| 00.00 Uhr

Serie Was Macht Eigentlich?
Afghanistan lässt ihn einfach nicht los

Erkelenz. Es war seine letzte Mission vor dem militärischen Ruhestand: Generalleutnant Götz Gliemeroth war 2003/2004 der erste Kommandeur der internationalen NATO-Schutztruppe in Afghanistan (ISAF). Der 72-jährige Drei-Sterne-General ist seit 1977 Mönchengladbacher. Von O. E. Schütz

Es gab Momente, die den Kommandierenden General zutiefst bewegten: Ein erster Selbstmordanschlag mit acht toten Gurkhas (nepalesischen Söldnern) - und dann stehen Hunderte Soldaten auf dem Appellplatz, die Gliemeroth anstarren und warten, was er dazu zu sagen hätte. Oder dazu, dass kanadische Soldaten von einer Landmine getötet wurden, als sie auf Patrouille über eine abgelegene Piste fahren mussten. "Weil der NATO vor Ort Kampfhubschrauber fehlten, mit denen man statt dessen gefahrlos das Gelände hätte inspizieren können. Wenn Sie also fast widersinnig Tote haben, was sagen Sie da?", fragt Götz Gliemeroth. Und gesteht: "Afghanistan lässt mich nicht los." Auch nach den gut elf Jahren nicht, die er heute Generalleutnant a. D. ist.

Ein Mann mit einer markanten Gesichtsnarbe, der auch mit seinen 72 Jahren die Treppen im Eilschritt nimmt. Der Fallschirmspringer war, als Moderner Fünfkämpfer mit Fechten, Reiten, Schießen, Schwimmen und Laufen zum Spitzenkader der Bundeswehr gehörte. Der die Olympischen Spiele 1972 in München erlebte - allerdings mit seinen Soldaten zur logistischen Unterstützung im Olympischen Dorf. Und dabei unmittelbar Zeuge der Geiselnahme und Ermordung israelischer Athleten durch ein palästinensisches Terrorkommando wurde. "Ein Erlebnis, das man nie abzustreifen vermag", sagt Götz Gliemeroth. So, wie drei Jahrzehnte später die Eindrücke in Afghanistan, wo anfangs knapp 5000 Soldaten aus 29 Nationen unter seinem Kommando standen. Der Auftrag: die afghanische Übergangsregierung unter Präsident Hamid Karzei beim Aufbau der Demokratie und Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit zu unterstützen. Götz Gliemeroth war der erste NATO-General, der das Kommando über die Gesamtoperation der International Security Assistance Force (ISAF) übernahm. Abschluss und Krönung einer "Bilderbuchkarriere". Sie hatte 1963 begonnen und endete am 1. April 2004 vorschriftsmäßig i m 61. Lebensjahr.

Das familiäre Umfeld des gebürtigen Göttingers hatte diese Laufbahn nicht unbedingt erwarten lassen. Der Großvater war Pfarrer, der Vater Professor für Landwirtschaft. Götz Gliemeroth lernte auf dem Humanistischen Max-Planck-Gymnasium Latein und Altgriechisch. Doch schon gut zwei Jahre vor seinem Abitur hatte bei ihm der Berufswunsch Offizier bei der Bundeswehr zu wachsen begonnen: "Eine akademische Laufbahn wäre für mich überhaupt kein Reiz gewesen. Es war eine soldatische Passion aus dem Bauch heraus." So verpflichtete er sich nach der schulischen Reifeprüfung gleich "auf Lebenszeit" bei der Bundeswehr als Fallschirmjäger. "Ich habe es nie bereut", sagt er. Und es ging rasch voran mit ihm bei der Bundeswehr. Zwei Jahre später war er Leutnant. Er kam nach zweijähriger Ausbildung zum Generalstabsoffizier (ein zusätzliches Jahr an der kanadischen Führungsakademie in Toronto) in die klassischen Führungsrollen bis hin zum Kommandeur einer Panzergrenadierdivision. Er wurde Referatsleiter im Bundesverteidigungsministerium. 1990 kam die Beförderung zum Brigadegeneral und Personalchef der Offiziere des Heeres. Als Kommandierendem General des (deutsch-amerikanischen) II. Korps in Ulm unterstanden Generalleutnant Gliemeroth von 1997 bis 2001 rund 70.000 Soldaten an 114 Standorten. In diese Zeit fielen die Friedensoperationen der NATO auf dem Balkan. Er erlebte dort bei seinen Inspektionen "nur schwer erträgliche Eindrücke der ethnisch-religiösen Auseinandersetzungen". 2001 wurde Gliemeroth Befehlshaber des multinationalen NATO-Hauptquartiers Mitte in Heidelberg. Er war zuständig für alle Landstreitkräfte in Nord-, Mittel- und Osteuropa und die Integration der Heerestruppen der neuen NATO-Bündnispartner Polen, Tschechien sowie der baltischen Staaten. 2003 entschloss sich die NATO, die Führung der im Auftrag der Vereinten Nationen begonnenen Operationen in Afghanistan nicht mehr Stäben aus wechselnden Ländern zu überlassen, sondern in die eigene Hand zu nehmen: Götz Gliemeroth wurde am 2. August als erster NATO-Befehlshaber der ISAF mit großen Teilen seines Heidelberger Stabes nach Kabul in Marsch gesetzt. Ende des Jahres erfolgte die Ausweitung des Einsatzgebietes auf Nord-Afghanistan und den Großraum Kundus mit einem zusätzlichen deutschen Kontingent. Als "Meilenstein", sieht Götz Gliemeroth, dass es der ISAF Anfang 2004 gelang, den militärischen Schutz für das Zusammentreten der großen Stammesversammlung so zu garantieren, dass nach mehrwöchiger Beratung eine neue Verfassung Afghanistans einvernehmlich verabschiedet werden konnte, die "mit Fug und Recht wohl als fortschrittlichste Verfassung in Zentralasien bezeichnet werden kann. Allein, dass Frauen nun per Verfassung in politische Ämter kommen mussten und fast ein Drittel des Oberhauses aus Frauen besteht, ist fast beispiellos. Damit wurde ein Hauptanliegen der internationalen Gemeinschaft frühzeitig realisiert".

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Serie Was Macht Eigentlich?: Afghanistan lässt ihn einfach nicht los


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.