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Hüthumer Geschichten (teil 8)
Schnaps, Gesang und Blaskapelle

Hüthumer Geschichten (teil 8): Schnaps, Gesang und Blaskapelle
Im Oktober 1944 wurde das Anwesen komplett zerstört und in den darauffolgenden Jahren mühsam wieder aufgebaut. FOTO: privat
Emmerich. Der Gaststättenbetrieb der Familie Sluyter hat Inflation, Wirtschaftskrise und die beiden Weltkriege erfolgreich überstanden. , Von Norbert Loose und Monika Hartjes

HÜTHUM Hüthum hatte um 1900 andere Ortsgrenzen als in späteren Jahren, erst 1937 kam Oberhüthum zu Emmerich. Auch die ´s-Heerenberger Straße, eine schöne Alleestraße, war damals noch Hüthumer Gebiet. Gleich hinter der Fulkskuhle lag die "Restauration zum Klostergarten" der Familie Joseph Sluyter, die das Anwesen 1898 von Familie Kern erworben hatte.

Das ansehnliche Haus stammt aus der Zeit um 1850. Am 4. Juli 1903 wurde die Kleinbahn Zutphen - Emmerich in Betrieb genommen, an der Fulkskuhle war die Endstation. Da es keinen Bahnhof gab, befand sich im Hause Sluyter der Wartesaal, wo auch die Fahrkarten verkauft wurden. Gleichzeitig versah Joseph Sluyter auch das Amt des Vorstehers und ließ die Züge abfahren.

In den Räumlichkeiten fanden auch Fastnachtsbälle statt. FOTO: privat

Nach dem ersten Weltkrieg übernahm 1922 sein Sohn Franz Sluyter den Gaststättenbetrieb gemeinsam mit seiner Frau Johanna, geborene Hülkenberg. Gleich ein Jahr später musste man mit der Inflation die erste Krise überstehen, im Dezember 1923 kostete ein Glas Bier etwa 500 Milliarden Reichsmark. Mit Fleiß und Umsicht kamen die jungen Wirtsleute mit der Zeit zurecht, 1927 ließen sie einen neuen Saal mit "Zeppelindach" bauen. Dieser riesige Raum verfügte über eine damals völlig neue, freitragende Holzkonstruktion der Decke, wodurch die bis dahin üblichen Stützpfeiler im Saalinnern entfielen. Dieser neue Saal bot 450 Sitzplätze und besonders zur Hüthumer Kirmes und "Fasteloovend" ging es hier hoch her.

Besonders originell waren die Versteigerungen am Rosenmontag. Da wurde alles angeboten: vom Zylinder bis zum Gehrock, von der Kreissäge bis zum gebrauchten Kinderwagen und sogar lebendige Ziegen.

Die Fastnachtsbälle waren besonders beliebt, wenn die "Blaskapelle Deike" zum Tanz aufspielte oder Fina GoffrieQ für ein "Borldje", einen Schnaps, solo sang: "De Schmedd, de Schmedd, dän nemt sin Maisje mät!" Wochentags stand der Saal auch dem Turnverein 08 und dem Amateur-Boxverein Emmerich als Trainingshalle zur Verfügung. Es gab hier dramatische Box-Wettkämpfe, sogar Deutsche und Europa-Meisterschaften.

In den 30iger Jahren war auch einmal der Westdeutsche Rundfunk zu Gast im Klostergarten mit Evelyn Künneke und mit der Gruppe "Drei lustige Gesell'n" vom Reichssender Köln.

Inflation, Wirtschaftskrise, Krieg - es war nicht immer leicht. Schon 1938 wurde der Klostergarten zweckentfremdet, mal war der Arbeitsdienst, mal eine Zollgrenzschule oder die Flak hier untergebracht.

Im Oktober 1944 wurde alles völlig zerstört. Franz und Hanna Sluyter mussten noch einmal von vorne anfangen. 1946 wurden zwei Räume, einer als Wohn- und Schlafraum, der andere als Gaststätte, notdürftig wieder aufgerichtet. Das Haus stand 1948 wieder, Weihnachten 1949 konnte der neue Saal eingeweiht werden.

1954 übernahmen Herbert und Fränzi Sluyter, geborene Pastor, den elterlichen Betrieb. Ende der 50er wurde der Betrieb dann durch zwei Kegelbahnen erweitert, die Küche wurde erneuert und Gästezimmer eingerichtet. Der Männerchor, Damenchor, Sportverein 09, der Bürgerverein und die Schützengesellschaft Borussia fanden hier eine Heimat.

Bis 1986 führten die Sluyters den Betrieb weiter, der 1987 schließlich verkauft wurde. An der Stelle des ehemaligen Saales steht heute ein Supermarkt.

Quelle: RP
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