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Braunkohle-Tagebau als Fotoprojekt
Die letzten Tage von Borschemich

Stumme Zeitzeugen des Braunkohletagebaus
Stumme Zeitzeugen des Braunkohletagebaus FOTO: Kalla Brunen
Erkelenz. Kalla Brunen aus Erkelenz hält Impressionen aus Orten fest, die dem Braunkohle-Tagebau weichen müssen: Alltägliche Dinge wie ein alter Sessel oder ein vergessener Schuh sind Zeugnisse des Verfalls. Von Renate Resch-Rüffer

"Auf einer Erkundungstour mit dem Fahrrad, im Jahre 2014, kam ich in den inzwischen verschwundenen Ort Pesch, der hinter Borschemich lag. Ich stand am Rande des Baggerlochs und war erschrocken", erzählt Kalla Brunen.

Dort beschloss er, ein Fotoprojekt zu starten, für das er regelmäßig Impressionen aus dem schwindenden Borschemich mit seiner Kamera festhält. Jeden Monat postet er seither Fotos von diesen Fahrten an die Grenze des Kohleabbaugebiets auf Facebook. Inzwischen ist eine stattliche Zahl an Fotos und Fotoalben zusammengekommen.

Immerath - ein Geisterort FOTO: sola-donum

Seine Fotos sind nüchtern dokumentarisch, meist "out of cam", also ohne anschließende Bildbearbeitung, doch diese Nüchternheit ist berührend und löst beim Betrachter Emotionen aus. Die alltäglichen Dinge, die Brunen festhält, wie ein vergessener Schuh, eine zurückgelassene Puppe, ein mit Efeu überwuchertes Fenster, sind Zeugnisse des Verfalls. Zersplitterte Scheiben, wuchernde Grünpflanzen, Braunkohlebagger unmittelbar hinter den Häusern, erzählen eigene Geschichten. "Es ist schon heftig zu sehen, wie die Leute, die von Kind an dort gewohnt haben, mitverfolgen, wie ein Bagger die Häuser abreißt", erinnert er sich.

Durch die Dokumentation über inzwischen knapp zwei Jahre kann man die deutliche Veränderung mitverfolgen. "Wenn man die Fotos vom Sommer letzten Jahres ansieht und mit heute vergleicht, stellt man fest, dass bereits komplette Straßenzüge eingeebnet sind und die Häuser abgerissen", beschreibt Brunen. Nach wie vor faszinieren ihn diese verlassenen Orte und die Veränderungen. Bereits im Sommer 2012 startete er ein Fotoprojekt, bei dem er jeden Tag ein Foto von einem Ort, an dem er sich gerade befand, auf sein Facebookprofil postete.

Haus Paland in Borschemich FOTO: Laaser, J�rgen

Markante Stadtansichten von Erkelenz sind ebenso zu finden wie Fotos von Mönchengladbach oder Berlin, je nachdem, wo er sich gerade befand. Mit seinem Blick für Details bringt er den Betrachter dazu, manche Ecke unserer vertrauten Umgebung neu zu entdecken und bekannte Sichtweisen wieder zu betrachten. 

Kalla Brunen - eigentlich heißt er Karl-Heinz Brunen, aber alle Freunde nennen ihn Kalla - lebt seit 2012 in Erkelenz. Davor unterrichtete er Englisch und Musik an der Gesamtschule Brüggen. Nach seiner Pensionierung beschloss er mit seiner Frau, zukünftig in Erkelenz zu leben. Er ist sehr kommunikativ, knüpft gern Kontakt zu Menschen und ist offen für seine Umwelt.

Bei seinen Ausflügen hat er stets seine Kamera dabei. Bereits in den 70er Jahren fotografierte er viel. In der Nähe von Pisa wurde ihm damals das Wohnmobil aufgebrochen und die komplette Kameraausrüstung gestohlen - danach machte er eine lange Pause mit dem Fotografieren. Irgendwann kaufte er sich eine kleine Kamera und begann wieder, Dinge des alltäglichen Lebens einzufangen. 

Mit seinen 66 Jahren ist er am Wochenende noch immer viel in NRW unterwegs, mit der Band "Ted und die Fremden". Sie spielen Songs der 50er und 60er Jahre, alte Elvis-Songs, Buddy Holly oder die Everly Brothers. "Wir sind ganz gut gebucht und tingeln noch ganz nett durch die Gegend", beschreibt er seine Leidenschaft, die ihn schon von Schülerzeiten an begleitet. "Ich spiele Gitarre und singe, das macht mir nach wie vor viel Spaß."  

Die Bilder aus Kalla Brunens Fotoprojekt finden Sie hier. 

Quelle: RP
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