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Erkelenz/Riga
Deutsch hört man in Riga an jeder Ecke

Erkelenz/Riga: Deutsch hört man in Riga an jeder Ecke
Amira El Amrawy (22, li.) und Melis Tahmaz (21) vor dem Chirurgie-Gebäude des Paula Stradina Universitäts-Krankenhauses in Riga. FOTO: PRIVAT
Erkelenz/Riga. Amira El Amrawy (22) und Melis Tahmaz (21) sind für das Medizinstudium nach Riga gezogen. Zuerst musste die Sprache gelernt werden. Richtig lettisch fühlen sie sich nicht. Das Studentenleben aber hat durchaus seine Vorzüge. Von Jessica Balleer

An einem Donnerstag vor wenigen Wochen hatten die beiden Studentinnen Grund zum Feiern: am Morgen die Physiologie-Klausur, die das Bestehen des vierten Semesters bedeutete, am Abend der Restaurantbesuch zum "Zweijährigen" als deutsche Studenten im Ausland.

Vom Heinrich-Clemens-Weg in die Krijâòa-Valdemâra-iela, vom Cusanus-Gymnasium, vom Ziegelweiher an das idyllische Ufer des Daugava-Flusses an die Riga-Stradins-University: Amira El Amrawy (22) und Melis Tahmaz (21) haben ihr altes Leben eingetauscht, um sich den Traum vom Medizinstudium zu erfüllen. In Deutschland hätten sie darauf wohl Jahre warten müssen, weil das Studium meist denen vorbehalten ist, die das Abitur mit einem Numerus Clausus von 1,0 bestehen.

Die einschneidende Begegnung hatte Amira El Amrawy in ihrem Auslandsjahr in Ägypten, dem Heimatland ihrer Eltern. "Eine Freundin erzählte vom Studium in Lettland. Ich war sofort interessiert", sagt die Erkelenzerin. Lange überredet werden musste auch ihre gute Freundin Melis Tahmaz vor zwei Jahren nicht, die nun mit ihr in einer Studentenwohnung im Zentrum von Riga lebt. Ein Unikum sind die beiden an der "RSU" nicht, von ihren 180 internationalen Medizin-Kommilitonen waren allein ein Drittel junge Deutsche, als sie das Studium aufnahmen.

"Deutsch hört man in Riga an jeder Ecke", sagt Amira El Amrawy. Vor Jahren war Deutsch Lehrfach an lettischen Schulen. Heute ist neben der Amtssprache Lettisch vor allem Russisch weit verbreitet. Die Sprache zu erlernen, das stand auch für Amira El Amrawy und Melis Tahmaz im ersten Semester Medizin auf dem Stundenplan. Die Fachkurse und Vorlesungen seien aber komplett auf Englisch. "Das erste Semester war entspannt, das zweite schon anstrengender, im dritten Semester hatten wir kein Leben mehr", sagt Melis. Psychology, Mental Health, Research Ethics, Communication skills hießen die Herausforderungen der letzten Monate. Momentan sind beide im fünften Semester und arbeiten im Krankenhaus. Wie in Deutschland, dauert das Medizinstudium in Lettland zwölf Semester. Angesehen ist das Studium allemal: "Gastdozenten aus aller Welt schätzen die Absolventen aus Lettland für ihr Praxiswissen", sagt Melis Tahmaz.

Zwischen Fleisch, Kartoffeln und Kohl haben die beiden das deutsche "Lebensmittelparadies" zu schätzen gelernt. Einen kleinen Ersatz haben die beiden mittlerweile ausfindig gemacht, die deutsche "Bäckerei Junge" bringe ihnen dort das "Heimatfeeling", so Melis Tahmaz. Die Lebensmittel seien teuer, die Mieten dafür günstig: bezahlbare 95 Quadratmeter Altbau, am Flussufer gelegen, und eine Hängematte - in Sachen Wohnen bietet Riga, wovon Studierende in deutschen Großstädten nur träumen können.

Die beiden jungen Frauen bereuen ihre Bildungsflucht nicht, sie war notwendig, um eines Tages im Traumberuf arbeiten zu können. Doch bleiben werden sie auch nicht. Das Studium ist sehr teuer, "der Wechsel an eine deutsche Uni ist üblich", sagt Amira El Amrawy. Ob der Wechsel bei allen funktioniere? "Das ist dann wieder Glückssache."

Quelle: RP
 
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