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Emmerich
Tschernobyl - Urlaub in der Todeszone

Emmerich. Vor 30 Jahren explodierte der Block 4 des Atomkraft-werks in Tschernobyl. Bei historischen Ereignissen wissen viele Menschen noch genau, wo sie damals waren, oder was sie gerade taten. Der Klever Paul Gerhard Küsters wird sich immer an den 26. April 1986 erinnern. Als die Nachricht von der Nuklearkatastrophe verbreitet wurde, reiste er gerade durch die damalige Sowjetunion. Er war nur 100 Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt. Von Peter Janssen

KLEVE Im Wohnzimmer hängen christliche Symbole und Darstellungen an den Wänden. Die Kreuzigungsgruppe, eine Schar Engel, die Muttergottes, Märtyrer. Paul Gerhard Küsters ist 92 Jahre alt und ein gläubiger Mensch. Gottvertrauen hatte er immer. Auch wenn es einen Punkt in seinem Leben gibt, an dem er sich dem Himmel schon so nah wähnte.

Paul Gerhard Küsters sitzt in seinem Wohnzimmer auf einem schweren Sessel. Er trägt ein Cordsakko mit Einstecktuch und stützt sich auf seinen Gehstock. Der Wandschrank hinter ihm ist randvoll. Er kann neben etlichen Bildern, Figuren, Gläsern und sonstigen Gegenständen nichts mehr aufnehmen. Auch die Tapete hat Schwierigkeiten sich durchzusetzen. Vornehmlich Abzeichen und Urkunden bedecken die Wände. Es hat etwas von Petersburger Hängung. Küsters deutet auf sein Arbeitszimmer: "Da ist noch mehr."

Der 92-Jährige ist stolz auf seine Ehrungen. Rheinlandtaler, Urkunde von Königin Elisabeth, Bundesverdienstkreuz 1. Klasse - Küsters muss etwas geleistet haben. Auf die Frage, welchen Beruf er hatte, antwortet er: "Studiendirektor a. D." Er unterrichtete am Kalkarer Gymnasium Deutsch, Englisch und Theologie. "Alles Korrekturfächer", betont er. Sein Blick schweift über die Auszeichnungen an den Wänden. Dabei wirkt er zufrieden. "Ich kann für vieles dankbar sein", sagt der Pensionär.

Ein Grund für die Dankbarkeit war ein Erlebnis im Jahr 1986. Küsters verbrachte einen Kurzurlaub in der ehemaligen Sowjetunion. Er besuchte die Städte Moskau, Kiew und Leningrad, das heutige Sankt Petersburg. In Moskau am 22. April gelandet, flog er vier Tage später weiter nach Kiew. Im Hotel Rus, einem Haus mit Tradition, nahm er sich am Samstag, den 26. April, ein Zimmer. "Ich freute mich auf den Sonntag und erinnere mich noch gut an die Tage, denn für die Jahreszeit war es ungewöhnlich heiß", sagt Küsters. Als er am 27. April durch Kiew lief, war die Stadt ein Meer aus roten Fahnen. Der 1. Mai rückte näher und somit die Gedenkfeiern an die Revolution von 1917. Die Straßen der Innenstadt waren für ein Radrennen abgesperrt, die Cafés gut besucht. Ein sonniger Tag, so der 92-Jährige.

Was Küsters nicht wusste: Einige Stunden vor seiner Tour durch Kiew war der Reaktorblock 4 des Lenin-Kraftwerks in Tschernobyl explodiert. Radioaktiver Staub breitete sich in ganz Europa aus. In Kiew, das nur 100 Kilometer von der Unglücksstelle entfernt liegt, war die Dosis entsprechend hoch.

Der Klever besuchte an jenem Sonntag einen orthodoxen Gottesdienst in der Wladimir-Kathedrale und fotografierte Jugendstil-Fassaden. Die Gefahr, in der er sich befand, war nicht greifbar. "Es gab nicht einen Hinweis, dass es zum ersten GAU in der Geschichte der Kernnutzung gekommen war", sagt Küsters. Bei dem Versuch, vier Fontänen zwischen roten Fahnen hindurch zu fotografieren, stolperte er, taumelte fünf Stufen hinunter, stürzte jedoch nicht aufs Pflaster. Der Klever spürte Stiche in der Brust. Ein Herzinfarkt, so sein erster Gedanke. Er fühlte sich schwach, wusste aber nicht warum, denn: "Auch Tage nach der Kernschmelze erfuhr man darüber nichts", sagt Küsters.

Die Informationspolitik des Staats war eine Mischung aus Lügen, Verharmlosen und vor allem Vertuschen. In gewohnter Manier wurden unbequeme Nachrichten frisiert. Dass die Bürger sich unbemerkt der tödlichen Strahlung aussetzten, wurde in Kauf genommen. In der Tageszeitung Iswestija fand Küsters eine kleine Meldung in einer Außenspalte. "Dort war die Rede von einem lokalen Unfall, den es in Tschernobyl gegeben habe. Vier Tage danach berichtete die Prawda etwas ausführlicher. Einzelheiten wurden nicht bekanntgeben", sagt er.

Während in der UdSSR zunächst niemand etwas von dem GAU erfuhr, wunderten sich die Ingenieure eines schwedischen Kraftwerks über gefährlich hohe Strahlenwerte. Die stammten jedoch nicht aus dem Inneren ihrer Anlage, sondern wurden an der frischen Luft gemessen. Eine radioaktive Wolke aus Tschernobyl hatte die Messstation erreicht.

Drei Tage nach der Reaktorkatstrophe erfuhr der Klever von der Kernschmelze. Als er im Hotel ankam, wunderte er sich über die extrem hektischen englischen und amerikanischen Gäste, die fluchtartig das Haus verließen. Erstmals hörte Küsters in der Lobby etwas von einem Atom-Unfall. Die Fluggesellschaften British Airways und Pan Am holten Engländer und Amerikaner direkt in Kiew ab.

Paul Gerhard Küsters war der einzige Deutsche in der Unterkunft. Er reiste weiter nach Leningrad. "Dort meldete ich mich beim Generalkonsulat", sagt er. Die Hinweise, die Küsters dort erhielt, dienten nicht zur Beruhigung. "Sofort nach Moskau zur Deutschen Botschaft. Dort müsse man ihm direkt einen Flug nach Deutschland organisieren und bei Regen nicht nach draußen gehen, lautete die Ansage. Am 3. Mai flog der Klever dann vom Moskauer Flughafen "Scheremetjewo II" mit der Lufthansa nach Düsseldorf. Küsters entkam dem Tod. Tausende Menschen in der Region um Tschernobyl nicht. Die Evakuierung erfolgte viel zu spät. Männer aus allen Teilen der Republik wurden in das Katastrophengebiet kommandiert. Ihre Aufgabe war es, in den kontaminierten Gebieten aufzuräumen. Straßen und verlassene Gebäude wurden gereinigt. Diese Männer wurden Liquidatoren genannt*. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren dort 600.000 bis 800.000 Menschen im Einsatz. Auch die Dächer der umliegenden Reaktorblöcke wurden von Schutt befreit. Nur 40 Sekunden (!) lang durfte jeder Arbeiter aufgrund der hohen Strahlendosis dort bleiben.

Paul Gerhard Küsters musste nach seiner Rückkehr sofort ins Düsseldorfer Strahleninstitut. In den ersten Jahren wurde sein Blut einmal im Quartal untersucht. Mit der Zeit vergrößerten sich die Abstände. "Natürlich hatte ich Angst, dass der Krebs mein Leben früh beendet. Es wurde damals gesagt, die Krankheit käme mit Sicherheit, spätestens nach zehn Jahren", blick er zurück.

Die Zeit nahm ihm die Sorgen. Doch habe ihn die Reise nach Kiew nie losgelassen, so Küsters. Er sammelte alles, was er zu dem Thema in die Hände bekam. Die dort gemachten Fotos sieht er immer wieder vor seinem geistigen Auge. Der 92-Jährige weiß, dass er in seinem Leben viel Glück hatte. Die Bilder vom explodierten Reaktor, von den menschenleeren Städten und Strahlenopfern haben sich nicht nur in seinem Gedächtnis verewigt. Die Aufnahmen sind allgegenwärtig. Auch dadurch ist die Erkenntnis entstanden, dass Kernkraft eine billige Form der Energiegewinnung ist. Doch ist der dafür gezahlte Preis zu hoch.

* das Bild zeigt eine der Masken, die von den Liquidatoren bei den Aufräumarbeiten in dem explodierten Kraftwerk trugen.

Quelle: RP
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