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Heiner Frost
Warum ausgerechnet der Knast?

Heiner Frost: Warum ausgerechnet der Knast?
Der Reeser Journalist Heiner Frost. FOTO: Evers Gottfried
Emmerich. Der Reeser Journalist und Autor beschäftigt sich leidenschaftlich mit der Justiz. Nach zehn Jahren ist der Glaube ans System dem Zweifel gewichen. Warum?

Ihr neues Buch "Am Ende der Zweifel" zeigt ein geteiltes Gesicht. Wieso?

Heiner Frost Das müssen Sie Holger Matthies fragen, der hat das Cover entworfen. Er hatte eine Ausstellung in Emmerich im PAN, am Ende war ich 13 Mal da. Ich habe über die Ausstellung geschrieben und er hat mir einen Brief geschickt. Später habe ich den Katalogtext für seine Ausstellung in Hamburg verfasst, er hat für mich das Cover entworfen. Es ist übrigens eines seiner ganz seltenen Selbstporträts.

Dann versuche ich es so: Das Buch handelt von Fällen im Knast und in der Justiz. Geht es Ihnen um die zwei Gesichter, zwei Seiten der Menschen?

Frost Es geht um das System Knast und Gericht. In diesem System werden Menschen durchgedreht. Ich kann Sprüche nicht mehr hören, wenn jemand sagt, der Knast sei heute ein Hotel, den Leuten darin gehe es viel zu gut. Ich bin da seit zehn Jahren jeden Tag und kenne auch andere Geschichten. Und das ist nicht immer witzig. Aber natürlich sitzen ganz viele da nicht grundlos. Deswegen gibt es am Schluss auch einen kurzen Abschnitt über Opfer. Weil es mir überhaupt nicht darum geht, die Täter zu verherrlichen. Vor allem, weil ich bei den Gerichtsreportagen ganz oft die Opfer da sitzen sehe. Es gibt eben von keinem Ding nur die eine Seite.

Sie betreuen seit über zehn Jahren die "Jaily-News", also die Gefängniszeitung. Was hat Sie dazu getrieben?

Frost Ich habe bei einer Lesung meines damals aktuellen Buches Karl Schweers kennengelernt, heute Anstaltsleiter in Geldern: Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, eine Literatur-AG im Knast zu machen. Da habe ich nicht lange überlegt - weil Knast spannend ist, eine Literatur-AG sowieso. Wer ernsthaft schreibt, so eine Anfrage bekommt und dann "Nein" sagt, der kann doch nicht mehr alle Tassen im Schrank haben.

Aber die Hürde, freiwillig in den Knast zu gehen, ist doch eine hohe.

Frost Das habe ich nie als Hürde empfunden. Das mit der Literatur-AG hat sich am Ende nicht ergeben. Aber Schweers fragte mich schließlich, ob ich Lust hätte, die Zeitung zu betreuen. Das sollte ursprünglich 90 Minuten in der Woche stattfinden. Nach einem Mal bin ich zu Schweers gegangen und habe gesagt: Ich mache das nur, wenn ich jeden Tag kommen kann. Er meinte, dass sie das gar nicht bezahlen könnten. Das war mir aber erst einmal egal. Die ersten drei oder vier Jahre habe ich das für Nippes gemacht.

Mit wem sitzen Sie da zusammen?

Frost Das ist unterschiedlich. Ich hatte vom Betrüger bis zum Mörder alle als Redakteur. Am Anfang ist das häufig Frust. Es gab aber eine Menge Leute, bei denen ich zum Schluss richtig Spaß hatte. Du hast manchmal Leute, da musst du dich erstmal im Ton runterdimmen, um zu kommunizieren. Andere sind ausgewählt höflich. Und man muss sich vorstellen: Zum Teil rede ich mit diesen Leuten mehr als mit meiner Frau. Ich verbringe jeden Tag mindestens eine Stunde im Gefängnis. Da lernt man die Leute kennen, das ist ein Privileg.

Wie sind Sie vom Knast in den Gerichtssaal gekommen?

Frost Ich sollte über einen Prozess schreiben, bei dem es um einen Mord in Straelen ging. Da habe ich gesagt: Was interessiert mich ein Mord in Straelen? Eines Morgens saß ich aber mit Karl Schweers in der Knastkantine und habe Kaffee getrunken. Da ermutigte er mich, das zu versuchen. Der Mann, um den es da gehen sollte, hatte uns gerade nämlich den Kaffee hingestellt. Und dann habe ich gedacht: Oh ja, das finde ich spannend. Dann bin ich da hin - und habe damals auch sofort ein Buch drüber geschrieben.

Was nehmen Sie aus dem Gefängnis oder Gerichtssaal mit nach Hause?

Frost Alles.

Ist das nicht unprofessionell?

Frost Vielleicht. Ich glaube, das ist menschlich. Ich kann nämlich nicht auf einen Knopf drücken, den habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht bin ich aber auch Masochist, ich weiß es nicht (lacht).

Zum Buch schreiben Sie: "Nach über zehn Jahren ist aus dem Reiz des Anfangs Ernüchterung geworden. Und der Glaube an das System Gerechtigkeit mit der Werkbank Knast ist dem Zweifel gewichen." Warum?

Frost Weil ich am Anfang jemand war, der einfach naiv daran geglaubt hat, dass was in deutscher Justiz passiert, immer richtig ist. Und alles seinen Sinn hat. Da bin ich mittlerweile kilometerweit von weg.

Warum?

Frost Irgendwann begreift man: Es sind nicht alle schuldig, die im Knast sitzen. Es ist nicht jedes Urteil ein gutes. Ich frage mich oft: Was soll das der Gesellschaft noch bringen, wenn wir den jetzt weiter einsperren? Man stelle sich vor, dass jemand nicht gesagt bekommt, er komme drei Jahre und vier Monate in Haft, sondern es würde darum gehen, dass er drei Jahre, vier Monate, drei Wochen, zwei Tage, sechs Stunden und 24 Sekunden bekommt. Dann wird einem bewusst, wie absurd dieses ganze Theater ist. Eine Stunde und 20 Sekunden mehr - was bringt das? Oder ein Jahr mehr? Da hat einer ein halbes Kilo Marihuana und bekommt Bewährung, der andere hat ein Kilo und bekommt zwei Jahre ohne Bewährung. Was muss dann jemand bekommen, der zwei Tonnen Amphetamine schmuggelt?

Aber da sitzen doch nicht nur Unschuldige, die einem willkürlichen System zum Opfer gefallen sind.

Frost Ich habe auch schon Leute da sitzen gehabt, bei denen habe ich gedacht: Worüber beschweren die sich? Ich glaube, die haben genau das, was sie brauchen. Mir geht es überhaupt nicht darum, zu sagen, die muss man alle vor lauter Empathie nach Hause schicken. Um Gottes Willen! Ich glaube, man muss Anreize schaffen, damit Leute sagen: Ich muss mich und die Umstände ändern. Und das sehe ich zu selten.

Kennen Sie ein alternatives System?

Frost Nein, natürlich nicht. Es wird immer verlangt, dass, wenn einem etwas nicht gefällt, man die passende Lösung haben muss. Ich habe aber keine. Und trotzdem gibt es Sachen, da sage ich mir: Da muss doch mal jemand drüber nachdenken.

Und trotzdem zieht es Sie immer wieder ins Gefängnis, zur Justiz.

Frost Ja.

Ist das nicht verrückt?.

Frost Vielleicht ist es das. Es ist vielleicht auch die Gewissheit: Alles was hier passiert, könnte mir auch passieren. Und mir ist ganz wichtig: Ich habe nicht das Gefühl, dass ich mir dabei etwas antue. Ich habe das Gefühl, es ist ein großer Luxus, das machen zu dürfen.

LUDWIG KRAUSE FÜHRTE DAS GESPRÄCH

Quelle: RP
 
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