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Erkelenz
Bestürzend aktuelle Glasgemälde

Erkelenz: Bestürzend aktuelle Glasgemälde
Es ist kein Fenster, sondern ein riesiges Glasgemälde: Lüpertz' Werk "Kosovo" - die Vorlage stammt von 1999 - setzt mit dramatischen Gelb-Schwarz-Kontrasten die Schrecken des Krieges ins Bild und wirkt vor dem Hintergrund des allgegenwärtigen Terrors bestürzend aktuell. Unten: Lüpertz bei der Überprüfung des Bildes in der Werkstatt Derix. FOTO: Peter Hirnschläger
Erkelenz. Ausstellung: Markus Lüpertz schenkt dem Linnicher Glasmalerei-Museum die Bilder "Kosovo" und "Herbstfenster". Von Angelika Hahn

Sein 20-jähriges Bestehen feiert das Deutsche Glasmalerei-Museum Linnich erst 2017, aber schon in diesem Jahr gibt es ein besonderes Geschenk: Einer der wohl bekanntesten zeitgenössischen deutschen Künstler, Markus Lüpertz, hat zu seinem 75. Geburtstag dem kleinen, aber besonderen Museum in der früheren kurfürstlichen Getreidemühle aus dem 18. Jahrhundert dieses Geschenk gemacht. Er gab zwei Gemälde in Mischtechnik aus den Jahren 1999 und 2001 mit den Titeln "Kosovo" und "Herbstfenster" zur Umsetzung in Glasgemälde frei - die nun seit April den Mittelpunkt einer Schau (noch bis 18. Dezember) bilden, die zu Lüpertz' Geburtstag das glasmalerische Werk des vielseitigen Künstlers in einem Überblick vorstellt. Und schon jetzt ist ziemlich sicher, dass die im Linnicher Haus bleibenden 2,80 Meter mal 3,20 Meter großen Glasbilder die Stars der Sammlung werden.

Beide Werke beschäftigen sich mit dem Vanitas-Motiv, thematisieren Vergänglichkeit und Tod, genial umgesetzt in klassischer musivischer Bleiverglasung von den Glasstudios Derix in Taunusstein, mit denen Lüpertz seit Beginn seiner Beschäftigung mit Glasmalerei zusammenarbeitet. Museumsleiterin Myriam Wierschowski betont im Gespräch, wie völlig anders und neu Farb- und Lichteffekte der Glasarbeiten im Vergleich zu den Gemäldevorlagen wirken.

FOTO: Peter Hirnschläger

In beiden Werken dominiert der Totenkopf - in "Kosovo" verbunden mit weiteren klassischen Bildmotiven des Vanitas-Themenkreises, wie sie die Kunstgeschichte seit dem Mittelalter kennt - der Kerze etwa und dem aufgeschlagenen Buch. "Im Gegensatz dazu sind Stahlhelm, Jagdflugzeug und Spaten, die den Totenschädel im Dreiklang umkreisen, typische Requisiten aus dem Lüpertzschen Formenvokabular, auf die er seit Beginn seiner malerischen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in den 1970er Jahren immer wieder als Reminiszenz an Tod und Zerstörung im Ersten und Zweiten Weltkrieg zurückgreift", schreibt Myriam Wierschowski im Katalog zur Ausstellung, der zugleich erstmals eine Zusammenschau des glasmalerischen Werks von Lüpertz bietet. Ein am Boden liegender Soldat und eine mit gespenstisch schwarzen Armen zur Kerze strebende Gestalt lassen ebenso wie die einrahmende Kirchenarchitektur Spielräume für vielfältige Assoziationen über Krieg und Tod. Für Myriam Wierschowski bietet "Kosovo", das ursprünglich auf die Grausamkeit des Jugoslawienkrieges 1999 anspielte, eine ganz aktuelle Gedankenverbindung zu (IS-)Terror und Syrienkrieg. Im "Herbstfenster" dann ein ganz anderer Bildaufbau: Es dominiert der Kontrast zwischen Blütenmotiven und dem Totenkopf, flankiert von einem chaotischen Strebengewirr und unterhalb einer Stadtsilhouette (Köln?), auf der der Schädel steht.

Lüpertz' Weg ins kleine Linnich hat eine Vorgeschichte. Denn schon zur Eröffnung des Museums vor 19 Jahren stellte er ein Glasbild, "Männer ohne Frauen - Parsifal", zur Verfügung, das die Schau nur als Fotodokument zeigen kann, weil es sich heute, fest installiert, in Privatbesitz befindet. Die erste direkte Begegnung des in Böhmen geborenen und ab 1948 in Rheydt aufgewachsenen Künstlers mit dem Linnicher Museum fand erst Anfang Januar 2015 statt. Zustande kam der Besuch, so erzählt Wierschowski, über Kontakte unter anderem zum Leiter des Duisburger Museums Küppersmühle, Walter Smerling, der Lüpertz gut kennt und gerade dessen bislang größte Werkschau "Kunst, die im Wege steht" organisiert hat.

Wierschowski erlebte einen von den Schätzen des Museums verblüfften Gast, der die Glasarbeiten seiner großen Vorbilder aus Studienzeiten an der Werkkunstschule Krefeld, Heinrich Campendonk, Johan Thorn Prikker und Georg Meistermann, entdeckte. "Vor allem Campendonks ,Auferstehung', ein von uns erstmals gezeigtes Fenster für St. Kolumba in Köln, das dort nie eingebaut wurde, hat Lüpertz begeistert", erinnert sich die Museumsleiterin. " ,Das ist so toll, ich schenke Euch zwei meiner Bilder', hat er spontan gesagt." Die Umsetzung der Vorlagen konnte dann mit Hilfe etlicher Sponsoren realisiert werden.

Aber noch eine andere, schier unglaubliche Begegnung prägte diesen 3. Januar 2015. Eine alte Dame sprach Lüpertz an - sie entpuppte sich als eine Anregerin zu Lüpertz' ersten Glasarbeiten: Es war die Mönchengladbacher Glasmalereikünstlerin Marianne Hilgers. Beide hatten sich viele Jahre nicht gesehen - eine emotionale Begegnung.

Die Linnicher Schau dokumentiert das glasmalerische Werk von Markus Lüpertz von seinen ersten, nicht umgesetzten Entwürfen für die Kathedrale in Nevers bis hin zu den bekannten Kirchenfenstern in St. Andreas Köln.

Quelle: RP
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