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Emmerich
Sein Fokus gilt den Menschen in Europa

Emmerich. Das Museum Goch eröffnet morgen eine Ausstellung mit Werken des Bildjournalisten Jürgen Schadeberg, der mit Fotos von Nelson Mandela berühmt wurde. Südafrika ist heute nicht mehr sein Thema, aber Menschen sind es nach wie vor. Von Anja Settnik

Was es wert ist, Europäer zu sein, begreift vielleicht am ehesten, wer lange Zeit anderswo lebte. Wobei: Die Menschen selbst unterscheiden sich gar nicht so sehr in ihrer Freude, in ihrer Trauer, in ihrer Wut oder Hilflosigkeit. Der Fotokünstler Jürgen Schadeberg hat über Jahrzehnte hinweg Menschen fotografiert, zunächst in Südafrika, wo er für das einflussreiche "Drum"-Magazin arbeitete und die Apartheid mit seinem Ausdrucksmittel bekämpfte, später in Frankreich, Spanien, auch eine Weile in Berlin, seiner Geburtsstadt. Das Museum Goch zeigt nun 150 Arbeiten Schadebergs in der von ihm selbst so genannten Ausstellung "Viva Europa Viva". Eröffnung ist am morgigen Sonntag um 11.30 Uhr. Es spricht Dr. Christiane Kuhlmann aus Berlin, die sich besonders dem künstlerischen Blick des Bildjournalisten annimmt.

Jürgen Schadeberg hatte gestern Geburtstag, wurde 85 Jahre alt. Gemeinsam mit Gochs Museumsleiter Dr. Stephan Mann und Steffen Fischer baute er die Ausstellung auf, die im Anschluss übrigens noch auf Sylt und in Überlingen am Bodensee zu sehen sein wird. Überall werden die Betrachter sehr nahe an die Personen heranrücken, die der Fotojournalist mit seiner Leica festgehalten hat. Sehr direkt, ohne technische Kunstgriffe: Schadeberg nutzt seit Jahrzehnten ein einziges Objektiv und geht so nahe an die Objekte heran, wie das nötig ist - oft ziemlich nah. Und da macht er keinen Unterschied, ob es eine alte Dame ist, die am Stock über eine Brücke schreitet, oder ein zornsprühender Stier in der Arena. Der Fotograf lebt schließlich im Süden Spaniens und kann deshalb dieser umstrittenen Tradition kaum entkommen. "Wobei in seiner Wahlheimat Valencia nicht gut ankam, dass er den blutigen Aspekt des Stierkampf in den Vordergrund rückte", erzählt Stephan Mann.

Die 50er und frühen 60er Jahre hatte der junge Berliner in Südafrika verbracht, wo er wichtige Personen der Geschichte ebenso fotografierte wie den harten Alltag der schwarzen Bevölkerungsmehrheit. "Dadurch hat er den Druck auf das System sicherlich erhöht", sagt Mann. Das letzte Foto von Nelson Mandela war ausnahmsweise ein arrangiertes: 1994 porträtierte Schadeberg Nelson Mandela in dessen ehemaliger Gefängniszelle auf Robben Island, überraschend gelassen durch die Gitterstäbe schmunzelnd. Aber um Südafrika und seine Rassenkonflikte geht es in der aktuellen Ausstellung nicht. Wenngleich die Akteure des Museum Goch den Fotografen vor einigen Jahren in genau diesem thematischen Zusammenhang kennenlernten (wozu es auch eine Ausstellung gab). Jetzt heißt es "Viva Europa" und kommt dabei ganz ohne Trevi-Brunnen, Eiffel-Turm und Alhambra aus. Denn dem Wahl-Spanier geht es um die Menschen. Nur selten blicken sie ihm in die Augen beziehungsweise in die Linse; am liebsten fotografiert Schadeberg in der Bewegung, im Vorübergehen. "Seine Fotos haben viel Intuitives, er bevorzugt den direkten Zugriff", sagt Mann.

Inzwischen arbeitet der 85-Jährige auch mit Farbe, der Großteil seiner Arbeiten sind jedoch Schwarz-Weiß-Fotografien, wiedergegeben auf klassischem Fotopapier, das die digitale Fotografie heute weitgehend verdrängt hat. Diese Fotos hängen nun an den Wänden im Erdgeschoss und unterm Dach des Gocher Museums. Alle werden beschriftet, so dass der Betrachter neben dem ästhetischen auch noch einen Wissensgewinn mit nach Hause nimmt. Hier und da gibt es sogar etwas zum Schmunzeln: Schadeberg fotografiert bei Ausstellungseröffnungen auch schon mal sein Publikum, das ihn eigentlich feiern möchte. Da sind dann viele fröhliche Gesichter zu sehen.

Überhaupt, Gesichter - Porträtieren ist fraglos eine Leidenschaft des Fotografen, der die Schönheit und Kraft des Alters überzeugend darstellt. Bei jüngeren Menschen ist es meist die gesamte Gestalt in Aktion, die ihn zur Kamera greifen lässt: Kinder, die tanzen, Jugendliche, die einen Joint rauchen, gebräunte Sonnenanbeter. Ob Picknick, Einkauf im Imbiss, Schlussverkaufs-Gerangel oder Märkte: In jeder denkbaren Alltagssituation zückt Schadeberg plötzlich seine Leica und hält drauf. Aufs Leben der Menschen in Europa, das sich, wie der Bildjournalist meint, in den nächsten 20 Jahren sehr verändern wird.

Quelle: RP
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