| 17.49 Uhr

Tina Oostendorp
Stadtgeschichte auf 1,1 Kilometern

Emmerich. Archivarin Tina Oostendorp spricht über ihre Arbeit im Reeser Stadtarchiv, in dem auch fast 800 Jahre alte Akten lagern.

REES Vor zehn Jahren wurde das neue Reeser Stadtarchiv am Hermann-Terlinden-Weg 1, gleich neben der Grundschule, eröffnet. Grund genug für Archivarin Tina Oostendorp, ihren Arbeitsplatz am morgigen Sonntag von 11 bis 17 Uhr bei einem "Tag der offenen Tür" allen Interessenten zugänglich zu machen. Die Besucher dürfen in Foto-Ordnern stöbern, bei kostenlosen Führungen die sonst verschlossenen Räume besichtigen und mehrfach vorhandene Bücher oder Totenzettel mitnehmen. Spenden sind willkommen, die in die Digitalisierung von Schulchroniken investiert werden sollen. Der Geschichtsverein Ressa zeigt im Archiv Reeser Filmaufnahmen aus den 1920er bis 70er Jahren. Im Interview verrät Tina Oostendorp, warum sich der Besuch im Stadtarchiv an jedem Tag lohnt und an welcen Tag der Vergangenheit sie reisen würde.

Was sollte man über das Reeser Stadtarchiv wissen?

Tina Oostendorp Zunächst einmal sollte man wissen, dass wir überhaupt eins haben und wo man es findet. Ich biete seit vielen Jahren Tage der offenen Tür an, aber höre ganz oft die Frage: "Wir haben ein Archiv? Und da darf man einfach so rein?"

Die Antwort kennen wir: Man darf. Aber warum sollte man?

Oostendorp Um mehr über den eigenen Wohnort, die eigene Straße oder die eigene Familie zu erfahren. Leider stellen viele Leute die Gleichung auf: Archiv = Geschichte = langweilig. Aber wenn man erstmal anfängt, in unseren Fotobänden zu blättern, bekommt man gleich einen ganz anderen Bezug zur lokalen Geschichte, als man ihn sonst vielleicht zu historischen Ereignissen in Berlin, Paris oder London hat.

Warum gibt es überhaupt Stadtarchive?

Oostendorp Abgesehen davon, dass Kommunen durch das Landesarchivgesetz verpflichtet sind, Archive zu unterhalten, werden hier Quellen zur Stadtgeschichte seit dem Mittelalter aufbewahrt und zur historischen Forschung bereitgestellt. Damit trägt das Archiv wesentlich dazu bei, dass sich die Bürger mit ihrer Heimatstadt identifizieren.

Seit wann hat die Stadt Rees ein Stadtarchiv?

Oostendorp Seit vielen hundert Jahren. Früher wurden wichtige Dokumente, die vorrangig der Rechtssicherung dienten, in schön verzierten Holztruhen im Rathaus gelagert. Rückblickend war es ein echter Glücksfall, dass der Landrat im Zweiten Weltkrieg alle Kommunen per Brief aufforderte, die wichtigsten Urkunden vor etwaiger Kriegszerstörung in Sicherheit zu bringen. Darunter die Stadterhebungsurkunde vom 14. Juli 1228.

Wo wurden die historischen Schätze aufbewahrt?

Oostendorp Alle Dokumente aus den Jahren bis circa 1750 wurde in ein Salzbergwerk im niedersächsischen Darbringhausen ausgelagert. Der Rest blieb im historischen Rathaus und wurde bei der Bombardierung von Rees fast ausnahmslos vernichtet. Nur die Personenstandsbücher und wenige andere Dokumente wurden gerettet. Aus dieser Zeit haben wir bis heute die größte Lücke in unseren Beständen.

Sie arbeiten seit 33 Jahren im Reeser Archiv. Wie oft sind Sie mit allen Akten und Urkunden umgezogen?

Oostendorp Als ich 1985 anfing, war das Archiv auf dem Dachboden des Rathauses untergebracht. Mein damaliger Kollege Karl-Heinz Bollbrinker und ich durchforsteten, mit Unterstützung der Archivberatungsstelle Rheinland, alle Akten und sortierten sie nach Ämtern. Dann zogen wir ins Archiv an der Sahlerstraße, das Anfang der 90er Jahre erweitert wurde. 2007 wurde unser jetziges Domizil fertig, das erstmals tatsächlich als Archiv gebaut worden war.

Wie viele Dokumente können denn in dem neuen Domizil aufbewahrt werden?

oostendorp Wir haben 1,1 Kilometer Lagerfläche für Akten, Fotos, Bücher und andere Objekte. Einige hundert Meter sind noch frei. Das muss ja auch so sein, weil ständig was Neues dazukommt.

Die Adresse des Archivs lautet Hermann-Terlinden-Weg 1, benannt nach dem früheren Reeser Archivleiter und Heimatforscher Terlinden.

Oostendorp Bernd Schäfer hatte diese großartige Idee, und wir sind alle sofort darauf angesprungen. So wurde vor zehn Jahren erst dieser Weg eingeweiht und gleich darauf das neue Archiv. Wir sind die Einzigen, die eine postalische Adresse im Hermann-Terlinden-Weg haben. Er gehörte vorher zur Freystraße und wurde umgewidmet.

Hermann Terlinden starb 1993. Was haben Sie von ihm gelernt?

Oostendorp Dass man Archivarbeit mit viel Liebe und Sorgfalt machen muss. Er war wie ein großväterlicher Freund, aus dem die Geschichten sprudelten, sobald man ihm ein Stichwort gab. Zwar habe ich die Archivleitung von ihm übernommen, aber vom Arbeitsbild her bin ich nicht in seine Fußstapfen getreten. Er hat sich vor allem der Familien- und Heimatforschung gewidmet, aber ich verwalte in erster Linie neuere Akten, die erst später zu Quellen der Ortsgeschichte werden. Die Geschichte erforsche ich meist nur, wenn ich gemeinsam mit Eila Braam Ausstellungen zusammenstelle. Wie zuletzt beispielsweise die Ausstellung über die Rheinbrücke Rees-Kalkar.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten, für einen Tag in die Reeser Vergangenheit zu reisen: Für welchen Tag würden Sie sich entscheiden?

Oostenndorp Für die Stadterhebung am 14. Juli 1228. Das muss ein absolutes Highlight gewesen sein, als Heinrich von Molenark mit seinem Tross hier eintraf, um Rees zur Stadt zu ernennen. Aber auch jeder beliebige Tag der früheren Jahrhunderte würde mich reizen, weil ich dann sehen und dokumentieren könnte, wie Rees damals aussah. Gern würde ich ein Foto vom Delltor machen. Davon existiert nämlich kein einziges Bild.

DIE FRAGEN STELLTE MICHAEL SCHOLTEN

Quelle: RP
 
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