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Borschemich
Abriss der St. Martinus-Kirche

Luftaufnahmen: Kirche in Borschemich wird abgerissen
Borschemich. Montagnachmittag fehlen die Sakristei und das schiefergedeckte Dach der einstigen St.-Martinus-Kirche in Borschemich. Morgens hatte der Bagger das erste Mal in das frühere Kirchengebäude gegriffen. Ein Protokoll des Abrisses. Von Andreas Speen

Bis in die kommende Woche hinein wird er noch damit beschäftigt sein, das Wahrzeichen von Borschemich abzureißen, um das Dorf für den nahenden Braunkohlentagebau vorzubereiten.

7 Uhr An St. Martinus fährt ein Pritschenwagen vor. Es liegt Schnee. Drei Männer beginnen, die Bürgersteige rund um das Kirchengebäude zu streuen. Mit einem Traktor werden die Straße von Borschemich gestreut, dessen Umsiedlung am letzten Jahresende abgeschlossen worden war, wo heute keine Menschen mehr wohnen.

7.30 Uhr Ein Wagen der Polizei fährt Streife.

Garzweiler II: Kirche in Borschemich wird abgerissen

7.36 Uhr Im hinteren Teil des Dorfes flammen an den ersten Baumaschinen die Lichter auf. Dort starten die Abrissarbeiten. So wie seit Monaten. Ein Haus nach dem anderen ist schon verschwunden. Bis zur Zufahrt des früheren Ritterguts Haus Paland ist inzwischen schon kein Durchkommen mehr, dabei ist dessen Abriss erst im Dezember begonnen worden.

7.43 Uhr Der Bauzaun, der St.-Martinus umgibt, wird geöffnet. Ein Mann schlägt mit einem schweren Hammer vor der Kirche ein Baustellenschild in den Boden. Ein anderer Mitarbeiter des für den Kirchenabriss zuständigen Unternehmens erklärt auf Nachfrage, dass mit den eigentlichen Arbeiten um 10 Uhr begonnen wird. Vom Chorraum soll in Richtung des Kirchturms gearbeitet werden, der allerdings erst nächsten Montag abgerissen wird.

9.26 Uhr Container und schweres Gerät sind inzwischen in Stellung gebracht worden. In der Nacht zum Montag war ein Bagger als Schwertransport angeliefert worden, der über einen 20-Meter-Ausleger verfügt. Der jedoch reicht nicht für den gesamten Abriss aus, sagt ein RWE-Projektleiter, der inzwischen eingetroffen ist: "In dieser Woche werden wir alles bis auf den Kirchturm abreißen. Aus dem Mauerwerk wird dabei eine Rampe angeschoben, auf die nächsten Montag ein noch größeres Gerät fahren kann, um bis an die 30 Meter hohe Turmspitze zu gelangen."

Garzweiler II: Kirche in Borschemich wird abgerissen FOTO: Laaser, J�rgen

9.50 Uhr Schläuche sind verlegt und an den Bagger angeschlossen worden. Wasser soll die Staubentwicklung beim Abriss eindämmen.

9.55 Uhr Ehemalige Bewohner von Borschemich, Pastor Werner Rombach, TV-Teams und weitere RWE-Mitarbeiter haben sich auf einem umzäunten Areal eingefunden, von dem aus der Abriss in sicherem Abstand verfolgt werden darf.

10 Uhr Hätte der Kirchturm noch eine Glocke, würde sie jetzt schlagen – stattdessen greift der Bagger das erste Mal in das frühere Kirchengebäude. Genauer: in das Dach der Sakristei. Geräusche von brechendem Holz, das Rumoren des Baggermotors und das leichte Rauschen des Sprühwassers – mehr ist nicht zu hören, aller Gespräche sind verstummt.

St.-Martinus-Kirche wird abgerissen

10.30 Uhr Es hat eine ganze Zeit gedauert, bis die Besucher des Abrisses ihre Gespräch wieder aufgenommen haben. In Stille haben sie verfolgt, wie innerhalb einer halben Stunde die Sakristei bis auf Mauerreste weggerissen wurde. Gesprochen wird jetzt wieder, aber weniger über das Gesehene als über Erinnerungen an die Kirche, deren Grundstein vor 109 Jahren gelegt worden war. "Damals dachten die Borschemicher, sie bauen für die Ewigkeit", macht Pfarrer Werner Rombach mit wenigen Worten die Dimension des Kirchenabrisses, des Abrisses des ganzen Dorfs für den Tagebau Garzweiler II, deutlich.

Viele machen Fotos. Die Erkelenzer Stadtarchivarin Dr. Alice Habersack ist gekommen, um auch diesen Teil der Stadtgeschichte festzuhalten. Sie sei in den vergangenen Monaten immer wieder zum Fotografieren in das sterbende Dorf gekommen und denke über eine Ausstellung zu diesem Thema nach. Gekommen ist auch Hans Willi Schulte, Brudermeister der St. Martinus Schützenbruderschaft aus Borschemich. Er erzählt von einem weiteren Wahrzeichen des Dorfes: der Linde. "Unser letztes Denkmal lassen wir nicht von Professionellen fällen, sondern legen unsere Linde selbst nieder. Das machen die Burschen aus dem Dorf. Dazu kommen wir am 27. Februar um 14 Uhr zusammen", kündigt Schulte an. Soweit möglich, solle der Baum zerlegt und als Andenkenstücke den einstigen Dorfbewohnern mitgegeben werden.

10.38 Uhr Über dem Altarraum wird das Dach weggerissen. In Container und auf unterschiedliche Haufen sortiert werden dabei Metall, Holz und Schieferplatten. Als erstes wird das Kirchendach abgerissen, anschließend folgen die aufgehenden Wände. "Aus Gründen der Logistik und der Arbeitssicherheit wird zum Schluss der Kirchturm mit einem Spezialgerät, einem Longfrontbagger, zurückgebaut. Danach erfolgt der Rückbau der Bodenplatte und Fundamente. Zum Schluss wird die Baugrube mit geeignetem Bodenmaterial verfüllt", teilt Daniela Schütze, Pressesprecherin bei RWE, die weiteren Arbeitsschritte mit. Insgesamt seien fünf Wochen für den Abriss eingeplant.

10.45 Uhr "Es ist wie eine Beerdigung"", versucht Marlene Stockfisch die Situation in Worte zu fassen, die sie mit ihrer Schwester verfolgt, "es ist, als würde man einem häppchenweise das Herz rausreißen. Diese Kirche gehörte mit zu unserem Leben." Und Anneliese Cremer, beide sind in Borschemich geboren und aufgewachsen, erinnert sich: "Jeden Morgen bin ich vom Glockenklang geweckt worden. Das fehlt mir unheimlich" Die Familie der Schwestern hat gegenüber von St. Martinus gelebt. Die 63-Jährige wischt sich eine Träne weg und erzählt, was sie noch mehr mit der Kirche verbindet als den morgendlichen Weckruf. Sie ist dort getauft worden, zur Kommunion gegangen, hat dort geheiratet, ihre Kinder taufen lassen und ihre Eltern beerdigt.

12.50 Uhr Ortswechsel für Pastor Rombach. In Immerath (neu), das tagebaubedingt ebenfalls umgesiedelt wird, liefert die Eifeler Glockengießerei aus Brockscheid die noch fehelende Glock für St. Lambertus an. Nachdem sie aus der alten Kirche ausgebaut worden war, hatte sie wie drei weitere Glocken restauriert werden sollen. Auf dem Transport jedoch kam es zu einem Auffahrunfall, die Glocke fiel vom Anhänger und kam so unglücklich auf die Straße auf, dass ein großes Stück herausbrach. In Nördlingen musste sie anschließend repariert werden. Gestern nun hob sie ein Kran in die neue Immerather Kapelle. "Sie ist mit einem speziellen Verfahren so repariert worden, dass sie wie aus einem Guss und wie neu klingt", erklärt Werner Rombach, der zu diesem Anlass von Borschemich (alt) nach Immerath (neu) gefahren war.

13.35 Uhr Nach der Mittagspause, der Altarraum von St. Martinus in Borschemich ist inzwischen niedergerissen worden, arbeiten sich zwei Bagger am Dach ab. Alle fünf Minuten krachen große Träger aus der Dachkonstruktion zu Boden, während im Hintergrund einer der Schaufelradbagger von RWE Power zu sehen ist, der sich bereits in Richtung Borschemich vorarbeitet.

16.05 Uhr Der Arbeitstag ist beendet. RWE hat noch mitgeteilt, dass der Werkschutz und eine Sicherheitsfirma sicherstellen, dass Unbefugte und Schaulustige während der Rückbauarbeiten nicht auf das Gelände der Kirche, hinter den abgesperrten Bereich, gelangen.

17.40 Uhr Die Sonne ist fast untergegangen. Immer wieder kommen Autos in den Ort gefahren. die Kennzeichen stammen aus Erkelenz, dem Kreis Heinsberg, Mönchengladbach, Neuss oder Bergheim. Menschen kommen am Abend, um sich anzusehen, was mit St. Martinus geschehen ist. Ein Erkelenzer schießt Fotos. Er ist an diesem Tag zum zweiten Mal hier, um "das Ende von Borschemich" für sich und seine Familie festzuhalten. Manche Autos fahren an den Resten der Kirche vorbei, am Vorplatz, wo einst die Magnolie stand und jetzt noch einmal Hunderte Schneeglöckchen blühen. Aus anderen Autos steigen die Besucher aus. Einige treffen möglicherweise Bekannte. Man kommt ins Gespräch. Gesprochen wird wie schon am Morgen über Erinnerungen, was früher einmal war. Einer überlegt, weshalb gar nicht so viele Menschen den Tag über gekommen waren, um den Abriss der Pfarrkirche von 1907 zu erleben, und kommt zu dem Schluss: "Möglicherweise ist es besser, nach vorne zu schauen."

17.58 Uhr Die Straßenlaternen leuchten. Es sind immer weniger Menschen in Borschemich. Nur ein Wachdienst wird über Nacht bleiben und am Morgen abgelöst, wenn auch die Abrissarbeiten an der St.-Martinus-Kirche in Borschemich (alt) weitergehen sollen.

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