hellebrand hereingerufen und warum; kurzum, wie es gekommen war, wen die Schuld träfe und wer dafür ins Gefängnis käme.

"Das ist mir mein Lebtag noch nicht passiert", beteuerte Hellebrand. "Zu ärgerlich! Zu ärgerlich!" der Geschäftsführer. Der jüngste Stift meinte weise: "Pittje Pottlot ist kuriert!" Dieser jammerte im Hospital: "Mein Bein! Mein Bein!" Er strich darüber. Es war wie abgestorben. auf dem Rücken konnte er nicht liegen, die Wunde tat zu weh. Es war auch gut so; denn er schämte sich seiner "Himmelfahrt". Er kannte seine Landsleute und deren Stammtische.

Sein Spitzname war schon arg, aber daß nun überall von "Pittje Pottlots Himmelfahrt" erzählt werden würde, das trag ihn bis ins Innerste. Darum steckte er den Kopf tief in die Kissen. So fand ihn Pastor Jansen, als er ihn tags darauf besuchte. Peter Kerstens mußte den Kopf ein wenig nach rechts drehen, um zu erkennen, wer ihn so freundlich ansprach: "Ich habe von Ihrem Mißgeschick gehört. Da wollte ich Sie mal besuchen.

" Erst nach einer Weile kam es aus dem Kopfkissen heraus: "Herr Pastor, das ist mir aber peinlich, daß Sie mich in dieser Lage sehen." "Herr Kerstens, bei Krankenbesuchen sehe ich die meisten Menschen in einer peinlichen Lage. Dann sind sie auf die Hilfe guter Menschen angewiesen." Peter Kerstens schwieg. "Sie sind hier doch gut aufgehoben, nicht wahr?" "Ja, das wohl, Herr Pastor, aber..." "Freuen wir uns, daß der Herrgott den Schwestern die Liebe zu den Kranken und Hilflosen ins Herz gegeben hat und wir ein so gutes Hospital haben.

" "Ja, das wohl, Herr Pastor, aber..." "Was für ein Aber, Herr Kerstens?" "Aber..., aber..., aber die Blamage, Herr Pastor!" "Was für eine Blamage, Herr Kerstens?", stelle sich der Pastor unwissend, obwohl Meister Hellebrand ihm alles erzählt hatte. "Ich kann mich doch gar nicht mehr im Betrieb sehen lassen, Herr Pastor. Ich bin für alle Zeit blamiert!" "Ein Mißgeschick, das Sie Blamage nennen, kann jedem passieren.

Sogar der Heiland ist mal ausgelacht und verspottet worden. Aber ich glaube, es kommt gar nicht soweit, Herr Kerstens. Niemand wird Sie auslachen. Im Gegenteil, die Leute aus dem Betrieb werden kommen und sich nach Ihrem Befinden erkundigen." "Das glaube ich nicht. Man wird über mich lachen und mich verspotten." "Das glaube ich nicht nun wieder nicht. Sie müssen es nicht schwärzer malen, als es ist. "Ich sehe ganz schwarz.

" "Das bessert sich, je mehr Sie gesunden. Man wird Sie im Betrieb vermissen. Und wenn Sie zurückkommen, spricht keiner mehr von Ihrem Mißgeschick, wenn Sie nicht selbst davon anfangen." "Ich habe mich blamiert, Herr Pastor", beharrte Peter Kerstens. "Das ist mir auch schon passiert." "Ihnen, Herr Pastor? Das kann ich kaum glauben." "Doch, Herr Kerstens. In der vollbesetzten Kirche bin ich einmal beim Asperges über etwas gestolpert und lag der Länge nach auf dem Fußboden, angetan mit dem großen, weiten Vespermantel.

In Rom ist das sogar einmal einem Kardinal passiert. So etwas läßt der Herrgott manchmal zu, damit wir Menschen klein und demütig werden." "Was haben Sie dann getan, Herr Pastor?" "Was ich getan habe?... Dasselbe wie der Kardinal. Wir sind wieder aufgestanden und haben wie die kleinen Kinder, wenn sie fallen, "Hoppla!" gesagt und sind etwas humpelnd weitergegangen, als wenn nichts passiert wäre.. So müssen Sie das auch machen.

" "Wenn ich das könnte!" "Man kann alles, was man will, Herr Kerstens. ich gebe Ihnen noch einen Rat: Versuchen Sie zuerst, sich nicht mehr zu ärgern. Der Ärger macht alles ärger, Herr Kerstens." "Danke, Herr Pastor! Ich will es versuchen." Und so geschah es auch. Als Peter Kerstens nach einigen Wochen als gesund entlassen wurde, war auch seine Seele geheilt. Er war ruhiger und gelassener geworden. Nach einiger Zeit konnt er sogar ertragen, daß bei einer Betriebsfeier von "Pittje Pottlots Himmelfahrt" gesungen wurde.

Er lachte und klatschte mit. Da hatten ihn alle lieber als zuvor. Die Waterpötter können das Necken nicht lassen. Und das ist gut so, es gehört ja mit zur Liebe.

Quelle: RP
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