| 00.00 Uhr

Emmerich
Schwimmt ein Haus im Graben

Emmerich: Schwimmt ein Haus im Graben
Tea Mäkipää in ihrer Installation "Escape Allee". FOTO: Gottfried Evers
Emmerich. Mit "Early Harvest" hat die finnische Künstlerin Tea Mäkipää im Museum Schloss Moyland eine epochale Ausstellung geschaffen. Zu ihrer Gesellschaftskritik mischt sie feinen Humor. Von Ludwig Krause

Das erste Gebot: Fliege nicht. Das vierte Gebot: Meide alle Produkte mit Plastikverpackungen. "Natürlich geht das nicht", sagt Alexander Grönert. Das siebte Gebot: Kaufe nichts, bei dem du dir nicht wirklich sicher bist, dass du es brauchst. Das achte Gebot: Produziere nicht mehr als zwei Kinder. "Das sind die Widersprüche, in denen wir heute leben", sagt Grönert. Als der Kurator vor Monaten mit der Planung der neuen Wechselausstellung im Museum Schloss Moyland begann, wusste er nicht, was am Ende dabei herauskommen würde. Das räumt er heute ganz freimütig ein. "Ich kann auch nicht sagen, ob sie so geworden ist, wie ich mir das vorgestellt habe", sagt er.

Denn "Early Harvest" der finnischen Künstlerin Tea Mäkipää ist eine Schau, bei der man mit den klassischen Kunstbegriffen wie Malerei oder Bildhauerei nicht mehr weiterkommt. Eine Ausstellung, bei der man sich auch vom Bild des Künstlers trennen muss. Denn mitnichten ist alles, was ab Samstag im Schlosspark und in den Ausstellungsräumen der rechten Vorburg zu sehen ist, von Mäkipääs Händen geschaffen. Vielmehr agierte sie in den vergangenen Wochen und Monaten wie eine Dirigentin. Eine Regisseurin, die alle Ideen so zusammenfügt, dass ein Gesamtkunstwerk entsteht. Kaum waren bisher so viele Mitarbeiter an einer Einzelausstellung im Museum Schloss Moyland beteiligt. In einem Abspann kann man die Namen ablaufen lassen. Unterstützung erhielt Mäkipää unter anderem vom britischen Folkmusiker und Autor Joseph Porter oder dem Fernsehregisseur Mikko Pitkänen.

Die umfassende Werkschau ist die erste der finnischen Künstlerin in Deutschland. Mit ihr will das Museum einen Dialog anregen, der soziale und ethische Aspekte der Globalisierung in den Fokus nimmt. "Wir haben hier eine ganze Stadt aufgebaut", sagt Kurator Alexander Grönert. Und tatsächlich gibt es Häuser, einen Friedhof und sogar eine Ladenzeile. "Teile der Fassade sind in einem eigens angemieteten Atelier in Berlin entstanden, anderes wieder hier. Ich bin immer noch erstaunt, dass sich alles derart zusammengefügt hat", sagt Grönert.

So die beiden Gebäude im originalgetreuen Maßstab, die Besucher im Schlosspark finden. Eines: entkernt bis auf die Strom-, Wasser- und Heizungsleitungen. Das andere: halb versenkt im Schlossgraben. "Atlantis", heißt das zweite Werk. Eines, das nicht nur ein großartiges Bild vor der Schlosskulisse abgibt und deutlich über die Ausstellung hinaus in Moyland bleiben soll, sondern auch ein Sinnbild für die Folgen des Klimawandels ist. Mäkipää spielt immer wieder mit Ästhetik und Abstoßendem, Dramatik und einem feinen Humor. Wie mit den zehn Geboten für das 21. Jahrhundert, die provozieren müssen.

Eigens für die Ausstellung geschaffen hat die Künstlerin die Installationen "Escape Allee" und "Windows". Dabei kombiniert sie Architekturelemente und Fotomontagen. Im Fall von "Escape Allee" entsteht so eine Straßenzeile, die den Betrachter mit den Grenzen und inneren Widersprüchen seines Lebensstils konfrontiert. Bei "Windows" lässt sie die Besucher nach draußen schauen. Was nicht unbedingt besser ist: Denn zu sehen gibt es eine Welt von zerstörerischer Logik. Kaum zu ertragen ist die Eindringlichkeit, mit der die Aufnahmen amerikanischer Luftangriffe auf Journalisten im Irak inszeniert sind. Aber es gibt noch viel mehr zu entdecken: 20 Meter lange Fotopanoramen, die an Werke von Hieronymus Bosch erinnern. Ein dramatisch inszeniertes Modell des Atomreaktors von Fukushima. Und immer wieder diese kleinen Details. Das Ergebnis ist eine epochale Ausstellung randvoll mit Gesellschaftskritik. Schon der Titel verrät es: "Early Harvest". Die frühe, die zu frühe Ernte. Es ist eine Kritik am Spannungsfeld von Ökonomie und Ökologie, von Kapitalismus und Menschenwürde. Was bedeutet das Aussterben von Tieren und Pflanzenarten? Was die Rohstoffausbeutung und das Streben nach immer mehr Macht, Wohlstand und Kontrolle? Mäkipää stellt Fragen. Nicht, indem sie sich auf die eine Seite stellt und mit dem Finger auf die Menschen der anderen Seite zeigt, wie die Künstlerische Direktorin Bettina Paust betont. Mäkipää hinterfragt sich selbst - und damit uns alle.

"Wir haben alles, was uns zur Verfügung stand, in diese Ausstellung geworfen", sagt Alexander Grönert. Einen Katalog gibt es zur Vernissage daher noch nicht. Der könnte später aber noch folgen.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Emmerich: Schwimmt ein Haus im Graben


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.