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Erkelenz
Aufrührerischer Reformator in populären Spielfilmen

Erkelenz. Über Martin Luther im Film sprach zum Auftakt des Reformation-Jubiläumsjahres Professor Czapla. Von Daniela Giess

An seinen ersten Besuch in der evangelischen Kirche am Martin-Luther-Platz erinnert er sich ungern zurück. Schließlich forderte die damalige Küsterin den 17-Jährigen unmissverständlich und resolut auf, das Gotteshaus sofort zu verlassen, hielt ihn für einen Störenfried. "Dabei wollte ich nur ein Foto in der Kirche machen", erinnert sich Professor Ralf Georg Czapla heute mit einem Schmunzeln zurück.

Sein zweiter Besuch in der Kirche fiel jetzt wesentlich freundlicher aus. Auf Einladung des Heimatvereins der Erkelenzer Lande und der evangelischen Kirchengemeinde referierte der Literaturwissenschaftler zum Thema "Martin Luther - ein Berserker vor dem Herrn?" und zeichnete dabei ein interessantes Bild des aufrührerischen Reformators in populären Spielfilmen.

Mehr als 100 Zuhörer füllten die Kirche. Was den 52-Jährigen, der im Immerather Haus Nazareth geboren wurde und am Erkelenzer Cusanus-Gymnasium sein Abitur machte, ganz besonders freute: Viele ehemalige Lehrer seiner Schule waren gekommen, um ihm rund 90 Minuten lang zu lauschen. Der Heidelberger Professor für Neue Deutsche Literaturwissenschaften sowie Vergleichende Literaturwissenschaften, der schon als Gastprofessor in Rom lehrte, betonte, dass der Wittenberger Reformator wohl mit kritischem Blick auf die heutige Zeit schauen würde, in der niemand die Last der Benachteiligten zu tragen bereit sei.

Seit rund 100 Jahren sei Martin Luther, so sagte Czapla, auf der Leinwand präsent. Zur Zeit der Stummfilme sei die Darstellung eine wesentlich größere Herausforderung gewesen. In diesem Zusammenhang erinnerte er an den damals 52-jährigen Luther-Darsteller Hermann Litt, der 1911 diese Rolle übernahm. "In der Filmgeschichte hat es sicherlich spannendere Gestalten gegeben", lautete sein Gesamt-Urteil. Daher seien Luther-Filme wohl nicht unbedingt als Kassenschlager einzustufen. Denn der Zuschauer erwarte spannende Unterhaltung und nicht Aufklärung oder Anleitung zur Meditation. "In kommerzieller Hinsicht sind Luther-Filme keine Selbstläufer." Die Filme müssten sich gegen fantasievolle Storys und außergewöhnliche Action-Helden behaupten. Der 500. Geburtstag Luthers habe 1983 die beiden deutschen Staaten zu einem "Wettlauf" veranlasst. In der DDR habe sich zum ersten Mal ein Filmteam des Luther-Stoffs angenommen, wobei die Linie von der SED strikt vorgegeben worden sei.

Czapla zeigte Ausschnitte zweier Verfilmungen von 1953 und 2003, die er in den direkten Vergleich miteinander stellte. Das Werk des Regisseurs Irving Pichel (1953) habe starke Proteste der katholischen Kirche hervorgerufen wegen seiner angeblich falschen Darstellung des Zeitalters des Protestantismus, während in der Verfilmung von 2003 (Regie: Eric Till) mit so bekannten Gesichtern wie Peter Ustinov, Uwe Ochsenknecht und Bruno Ganz viele Fehler enthalten seien. So werde zum Beispiel die Bibel nach ihrer heutigen Einteilung zitiert. Auch durchlaufe die Hauptfigur so gut wie keine Entwicklung, weder geistig noch körperlich.

Quelle: RP
 
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