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Hüthumer Geschichten (Teil 3)
Wie Jungbauer Hugo den Bann brach

Hüthumer Geschichten (Teil 3): Wie Jungbauer Hugo den Bann brach
"Hausmädchen" Toni Zweering, Luise Christ geb. Hebben, Johann Hebben und Hund Bülow neben zwei Soldaten. FOTO: Privat
Emmerich. Die Geschichte der Familie Christ und ihres Gasthauses aus dem Jahr 1790. Die Hüthumer Kirmes als Heiratsmarkt. Von Norbert Loose und Monika Hartjes

Im Schatten der St. Georg-Kirche steht das alte "Gasthaus Christ", das bis heute von der Familie Loose betrieben wird. Das alte Backstein-T-Haus der Familie Johann Wilhelm Christ aus der Zeit um 1790 zeigte eine ureigene Gemütlichkeit. Hinter dem Haus gab es einen Pferdestall zur Unterbringung der Kutschpferde. Die Stallungen mit dem darüber befindlichen Heuboden, dem sogenannten "Balk", dienten einer kleinen Landwirtschaft.

Im Erdgeschoss des Vorderhauses befanden sich zwei Gasträume, die damals als "Heerekamer und Gesindekamer" bezeichnet wurden. In der Mitte des Hauses befanden sich Küche und Kammern. Über den Gasträumen gab es den "Saal für Festlichkeiten". Hier versammelten sich unter anderem die "Hüthumer Societät" und der Kirchenchor. Über viele Jahre bis in die heutige Zeit hinein versah Familie Christ ehrenamtlich den Küster- und Organistendienst, Johann Wilhelm Christ wurde dafür sogar das "Allgemeine Ehrenzeichen" des Preußischen Königs verliehen.

Nach dem sonntäglichen Kirchgang traf sich die Dorfbevölkerung zum Frühschoppen bei Christ. Aus der Gesindekammer war munteres Lachen der Mägde und Knechte zu vernehmen, im oberen Saal hatten die Herrschaften ihre Plätze eingenommen - Männer und Frauen saßen getrennt. Als der Jungbauer Hugo Lensing-Hebben, der von Salmorth herübergekommen war, um von seinen Onkeln den "Ortchen Hof" zu übernehmen, zum ersten Mal zum Frühschoppen kam, wurde er auf die Probe gestellt.

Blick auf das Gasthaus nach der großen Renovierung, die zu Beginn der 80er Jahre endete. FOTO: NN

Er wurde gefragt, was denn sinnvoller wäre, die Kälber erst zu tränken und dann zu füttern oder umgekehrt. Der Jungbauer erhob sich mit einer artigen Verbeugung und sagte: " Meine Herre, ich bin die Meinung, erst en gutes, deftiges Frühstück und danach eine ordentliche Frühschoppe." Alles lachte, der Fall war geklärt, der Bann gebrochen und Hugo Lensing-Hebben in den erlesenen Kreis der Hüthumer Bauernsocietät aufgenommen.

Es gab auch viele reisende Gäste, die mit Pferdefuhrwerken, dem Fahrrad oder per Bus von Schlusemann & Messing ankamen. Mit einer kleinen roten Flagge wurde dem Busfahrer angezeigt, dass Fahrgäste im Lokal warteten. Man hatte Zeit und Fritz Schlusemann und Bernd Messing nichts dagegen, wenn hin und wieder alle Fahrgäste ausstiegen und im Gasthaus Christ eine Rast einlegten. Eine gute Einnahmequelle war auch die gegenüberliegende Schmiede von Kerst & Meunders.

Der regelmäßige Hufbeschlag, aber auch die Reparaturen an Wagen und Ackergeräten, sicherten einen festen Kundenkreis. Aus dem Gang zum Schmied konnte schon mal ein Fest werden. Zunächst wurden mit dem Schmied bei einigen Schnäpschen die auszuführenden Arbeiten besprochen, anschließend ging man an sein Tagewerk. Dann traf man sich im Gasthaus, um die Ausführung seines Auftragen in der Schmiede abzuwarten.

Wenn nun viele Bauern in gleichen Anliegen zusammentrafen und sich die Wartezeit entsprechend verlängerte, so störte es niemanden. Man machte "et Beste" daraus und blieb in geselliger Runde zusammen, bis auch das letzte Pferd beschlagen war. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde bei Christ im Garten auch das Zelt für die Hüthumer Kirmes aufgebaut. Die Kirmes war ein allseits beliebter Heiratsmarkt, da konnte es schon mal vorkommen, dass zwei Kontrahenten sich um ein Mädchen in die Haare gerieten.

Aber die Gastwirtin Louise wusste sich zu helfen: Sie ließ in solchen Situationen sofort das gesamte Licht ausschalten, damit sich Freund und Feind - wie sie zu sagen pflegte - nicht mehr erkennen können. Kurz vor Kriegsende im Frühjahr 1945 wurde das Haus durch Angriffe alliierter Feldartilleriegeschütze schwer zerstört. Walter Loose begann 1946 mit dem Wiederaufbau, zwei Jahre später wurde der Gaststättenbetrieb wieder provisorisch aufgenommen.

In diesen Jahren erfolgte hier auch die Schulspeisung für notleidende Hüthumer Schulkinder. Zwischen 1976 und 1982 fand eine große Renovierung statt, und noch heute lädt das Gasthaus Christ mit seiner unverwechselbaren Atmosphäre seine Gäste zum gemütlichen Verweilen ein.

Quelle: RP
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