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Tagebau in Borschemich
Der Tag, an dem der Bagger kam

Garzweiler II: Kirche in Borschemich wird abgerissen
Borschemich. Die Menschen feierten hier Taufen, Kommunion, Hochzeit – und weinten um die Toten. Jetzt rückte der Bagger an. St. Martinus musste dem Tagebau weichen. Ehemalige Bewohner des Dorfes Borschemich nahmen am Morgen unter Tränen Abschied. Die Kirche war ihr Lebensmittelpunkt. Von Sabine Kricke

Der Wind fegt über das abgebaggerte Land, links und rechts stehen Häuser, alle unbewohnt. Die heruntergelassenen Fensterläden klappern. Die Kirche St. Martinus in Borschemich, das Herzstück des Ortes, fällt den Baggern zum Opfer.

"Es ist wie eine Beerdigung. Schlimm, einfach ganz schlimm", versucht Marlene Stockfisch die Situation in Worte zu fassen. Bei einem Grad Celsius hat sich eine Handvoll früherer Bewohner des kleinen Ortes vor dem Absperrzaun an der Kirche versammelt. Und dann ist es soweit. In Sekundenschnelle schlägt die Baggerschaufel in die Rückwand der Sakristei. Der erste Schutt fällt auf den schneebedeckten Boden. Stück für Stück frisst sich der Bagger hinein in das bereits entwidmete Haus Gottes. "Es ist, als würde man einem häppchenweise das Herz rausreißen", sagt Stockfisch und hält sich an ihrer Schwester fest.

Luftaufnahmen: Kirche in Borschemich wird abgerissen

Ab 2017 soll das Dorf im Osten von Erkelenz dem Tagebau Garzweiler II weichen. Die St.-Martinus-Kirche wurde bereits im November 2014 entwidmet und die neu gebaute Martinus-Kapelle in Neu-Borschemich im Mai 2015 feierlich eingeweiht. Nachdem bereits zahlreiche Häuser im Ort dem Erdboden gleichgemacht wurden, muss jetzt auch die Kirche dem Tagebau weichen.

Für Stockfisch und ihre Schwester, Anneliese Cremer, die beide in Borschemich geboren und aufgewachsen sind, ein unerträglicher Moment. Gemeinsam mit ihrer Familie hat Stockfisch gegenüber St. Martinus gelebt. "Jeden Morgen bin ich vom Glockenklang geweckt worden. Das fehlt mir unheimlich", sagt die 63-Jährige und wischt sich eine Träne aus dem Gesicht. Sie verbindet mit der Kirche noch viel mehr als nur den morgendlichen Weckruf. Die Borschemicherin ist dort getauft worden, zur Kommunion gegangen, hat dort geheiratet, ihre Kinder taufen lassen und ihre Eltern beerdigt. In diesem Video sehen Sie den Abriss der Kirche.

Garzweiler II: Kirche in Borschemich wird abgerissen FOTO: Laaser, J�rgen

Auch für Pastor Werner Rombach ist der Moment des Abrisses seiner früheren Wirkungsstätte emotional. "Es ist ein Wechselbad der Gefühle. Wenn ich die engsten Mitglieder aus der Gemeinde hier stehen sehe, beschleicht mich wieder der Kummer", sagt Rombach. Gesprochen wird während des Abrisses vor allem über die Gefühle der vergangenen Monate. Am zehnten Dezember läuteten die Kirchenglocken ein letztes Mal. Die insgesamt vier Glocken, die Turmuhr und das Turmbesteck mit Weltkugel, Kreuz und Wetterhahn wurden in die neue Kapelle in Neu-Borschemich integriert. Laut Rombach war die Abschiedsfeier ein notwendiger Akt der Trauerbewältigung.

Am Montag fällt der Kirchturm

St.-Martinus-Kirche wird abgerissen

Bis kommenden Montag arbeitet sich der Abrissbagger nun bis zum Kirchturm vor. "Der wird dann voraussichtlich am Montag abgerissen", sagt Guido Steffen, Pressesprecher von RWE. Anschließend soll das Gelände von Denkmalpflegern und Archäologen untersucht werden. In einigen Monaten wird dann der riesige Tagebau-Bagger an der Stelle stehen, wo vorher St. Martinus stand.

Marlene Stockfisch wird gemeinsam mit ihrer Schwester "noch einige Zeit" auf dem abgesperrten Seitenweg neben der Kirche warten. Sie haben sich Kaffee und Plätzchen mitgebracht. Wie auf einem Beerdigungskaffee.

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