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Emmerich
Wenn das Leben die Sinne zu stark beansprucht

Emmerich: Wenn das Leben die Sinne zu stark beansprucht
Georg Hötzel hat mit 44 Jahren festgestellt, dass er hochsensibel ist. Jetzt ist er Gründer der "Gruppe Niederrhein für hochsensible Menschen". FOTO: van Offern
Emmerich. Georg Hötzel (45) aus Emmerich ist hochsensibel. Damit ist er nicht allein: Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind von der Hochsensibilität betroffen. Er gründete eine Selbsthilfegruppe. Morgen ist ein Treffen. Von Monika Hartjes

Sie nehmen Sinnesreize und Emotionen viel stärker wahr als andere. Das erschwert hochsensiblen Menschen das alltägliche Leben und lässt sie leicht zu Außenseitern werden. Laute Geräusche, viele Menschen, grelles Licht oder durchdringende Gerüche - das alles kann dazu führen, dass ein HSPler, wie hochsensible Menschen auch genannt werden, äußerst gereizt bis hin zur Aggressivität reagieren.

Der Emmericher Georg Hötzel hat erst mit 44 Jahren festgestellt, dass er hochsensibel ist. Oft wurde ihm gesagt, er solle sich nicht so anstellen oder er sei eine Mimose. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz", war auch so ein Spruch. "Mit einem großen Paket an Selbstzweifeln und Anpassungsversuchen bin ich durch die Welt gegangen. ,Bin ich anders oder die Anderen?' habe ich mich oft gefragt", so Hötzel.

Bis er im vergangenen Jahr einen Test machte. "Nachdem ich dann ein halbes dutzend Bücher gelesen habe, musste ich feststellen ,Jepp, ich bin definitiv ein HSPler' und darf jetzt die weiche, sensible Seite auch ausleben", so der 45-jährige Hötzel. Hochsensibilität ist vererbbar, aber keine Krankheit. Da diese Menschen aber etwa dreimal so viele Reize über die Sinnesorgane aufnehmen und verarbeiten müssen, ist der Alltag für sie oft schwer zu bewältigen. Diese Überreizung kann zu Stress und Überforderung führen. Bei Kindern, die deshalb in der Schule auffällig sind, wird oft ADHS diagnostiziert und sie werden mit entsprechenden Medikamenten ruhig gestellt - besonders schlimm für hochsensible Jungen oder Mädchen. Es ist schwer, Therapeuten, Ärzte und Psychologen zu finden, die die richtige Diagnose stellen, denn erst seit wenigen Jahren wird wissenschaftlich geforscht.

Pionier auf dem Gebiet ist die US-Psychologin Elaine N. Aron. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie das Phänomen 1996 erstmals in einem wissenschaftlichen Artikel beschrieben. Aron betonte, dass es sich nicht um eine psychische Störung oder eine Krankheit handelt, sondern vielmehr um ein vererbtes Persönlichkeitsmerkmal. Als Beleg dienten Zwillingsstudien, die eine signifikante familiäre Häufung der Hochsensibilität erkennen ließen. 2011 gingen chinesische Forscher den genetischen Hintergründen genauer nach. In einer Analyse des Erbguts von 480 Studenten konnten sie mehrere Gene nachweisen, die mit der Überempfindlichkeit in Verbindung stehen sollen.

Mittlerweile kann Georg Hötzel gut mit seiner Hochsensibilität umgehen, zumal in seinem Freundeskreis viele HSPler sind. "Ich weiß jetzt, warum ich so reagiere", sagt der Assistent der Produktionsleitung bei Kao chemicals. "Ich habe glücklicherweise einen guten Arbeitgeber, der auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingeht", lobt er. Wenn er die Möglichkeit hat, gönnt er sich eine Auszeit mit ruhigen Spaziergängen oder Musikhören per Kopfhörer ohne Nebengeräusche. Gehörschutz oder eine getönte Brille können verschiedene Störquellen ausschalten.

Rund 15 Prozent der Bevölkerung sind von der Hochsensibilität betroffen. Deshalb gründete Georg Hötzel die "Gruppe Niederrhein für hochsensible Menschen", die sich am Sonntag, 24. Mai, um 16 Uhr zu einem Erfahrungsaustausch im Martini-Pfarrheim in Emmerich trifft. "Hochsensible, Familienangehörige von Betroffenen und interessierte Bürger sind herzlich dazu eingeladen", so Hötzel.

Weitere Infos unter www.agenturfürhochsensible.de

Quelle: RP
 
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