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Ein Auto namens Jumbo
Vier Freunde und ein Bulli

Ein Auto namens Jumbo: Vier Freunde und ein Bulli
Auf dem Bild zu sehen sind (v.l.) Ludger Nyland, Heinz Smits, Franz Köster und Paul Jansen. FOTO: Paul Jansen
Emmerich. Kein Telefon, keine Scheckkarte, keine Versicherung: Wie Paul Jansen, Franz Köster, Ludger Nyland und Heinz Smits 1958 in einem Dreivierteljahr 20.000 abenteuerliche Kilometer für fremde Länder zurücklegten. Von Monika Hartjes

Eine Europa-, Asien- oder Afrikareise zu machen ist heutzutage kein Problem mehr. Reisebüros helfen gerne, damit man bequem unterwegs ist und die sozialen Medien bieten eine Menge an Informationen. Aber in den 50er Jahren, da war das noch ein echtes Abenteuer, denn die Gegebenheiten in den einzelnen Ländern kannte man nicht. Ein spannendes Abenteuer wurde es auch für die vier Emmericher Jungs, die sich auf eigene Faust auf den Weg machten - in einem umgebauten VW-Kleinbus: aus zwei Sitzbänken konnte mit einfachen Handgriffen ein Schlafplatz für vier Personen geschaffen werden, ein Wassertank und eine selbstgezimmerte Kiste für Garderobe und ein Klappfahrrad waren auf dem Dach des Fahrzeugs befestigt. Das eingebaute Radio und Briefe, die postlagernd geschickt wurden, waren die einzige Verbindung zur Heimat. Zwischendurch wurde gearbeitet, um die Reisekasse aufzufüllen. "Work & Travel" würde man das wohl heute nennen.

Am 1. Juli 1958 bekamen die vier Pfadfinderführer des St. Georg-Stammes - Paul Jansen (Mechaniker), Franz Köster (Maurer), Ludger Nyland (Schreiner und Leichtmetallmonteur) und Heinz Smits (Kaufmann) - in der St. Aldegundis-Kirche den Reisesegen. Das "vierblättrige Kleeblatt" war zwischen 20 und 24 Jahre alt. Alles war gepackt und endlich konnte die Fahrt unter dem Namen "Unternehmen Gartenschlauch" starten. "Wir wussten nicht, wie lange unsere Fahrt dauern würde, das konnte sich ziehen wie ein Gartenschlauch", erklärt Paul Jansen, der Jüngste in der Gruppe, den Namen.

Links: Franz Köster und Heinz Smits beim Wäschemachen. Rechts: Besuch von einem Beduinen am Fahrzeug der Emmericher. FOTO: Paul Jansen

Über die Niederlande und Luxemburg kamen sie nach Stuttgart, wo sie für 14 Tage eine Arbeit annahmen, und im Kolpinghaus übernachteten. Jansen arbeitete in einem Fahrradgeschäft. "Die wollten mich gar nicht mehr gehen lassen", lacht er. Über die romantische Straße gelangten sie zum Starnberger See. In München besuchte das Quartett das Oktoberfest und fand Arbeit in einer Ziegelei. Nach vier Wochen war das Portemonnaie so gut gefüllt, dass es weitergehen konnte durch das Fürstentum Lichtenstein und in die Schweiz, wo sie abermals beschäftigt waren: Sechs Wochen lang waren sie in Winterthur als Saisonarbeiter in einer Mostfabrik tätig. "Wir machten Apfelsaft, aber auch 80-prozentigen Alkohol."

Danach fuhren die jungen Männer in ihrem "Jumbo", wie sie den VW-Bulli nannten, nach Italien. Da der St. Gotthard-Pass verschneit war, wurde Jumbo kurzerhand auf die Bahn gepackt und so ging's per Zug durch den Gotthard-Tunnel nach Mailand. In Rom musste der Papierkrieg für die Einreisevisen für die afrikanischen und asiatischen Länder bewältigt werden. "Wir parkten unseren VW-Bus mitten auf dem Petersplatz und übernachteten da", erinnert sich der Emmericher. So lernten sie einen der Schweizer Gardisten des Papstes kennen, der sie zu sich einlud. Nach drei Tagen waren die Visen da. Über Neapel erreichten sie Pompeji am Fuße des Vesuvs. "Im Hafen von Palermo wurde unser 'Jumbo' dann per Kran auf das Schiff 'Campidamo' gehievt und um Mitternacht stachen wir dann in See", erzählt der mittlerweile 79-jährige Paul Jansen, der in der Kaßstraße ein Fahrradgeschäft betrieb.

Links: In Tunis wurde der Bulli mit einem Kran vom Schiff gehievt. Rechts: Auf dem Weg nach Kairo trafen die Pfadfinder auf viele interessante Menschen. FOTO: Paul Jansen

In Karthago bei Tunis übernachteten sie im Kloster der "Weißen Väter". Unter den Patres waren auch 17 Deutsche, ebenfalls Pfadfinder, und die vier Globetrotter konnten das Weihnachtsfest 1958 nach deutscher Sitte mit einer mitternächtlichen Christmette feiern. "Wir bekamen noch Belehrungen über Land und Leute, Sitten und Gebräuche. Diese kamen uns im Land der Araber immer wieder zugute", sagt Jansen. Zur Jahreswende ging es zur Küste gen Osten nach Sfax, am 3. Januar erreichten das "Reise-Kleeblatt" die Grenze Lybiens. In Tripolis herrschten Temperaturen bis zu 28 Grad, in Derna weckten Schakal- und Wüstenfuchsgeheule die Camper in der Nacht. Am 14. Januar sollten sie an der ägyptischen Grenze ankommen. "Doch wir hatten uns verrechnet, mehrere Kilometer vor dem Grenzort ging uns das Benzin aus. Außerdem fehlte uns Wasser, Brot und irgendwas anderes Essbares." Ein Helfer kam in Form eines Lastwagenfahrers, der besorgte Benzin an der nächsten Tankstelle. "Und später konnten wir auch unsere leeren Mägen füllen."

200 Kilometer verlief die Strecke durch den weißen Wüstensand nach Kairo, wo die vier Emmericher staunend die Pyramiden anschauten. Geschlafen haben sie im Deutschen Haus, Übernachtung und Verpflegung kosteten dort 5,50 DM pro Person. Sorgen bereitete dem Quartett die Fahrt nach Jordanien, es war unmöglich, auf dem Landweg dorthin zu gelangen. Die Überfahrt per Schiff von Alexandria nach Beirut dauerte 50 Stunden und riss ein tiefes Loch in die Reisekasse - sie kostete 350 DM.

FOTO: Paul Jansen

Sie kamen nach Damaskus, wo sie plötzlich von einer Gruppe Soldaten mit Maschinenpistolen umstellt wurden, die sie "höflich" aufforderten, mitzukommen zum Kommandanten in die Kaserne. "Wir kamen ganz schön ins Schwitzen und erzählten ihnen von unserer Reise." Da wurden die Soldaten freundlicher, servierten Tee, etwas zu essen und schenkten den Jungs Zigaretten. "Der Grund der Aufregung war, dass wir auf militärischem Gebiet gestanden hatten." Sie erlebten Jerusalem und Aleppo, wandelten auf "biblischen Spuren", besuchten in Bethlehem die Geburtsgrotte Jesu und badeten im Toten Meer. Weiter fuhren sie in die Türkei nach Istanbul und Ankara, wo der Bus repariert werden musste, weil er unterwegs eine Panne hatte. Im März 1959 ging es dann auf den Heimweg über Budapest, Zagreb und Graz nach Wien. "An der Grenze wurden wir dann ordentlich gefilzt. Wir merkten, dass wir wieder in Deutschland waren." Gerne erinnert sich Paul Jansen an die Fahrt zurück. "Wir haben in dem dreiviertel Jahr etwa 20.000 Kilometer zurückgelegt. Unterwegs wurden wir als Deutsche fast überall sehr gut aufgenommen. Der Zusammenhalt unter uns Vieren war toll. Und glücklicherweise ist nichts passiert, auch wenn wir kein Telefon, keine Versicherung und keine Scheckkarte hatten", resümiert Paul Jansen.

Quelle: RP
 
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