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Emmerich
Wenn einem die Wörter plötzlich fehlen

Emmerich: Wenn einem die Wörter plötzlich fehlen
Die Logopädin Anne Horschig und die Logopädie-Studentinnen Laura Aliano und Maike Dehmer (von links) mit ihrem Patienten Helmut Vehreschild. Sie helfen dem RP-Sportredakteur und Klever Karnevalsprinzen, dass er immer die richtigen Worte findet. FOTO: Evers
Emmerich. RP-Redakteur Helmut Vehreschild leidet nach einer Hirnoperation an der Sprachstörung Aphasie. Drei junge Logopädinnen therapieren ihn. Sie sind zuversichtlich, dass der Klever Karnevalsprinz wieder "ganz der Alte" wird. Von Marc Cattelaens

Anfang April war für Helmut Vehreschild plötzlich nichts mehr wie zuvor. Bei einer Operation am Hirn waren Komplikationen aufgetreten. Eine Hirnblutung hatte sein Sprachzentrum beschädigt. "Als ich nach der OP aus dem Koma erwachte, fielen mir einfachste Worte nicht mehr ein. Noch nicht einmal an die Namen meiner beiden Töchter konnte ich mich erinnern", erzählt der RP-Redakteur.

Anne Horschig (29) von der logopädischen Praxis Natascha Menzel in Kleve kann sich noch gut an den Anruf von Astrid Vehreschild erinnern. "Sie teilte uns mit, dass ihr Mann Helmut an Aphasie leidet und fragte, ob wir ihn therapieren können. Wir sagten zu, und noch bevor Helmut im Anschluss an seine Hirn-OP seine Reha begann, machten wir die ersten Übungen mit ihm", sagt Horschig.

Vehreschild machte schnell Fortschritte. So schnell, dass er sogar für die Wissenschaft interessant wurde. Jeanine Coopmans, Dozentin und Koordinatorin im deutschsprachigen Studiengang Logopädie an der Hogeschool van Arnhem en Nijmegen (HAN) in Nimwegen und Expertin für Aphasie, erfuhr von Vehreschilds Fall. Nachdem der 58-Jährige eingewilligt hatte, schrieb Coopmanns ein Forschungsprojekt aus, an dem sich Studierende beteiligen sollten. Maike Dehmer (22) und Laura Aliano (23), beides Logopädie-Studentinnen an der HAN, meldeten sich und wurden zu Vehreschilds Therapeutinnen Nummer zwei und drei.

Vier Mal in der Woche stehen für den Sportredakteur Übungen auf dem Programm. Am Anfang waren es einfache Wortfindungsübungen: Horschig, Dehmer oder Aliano zeigten auf Gegenstände, etwa einen Apfel oder einen Kugelschreiber, und Vehreschild musste sie benennen. Nach und nach wurden die Übungen komplexer. Vehreschild sollte Synonyme finden, Sätze sinnvoll ergänzen und Wortfelder bestimmen. "Was ist ein Fön und was macht man damit?", lautet eine typische Frage, deren Beantwortung für einen Aphasie-Patienten gar nicht so einfach ist. "Irgendwann hat es Klick gemacht, dann klappte das", sagt Maike Dehmer. "Helmut hat von Anfang an toll mitgezogen. Hilfreich ist dabei, dass er gerne redet", lobt Anne Horschig ihren Patienten mit einem Schmunzeln.

Ebenfalls eine große Motivation für Vehreschild war und ist, da sind sich Therapeutinnen und Patient einig, dass jetzt die Karnevalssession beginnt, in der Vehreschild als Prinz Helmut der Sportliche nicht gerade eine unwesentliche Rolle spielt. Das haben die drei Logopädinnen auch in die Therapie einfließen lassen. "Wir haben Helmuts Karnevalsrede mit ihm eingeübt. Satz für Satz, mit Betonung. Dabei haben wir alles auf Video aufgenommen", so Dehmer. Die Logopädinnen bereiteten ihren Patienten auch auf unangenehme Situationen vor, etwa wenn bestimmte Wörter fehlen oder wenn die Rede ins Stocken gerät. "Dann muss man nach Umschreibungen suchen", sagt Laura Aliano.

Für die Studierenden in Nimwegen ist Helmut ein echter Glücksfall. "Normalerweise lernen wir nur anhand von Theorie und haben keine realen Patienten. Auf dem Papier sehen wir aber keine Emotionen", erläutert Maike Dehmer. Vehreschild wurde während jeder Therapiesitzung gefilmt. Jede Stunde ist dokumentiert. Die Studierenden bekommen die Videos während der Vorlesungen zu sehen. Und am 19. Januar wird sich Vehreschild den 40 Studierenden in Nimwegen persönlich vorstellen.

Die drei Logopädinnen sind zuversichtlich, dass Vehreschild wieder "ganz der Alte" wird. Anne Horschig: "Helmut ist sehr motiviert. Er ist wirklich ein Paradepatient."

Jetzt will Vehreschild möglichst bald wieder seinen Platz in der RP-Redaktion einnehmen. Die ersten Spielberichte hat er bereits wieder geschrieben. Aber die haben bislang nur seine Therapeutinnen zu lesen bekommen. Das soll sich jetzt schnell ändern.

Quelle: RP
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