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Erkelenz
"Die Braunkohle muss gestoppt werden"

Erkelenz: "Die Braunkohle muss gestoppt werden"
Zum Abschluss ihrer Pilgerrundfahrt versammelten sich die Teilnehmer vor der entweihten Kirche in Immerath (alt) zu einer Andacht. Die gespenstische Atmosphäre in dem ausgestorbenen Ort bedrückte. FOTO: Klapproth
Erkelenz. "Ökumenischer Pilgerweg" zu Umsiedlungsorten und Tagebau mahnte zum Nachdenken über klimaverträglichen Strukturwandel. Von Kurt Lehmkuhl

Der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Jülich, Jens Sannig, gibt die Hoffnung nicht auf. "Vielleicht werden wir immer mehr", sagte er aufmunternd zum Abschluss eines Tages, der alles andere als aufmunternd war. Aus Anlass des Lutherjahres hatte der Kirchenkreis die Idee eines Pilgerweges "Bewahrung der Schöpfung", der vor Augen führen sollte, was mit den Menschen in der Braunkohleregion, mit ihrer Heimat, ihrer Umwelt, ihrer Natur geschieht. Schnell war es Hans Stenzel, Umweltbeauftragter des Kirchenkreises, klar, dass dieser Pilgerweg ein ökumenischer sein musste, und stieß dabei bei Lutz Braunöhler, dem Vorsitzenden des Diözesanrates der Katholiken im Bistum Aachen, auf offene Ohren.

"Die Braunkohle muss gestoppt werden. Wir brauchen einen klimaverträglichen Strukturwandel", sagte Sannig in einer "Andacht der Stille" vor dem "Immerather Dom" zum Abschluss der Veranstaltung in der gespenstigen Atmosphäre in dem toten Dorf. Zuvor hatte die Gruppe einen letzten Blick auf den Ort und auf die zerstörte Heimat geworfen. Sie stand noch unter dem Eindruck ihres Besuchs bei einem Landwirt, der in Immerath ausharrt. "Sein Schmerz lässt uns nicht los. Mit welchem Recht ist für ihn alles vorbei? Niemand nimmt ihm die Zweifel, nicht zu wissen, wie es am neuen Ort für ihn sein wird."

Wie es an einem neuen Ort ist, hatte die ökumenische Pilgergruppe zu Beginn ihres Weges erfahren. Pfarrer Günther Salentin hatte sie mit einem liturgischen Impuls in der Kapelle im neuen Immerath begrüßt und über das Klima als gemeinschaftliches Gut von allen und für alle gesprochen. Nach dem Besuch der Ausstellung "Das Stöhnen der Erde hören" von Ellen Geiser in der Kapelle, machten sich die Pilger auf den Weg durch das neue Immerath. Ein neues Dorf oder nur eine Siedlung? Diese Frage stellten sie sich und Bewohnern - und ihre Antwort schien klar: Das neue Immerath ist kein gleichwertiger Ersatz für das alte. Die vertraute Nachbarschaft, die nicht mitgesiedelten Menschen, die fehlenden Geschäfte wiegen zu schwer, als dass die Bewohner den neuen Ort tatsächlich schon als ihr Dorf ansehen. Der Wert eines Ortes, die Bedeutung der Heimat und des Zusammenlebens wurden der Gruppe deutlich bei ihrem Besuch der "historischen Orte: Kuckum, Keyenberg, Venrath, in denen es viele denkmalgeschützte Häuser und Bauerhöfen gibt. "Wenn die Bagger kommen, braucht sich niemand mehr an Denkmalschutz zu halten. Für die Bagger gilt er nicht", zitierte Nina Kaiser.

Was die Bagger anrichten, erfuhren die Pilger beim Blick in den Tagebau Garzweiler II am Aussichtspunkt "Skywalk", der "das Loch" zu einer Touristenattraktion machen soll. "Hier sehen wir die Folgen: verlorene Heimat, verlorenes Grundwasser, zerstörte Gemeinschaft", sagte Stenzel verbittert.

Vom "Raubbau der Welt" sprach Sannig, von der Vernichtung des Kulturguts, vom Sinnbild des Wahnsinns. Doch dürfe niemand resignieren. "Die Kirchen müssen den Menschen Heimat geben, Stütze, Trost, Gemeinschaft. Vereint im Gebet müssen die Menschen Kraft finden." Die Bewahrung der Schöpfung sei eine immerwährende Aufgabe, sie ende nicht an diesem Loch. Die Grube zeige nur, wer die Verantwortung trägt für die Zerstörung der Natur, der Vernichtung der Heimat und der Vertreibung der Menschen: "Es ist der Mensch selbst", sagte Stenzel. Es liege an jedem selbst, diesen Wahnsinn zu beenden, mit dem der Mensch sich und seine Welt in eine Klimakatastrophe treibe.

Und so bleibt die Hoffnung von Sannig: "Vielleicht werden wir immer mehr, die aufstehen."

Quelle: RP
 
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