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Erkelenz
Bei immer mehr Bäckern bleibt der Ofen kalt

Erkelenz: Bei immer mehr Bäckern bleibt der Ofen kalt
Eine Erkelenzer Institution stellt den Betrieb ein: Die Traditionsbäckerei Lütterforst an der Brückstraße schließt zum Jahresende für immer. FOTO: Jürgen Laaser (Archiv)
Erkelenz. Innungsobermeister Edwin Mönius registriert einen enormen Aderlass im Bäckerhandwerk des Kreises Heinsberg. Wurden 1980 noch fast 200 Betriebe gezählt, sind es aktuell nur noch 37, die das Handwerk ausüben. Von Hans Groob

Dass sich das Gesicht einer Stadt im Laufe der Zeit in vielfältiger Form verändert, ist normal. Neben öffentlichen Einrichtungen hat die Geschäftswelt als Magnet und Hingucker maßgeblichen Anteil daran. Ob die Entwicklung allerdings immer in die richtige Richtung führt, das ist eine Frage, die sich möglicherweise erst Jahre später beantworten lässt. Schließen Geschäfte mit Tradition oder klangvollen Namen, dann ist der Aufschrei groß, auch wenn er meist nur kurz andauert, wie in der Erkelenzer City in letzter Zeit mehrfach der Fall. Und jetzt wieder, seit bekanntgeworden ist, dass in der Bäckerei Lütterforst mit ihrem markanten Stammhaus an der Brückstraße (Ecke Ostpromenade) bis zum Jahresende zum letzten Mal Weihnachtsgebäck oder Neujahrsbrezeln hergestellt werden.

Die Bäckerei Lütterforst gibt es seit mehr als 100 Jahren und wird in der vierten Generation von Helene und Karl-Josef Lütterforst geführt, deren Entscheidung zur Schließung in erster Linie wegen Krankheit erfolgt. Dabei wäre es möglich, den Betrieb in die Hand der fünften Generation zu legen, denn auch Sohn Christian ist Bäckermeister. Der allerdings will das finanzielle Risiko einer Modernisierung von Fachmaschinen ohne Mithilfe der Eltern nicht tragen. Was über den Jahreswechsel hinaus mit den 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern geschieht, ist noch unklar. Die Chefin hofft aber, "dass diese vermittelt werden können, vielleicht bei einer Übernahme sogar an gewohnter Stelle bleiben können".

Die Backöfen erkaltet sind in der ehemaligen Bäckerstadt Erkelenz vor mehr oder weniger langer Zeit schon bei Martin Krahe (Burgstraße), Königs/Schieren (Aachener Straße), Kehren/Delabar (Brückstraße), Theo Lütterforst (Burgstraße), Edmund Tillmann (Martin-Luther-Platz), Gustav Schröder (Kölner Straße), Heinrich Schröder (Markt) und Jansen/Plieth (Oerath).

Bäckereien mit Erkelenzer Wurzeln gibt es ab dem neuen Jahr dann nur noch auf der Kirchstraße (Franz-Josef Goertz) im Schatten von St. Lambertus, und die Bäckerei Josef Vos auf der Theodor-Körner-Straße/Lambertusweg, wobei Goertz auch schon mit dem Gedanken gespielt haben, sich altersbedingt zur Ruhe zu setzen. Das Lambertus-Cafe in der Fußgängerzone (Aachener Straße) wird von der Bäckerei Gillrath aus Venrath bestückt.

Sorgen um das Grundnahrungsmittel Brot brauchen sich die Erkelenzer allerdings nicht zu machen, ist die City doch von zig Filialisten übersät, allerdings nicht handwerklich backend.

Große Sorgen um sein traditionelles Handwerk macht sich allerdings Edwin Mönius, der nicht nur Obermeister der heimischen Bäckerinnung, sondern seit knapp vier Monaten auch Kreishandwerksmeister im Kreis Heinsberg ist: "Deutschlandweit werden jeden Tag mindestens zwei Bäckereien geschlossen, und ich befürchte, dass dieser Trend noch andauern wird." Präzisere Zahlen hat der Bäckermeister, der mit seinem 36-jährigen Sohn und designierten Nachfolger sowie zwei Auszubildenden eine Bäckerei in Wassenberg-Birgelen betreibt, für den Kreis Heinsberg: 1980, als der damals 26-jährige Mönius der Innung beitrat, wurden in den noch selbstständigen Kreisverbänden Geilenkirchen/Heinsberg 110 und Erkelenz knapp 80 Betriebe gezählt. 20 Jahre später, Mönius wurde zum Chef der fusionierten Innung Heinsberg gewählt, war die Zahl der Bäckereien um etwa drei Viertel auf 55 geschrumpft. "Kaum zu glauben, aber aktuell sind wir nur noch 37 Betriebe im Kreis", gibt sich der Obermeister nachdenklich und sucht nach Gründen. Die sieht er in verstärkt industrialisierter Fertigung, in Konkurrenz durch Discounter und Handelsketten, in teils auch für kleine Betriebe abschreckender Bürokratie, in der immer schwieriger werdenden Nachfolgefrage und neuerdings auch in der schwindenden Attraktivität des Bäckerhandwerks. "Aktuell konnten von Kollegen erst vier Ausbildungsverträge abgeschlossen werden", weiß Mönius, der auch in der schulischen Begleitung Probleme erwartet: "Noch gibt es für uns eine Klasse an der Berufsschule in Geilenkirchen. Aber setzt sich der Trend fort, dann werden wir bald nur noch schulische Begleitung in Aachen anbieten können, um so den hohen Qualitätsstand des Bäckerhandwerks halten zu können." Der kommt übrigens im September in Erkelenz in der Kreissparkasse beim traditionellen Brot- und Brötchentest auf den Prüfstand. Und wieder ist dabei 1a-Qualität zu erwarten.

Quelle: RP
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