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Emmerich
Weltchaos und Idylle

Emmerich: Weltchaos und Idylle
FOTO: Evers, Gottfried (eve)
Emmerich. "Et in Arcadia Ego": Im Museum Kurhaus ist eine sehenswerte Sommerausstellung eröffnet worden. Ein Dutzend Künstler nimmt daran teil. Von Matthias Grass

Prinz Moritz von Nassau Siegen ließ seine Grabtumba an einem Ort bauen, von dem aus er über seinen Tod hinaus auf sein selbst geschaffenes Arkadien hätte blicken können: auf die Gartenlandschaft entlang des Kermisdals und auf die Türme der Stadt, der er mit seinen Alleen bis heute Struktur gegeben hat. Ironie der Geschichte: Nassau-Siegen ist in Siegen begraben. Das Versprechen der arkadischen, also paradiesischen Landschaft wurde nicht eingelöst. Um den Verlust des Paradieses, ausgehend von Moritz' leerer Grabtumba, geht es in der neuen Sommerausstellung im Museum Kurhaus Kleve, die elf verschiedene künstlerische Positionen vereint, die alle locker vom Versprechen nach Arkadien geklammert werden. "Et in Arcadia Ego. Weltchaos und Idylle" titelt die Schau.

Ein Arkadien blieb der deutsche Wald: In der vierteiligen 29-minütigen Video-Installation von Julian Rosefeldt stehen Schauspieler Lars Eidinger, eine Motorsäge und ein Rocker, Heine und Nietzsche sowie Rotkäppchen und der Wolf in einer grandiosen Landschaft in teils grotesken Beziehungen zueinander. "In dieser 4-Kanal-Projektion wird in Sequenzen von unmittelbarer physischer Wucht der deutsche Wald untersucht und per Kettensäge in seine spätromantischen Einzelteile zerlegt", sagt Kunde. In Teilen, die zwar nicht so richtig zueinanderpassen wollen, aber immer noch von der Verführungskraft des Waldes künden: Schon hier sind Weltchaos und Idylle vereint.

Fast bis an Moritz' Jahrhundert zurück reicht auch die botanische Ahnentafel von Ana Torfs: In ihren Objektkästen sortiert die Belgierin Pflanzen, hinter deren Bezeichnungen sich die Namen ihrer Entdecker verstecken. Im kleineren Kasten wird der Entdecker gezeigt, im größeren Kasten die Geschichte dazu. Wie bei Michel Adanson (1727 bis 1806), der mit dem lateinischen Namen des Affenbrotbaumes geehrt wurde: Der Adansonia digitalia wurde zum bekanntesten Baum Afrikas. Doch der so Geehrte tat sich - wie übrigens auch Moritz von Nassau-Siegen in Brasilien - beim Sklavenhandel um. Davon kündet der große Objektkasten. Torfs druckt auf die Glasscheibe Pflanzenbilder, hinten die Geschichte, bedient sich bei Lexika, aus denen sie die historischen Zeichnungen nimmt, die dann zusammengefügt zum Objekt werden. 50 dieser Kästen gruppieren sich um Carl von Linné im Oberlichtsaal zu einem Stück aufgearbeiteter Entdecker- und Kolonialgeschichte.

In unterschiedliche Paradiese entführt Corinna Schmitt mit ihren drei Videoarbeiten: In einer fernen Zeit bevölkern Tiere ein bürgerliches Wohnzimmer und erobern "diesen Hort zivilisatorischer Ordnung in naturhaft instinktiver Weise zurück", erklärt Kunde. In einem anderen Video finden die Geschlechter nicht zueinander - so irrt ein Allerweltsmann in dunkler Hose mit weißem Hemd durch eine struppige Rasenlandschaft, in der nackte Frauen liegen. Im Obergeschoss wuchert Ilka Sultens Kunstwelt durch den Raum. Still dagegen die großen Aquarelle von Barbara Nicholls.

Louise Lawler fotografiert dagegen Stillleben vom Arkadien jener Sammler, die hochpreisige Kunst um sich scharen: Bilder, die stets in einem Kontext zu ihrer Umgebung stehen. Ihre Fotos lässt die Amerikanerin dann wieder durchzeichnen, um sie auf Museumswände zu bringen. Zeichnungen, die nach einer Ausstellung wieder vernichtet werden. Lawler zeigt Interieurs mit den Kästen von Damian Hirst und seinen eingelegten Tieren, mit großen Gemälden Ferdinand Hodlers und nicht zuletzt mit einem Ausschnitt aus dem bekannten Warhol-Porträt von Joseph Beuys. Der aber, so der ironische Titel, Elvis sein könnte.

Die Bilder Lawlers werden gerahmt von den Werken des Bildhauers Olaf Holzapfel, der in transparenten Skulpturen die Spannung zwischen Volumen und Umgebung auslotet. Maix Mayer nimmt die Selfie-Manie ins Visier: Mit seinem Selfie-Stab, der auseinandergeschoben den Titel der Ausstellung trägt, kann man ein Selfie machen, es im Museum ausdrucken lassen und gleich in den Katalog einkleben. Zusammengeschoben entlarvt der Stab: "Ego".

"Et in Arcadia Ego", bis 20.9., Di bis So 11 - 17 Uhr. Künstler: Simone Demandt, Ellen Harvey, Olaf Holzapfel, Korpys/Löffler, Louise Lawler, Maix Mayer, Barbara Nicholls, Julian Rosefeldt, Corinna Schnitt, Ilka Sulten, Ana Torfs.

Quelle: RP
 
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