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Serie Reformation Vor Ort - Teil 7
50 Jahre evangelische Kirchengemeinde

Serie Reformation Vor Ort - Teil 7: 50 Jahre evangelische Kirchengemeinde
Die evangelische Friedenskirche an der Martin-Luther-Straße wurde in den Jahren 1952 und 1953 gebaut. FOTO: M. Heckers
Erkelenz. Die evangelische Kirchengemeinde Wegberg ist seit fünf Jahrzehnten selbstständig. Ihr erster Pfarrer war Friedrich Benz. Von Pfarrerin Ute Leppert

Wegberg Am 1. Juli 2017 kann die evangelische Kirchengemeinde in Wegberg auf 50 Jahre Selbstständigkeit zurückblicken. Sie begeht dieses Datum am Sonntag, 2. Juli, mit einem großen Gemeindefest.

Bis zum Zweiten Weltkrieg wohnten nur wenige evangelische Familien in Wegberg. Die Stadt war lange Zeit rein katholisch geprägt. Nur nebenan in Schwanenberg gab es seit der Reformation eine kleine evangelische Enklave. Und dann zogen infolge der Vertreibung aus Ostpreußen, Pommern, Schlesien und weiteren Regionen im Osten innerhalb von wenigen Jahren über 1700 meist protestantische Menschen zu, fast 13 Prozent der Bevölkerung. Für die Neubürger aus den lutherisch geprägten Landeskirchen wurde es in mehrfacher Hinsicht kompliziert: Die kleine evangelische Schwanenberger Gemeinde war reformiert beziehungsweise calvinistisch ausgerichtet. Diese konfessionelle Ausprägung wurde sichtbar im sehr sparsamen Kirchenschmuck, in der Gottesdienstform, im Katechismus und auch in der Art des Verständnisses des Abendmahls.

Die zahlreichen Wegberger Vertriebenen hielten ihre ersten Gottesdienste noch in Wohnzimmern von Privathaushalten. 1949 stellte die Wegberger Kommunalverwaltung bis 1953 der protestantischen Gemeinde den Sitzungssaal des Rathauses als Kirchenraum zur Verfügung. 1952 und 1953 wurde eine kleine evangelische Kirche gebaut - auf der heutigen Martin-Luther-Straße, damals war es der "Kirchweg". Wie die Kirche zu ihrem Namen "Friedenskirche" kam, ist nicht belegt. Vermutlich ergab er sich einfach aus der bitteren Kriegserfahrung und der Herkunft der Menschen, die die Gottesdienste besuchten. Die Kirche diente die ersten elf Jahre als Mehrzweckraum für Gottesdienste, kirchlichen Unterricht, Gruppen und Sitzungen und war zunächst mit Stühlen versehen.

Als 1963 das erste Gemeindehaus gebaut wurde, beschloss das Schwanenberger Presbyterium, in den Neubau die Stühle der Kirche einzubringen und die Friedenskirche mit Bänken auszustatten. Weitere Änderungen des Kirchraums erfolgten nach der Selbstständigwerdung: Die erste Kanzel, groß und verhältnismäßig abgehoben von der Apsis, musste einer recht einfachen rechteckigen Konstruktion innerhalb der Apsis weichen. Der große Abendmahlstisch wurde durch einen kleineren, an einen Altar erinnernden Holztisch ersetzt, um den man sich nur sehr schwer zum Abendmahl versammeln konnte. Dies geschah dann auch über viele Jahre nicht. Statt der bislang in Gebrauch befindlichen Taufschale wurde ein Taufbecken angeschafft.

Der Bekenntnisstand der Kirchengemeinde war und ist der Unierte, der das Gemeinsame der konfessionellen Ausprägungen betont und beiden gerecht zu werden sucht. Auf das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Ausprägungen des evangelischen Glaubens und auf das Gemeinsame der beiden ehemals konkurrierenden evangelischen Richtungen legt das Presbyterium bis heute großen Wert.

Gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts wurde eine weitere, die dritte Ausstattung der Apsis geplant und ausgeführt. Der Wegberger Künstler Christian Walter entwarf die heutige Gestaltung mit einem ovalen Abendmahlstisch in der Form eines Kelches. Auch die Form der neuen Kanzel wurde einem Kelch nachempfunden. Seit 1999 feiert die Gemeinde das Abendmahl um den Abendmahlstisch herum. Die alte Taufschale wurde wieder in Dienst genommen. Heute hat sie auch einen Ständer, der zu dem Ensemble passt. In einer Nacht der Offenen Kirchen im Jahr 2003, dem 50. Jubiläumsjahr der Friedenskirche, sind alle drei Abendmahlstische wieder in der Friedenskirche versammelt worden. Bis dahin war die Außenhaut der Kirche wieder in Reinweiß hergestellt worden. Außerdem waren auch neue Kirchenfenster eingebaut worden, deren Gestaltung ebenfalls in den Händen von Christian Walter lag und die das Bibelwort "Ihr seid das Salz der Erde, ihr seid das Licht der Welt" aus Matthäus 5, 13-14 darstellen. Nur das Wandkreuz, von Hans Joachim Haude entworfen, ist noch dasselbe.

Zu Beginn ihres selbstständigen Daseins vor 50 Jahren zählte die evangelische Kirchengemeinde 1988 Gemeindemitglieder. In den Jahren darauf wuchs sie rasant an; Wegberg war Zuzugsgebiet. Es entstanden immer wieder kleinere und größere Wohngebiete innerhalb der Stadt. Ihren Höchststand erreichte die Kirchengemeinde Ende 2006 mit 3369 Gemeindemitgliedern.

Ihr erster Pfarrer war Friedrich Benz. Es folgten Wolfgang Hindrichs (1971-1972), Gerhard Körtner (1972-1979) und Helmuth Spree (1980-1990). Seit 1991 hat Pfarrerin Ute Schlammer (seit 2011 verheiratete Leppert) die Pfarrstelle inne. Ende 2007 wurde aufgrund der hohen Gemeindemitgliederzahlen der Pfarrdienstumfang um eine 25 Prozent-Stelle aufgestockt und mit Pfarrerin Jutta Wagner besetzt. Sie ist außerdem an zwei Schulen tätig und erteilt dort Religionsunterricht.

Dem ersten Presbyterium der neuen Kirchengemeinde gehörten neben Pfarrer Benz an: Reinhold Blenkle, Wilhelm Kaumanns, Otto Klatt, Wilhelm Lüderitz, Peter Zieschang, Oskar Zoller und - außergewöhnlich für jene Zeit - auch zwei weibliche Mitglieder, Ruth Köster und Annelies Witte.

Bildungsarbeit für die nachwachsende Generation und auch für die Erwachsenen ist der Kirchengemeinde von jeher wichtig. Neben den regelmäßigen Gottesdiensten wurde bereits 1963 der ökumenische Gesprächskreis von Pfarrer Benz und Pater Gerlach gegründet. Dieser Kreis besteht heute noch.

Eine weitere langjährige ökumenische Zusammenarbeit riefen Pfarrerin Ute Leppert und Pater Laetantius Morskieft im April 1999 ins Leben, als infolge des Kosovokrieges Abend für Abend englische Flugzeuge von Elmpt aus über Wegberg nach Südosten flogen. Im April 1999 nahm die Wegberger Ökumene ihre Friedensgebete auf. Diese Gottesdienste werden in der Friedenskirche gehalten und finden bis heute einmal monatlich statt.

1963 entstand das erste Gemeindehaus. 1984 wurde das evangelische Jugendheim "Haus Schalom" fertiggestellt. In 2001 nahm die evangelische Kindertageseinrichtung - heute Familienzentrum - Pusteblume in der Markusstraße ihren Dienst auf. Als erste Kindertageseinrichtung Wegbergs mit einer "Kleinen altersgemischten Gruppe" unterhält sie vier Gruppen und bedient heute alle Gruppenformen nach dem Kinderbildungsgesetz.

Quelle: RP
 
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