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Arved Fuchs
Ab 60 Grad unter null wird es grenzwertig

Arved Fuchs: Ab 60 Grad unter null wird es grenzwertig
Arved Fuchs erhält heute den Umweltpreis. FOTO: Arved Fuchs Expeditionen
Erkelenz. Der nächste Preisträger der "Goldene Blume von Rheydt" spricht über den Klimawandel und die Reiseerfahrungen im alten Fischkutter.

Mönchengladbach Der 62-jährige Abenteurer und Wissenschaftler Arved Fuchs aus Schleswig-Holstein erhält heute die älteste deutsche Umwelt-Auszeichnung - die Goldene Blume von Rheydt. Übergeben wird sie von Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners. Fuchs hat seit 1977 einen Großteil der Eismeere rund um die arktischen Gebiete besegelt, kennt Grönland und Nord- sowie Südpol wie seine eigene Westentasche. Auf seinen Expeditionen erkannte er seit Beginn des 21. Jahrhunderts, dass der Klimawandel die Pole bedroht. Zudem untersucht er derzeit die Veränderung der Meere durch den Klimawandel, macht auf die zunehmende Vermüllung durch Plastik im Meer aufmerksam und setzt sich für Menschen und Tiere, die von der Nahrungsquelle Meer abhängig sind, ein.

Sie genießen gerade zu Hause Ihre freie Zeit in ihrer Geburtsstadt Bad Bramstedt. Sie sind bereits für ihre Arbeit und Forschung mit mehreren Ehrungen geehrt worden. Ist die Vorfreude schon groß, auf einen weiteren Umweltpreis?

Arved Fuchs Moin. Den Preis, die Goldene Blume von Rheydt überreicht zu bekommen, ist schon etwas Tolles. Er ist sehr renommiert, den schon eine Reihe großer Namen verliehen bekommen haben. Ich bin stolz.

Den Preis bekommen Leute, die sich besonders um die Natur kümmern. Sie haben jetzt das Projekt "Ocean Change" gestartet, sind mit Ihrem Team wieder unterwegs. Was ist der Hintergrund?

Fuchs Die Meere sind unsere größte Naturlandschaft der Erde. Doch die verändert sich gravierend. Es gibt Überfischung und Vermüllung und zusätzlich verändert sich die chemische Zusammensetzung der Meere wegen des hohen C02-Gehalts. Wir untersuchen das zusammen mit Meeresbiologen.

Das hört sich dramatisch an. Was sind die Folgen durch Müll und C02?

Fuchs Das Nahrungsangebot verändert sich rapide. Für die Meeresbewohner, wie für den Menschen. Viele leben am Wasser. Sie sind davon abhängig. Darauf wollen wir mit dem Projekt Ocean Change auch aufmerksam machen.

Ihre Crew ist im Moment ohne Sie auf See. Vor wenigen Tagen lag Ihr Schiff vor den Kanarischen Inseln. Eigentlich fahren Sie doch durch wesentlich kältere Gebiete, oder?

Fuchs Ja. Aber nicht nur per Schiff, Ich bin auch zu Fuß oder mit Schlittenhunden unterwegs. Durch Grönland, die Arktis, in Sibirien.

Richtig, Sie haben Grönland mit dem Hundeschlitten durchquert, waren 1989 auch innerhalb eines halben Jahres mehr oder weniger zu Fuß an Nord- und Südpol. Wie kalt ist es dort eigentlich, wie fühlt sich das an?

Fuchs Es kommt auf die Jahreszeit und den Ort an. In der Antarktis wurden schon mal minus 91 Grad gemessen. Zu wärmen Jahreszeiten sind es nur minus 40 Grad. Das geht schon noch.

Ab wann wird es denn wirklich unangenehm?

Fuchs Ich war mal in Sibirien unterwegs. Da waren minus 61 Grad. Das ist schon wirklich grenzwertig.

Sie untersuchen den Klimawandel in den Meeren. Haben Sie ihn früher kommen sehen als andere?

Fuchs Ich war damals Ende der 90er hin und her gerissen. Ich gebe zu, ich habe den Wissenschaftlern damals nicht geglaubt, als sie sagten, die Welt würde sich erwärmen.

Wann haben Sie zum ersten Mal bemerkt, dass mit unserer Welt etwas passiert; das der Klimawandel die Meere verändert?

Fuchs Ich habe 1990 dreimal versucht, die Nord-Ost-Passage nördlich der Sowjetunion zu befahren. Dreimal erfolglos. Das Meer war immer zugefroren, und wir mussten umdrehen. Im Jahr 2002 gab es zur selben Jahreszeit gar kein Eis im Meer. Wir konnten völlig problemlos die Passage befahren.

War das ein Einzelfall?

Fuchs Nein. Dasselbe habe ich zwischen 2003 und 2005 auf der Nord-West-Passage erlebt. 2003 und 2004 war dort Richtung USA kein Durchkommen. Es war das schwierigste Eis, dass ich je erlebt habe. Und ein Jahr später war die Passage völlig eisfrei. Es ist tragisch.

Was genau passiert denn?

Fuchs Eis, das in der Arktis einst 2,50 Meter dick war, ist heute nur noch 80 Zentimeter dünn. Der Permafrost in Grönland schmilzt auch. Das bedeutet, dass Dörfer, die seit ewigen Zeiten von Einheimischen bewohnt werden, durch die Erosion einfach weggespült werden. Menschen müssen begreifen, was es für die Einheimischen bedeutet, ihr Zuhause zu verlieren.

Hat sich durch die Erkenntnis, Ihre Art, wie Sie ihre Expeditionsreisen angehen, verändert?

Fuchs Ja. Man muss wissen, dass die Erderwärmung in der Arktis doppelt so stark ist wie in Europa. Wir müssen die Menschen sensibilisieren und aufklären, was hier eigentlich passiert.

Sie kommen bei ihren Expeditionen regelmäßig in Kontakt mit Fremden, mit Einheimischen wie den Inuit. Wie funktioniert typischweise das Aufeinandertreffen dieser beiden Welten?

Fuchs Sie sind schüchtern, weswegen wir abwarten. Irgendwann kommen sie mit ihren Booten näher, fahren zwei drei Mal um unser Schiff. Langsam lernen wir uns so kennen, kommen ins Gespräch, und bald wird man zum Kekse essen oder Tee trinken eingeladen. Beim Kennenlernen hilft uns auch unser Boot.

Ihr Boot "Dagmar Aaen"? Wie meinen Sie das?

Fuchs. Es hat sehr viel Charme; eine große Seele. Es ist von 1931, ein altes Fischerboot. Ein modernes Hightech-Schiff würde die Einheimischen nur abschrecken.

Sie fahren mit dem alten "Haikutter" seit 25 Jahren durch die Eismeere. Ist das nicht gefährlich?

Fuchs Nein. Es ist ein altes dänisches Schiff, das genau für solche Arbeitseinsätze gebaut wurde. Es ist sehr robust. Durch den Holzbau ist man sehr flexibel. Im Eis kann man gut manövrieren.

Wie lange kann man denn mit einem solchen Boot auf den Weltmeeren unterwegs sein? Sie haben doch keine modernen Navigationsgeräte.

Fuchs Also, meine längste Reise waren 45 Tage ohne Pause auf See. Das ist auch für mich und mein Team eine wirklich lange Zeit. Aber wir sind auch nicht die Typen, die den Luxus einer Kreuzfahrt haben wollen.

Da gibt es aber immer gut zu essen. Wie ist das auf der "Dagmar Aaen"?

Fuchs Da sieht es manchmal schlecht aus mit frischen Obst oder Salat. Das meiste kommt aus der Konserve. Aber wir haben immer einen Koch an Bord, der uns möglichst gut versorgt.

Wie sieht es mit Wasser aus?

Fuchs Auch das ist endlich. Zum Glück haben wir eine Wasser-Entsalzungsmaschine an Bord. Ganz ohne Technik geht es dann doch nicht bei uns.

Gab es Momente auf See, die Sie nie wieder erleben möchten?

Fuchs Ja, die gab es. Aber bei all den Fahrten und den vielen Momenten, die ich erlebt habe, überwiegen die schönen Momente. Es gibt so viele, positive Erlebnisse. Ob in der Natur oder mit Einheimischen. Die bleiben hängen.

Wie geht Ihr Projekt Ocean Change weiter. Wo geht es hin, wen sie die Goldene Blume bekommen haben?

Fuchs Am 18. September werde ich erstmal in wärmere Gefilde fliegen. Unser Schiff ist jetzt gerade auf dem Weg nach Guinea, wo ich dann zusteigen werde. Dann geht es weiter in den Süden.

Wohin geht es?

Fuchs Es geht endlich wieder in die Antarktis. Dort gibt es eine so wundervolle Landschaft. Ich war schon lange nicht mehr da. Es ist ein Naturparadies, welches ich sehr vermisst habe.

KILIAN TRESS SPRACH MIT ARVED FUCHS.

Quelle: RP
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