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Erkelenz
Ein Lied, ein Bier - Tenholt führt zur Kirmes das "Cantus-Singen" ein

Erkelenz. Tenholt füllt am Kirmeswochenende den Freitag mit Leben und lädt dazu ein, zwei Stunden lang zu singen. Von Natalie Urbig

Rasch wird noch einmal das Programmheft aufgeschlagen. "Alter Schwede", tönt es von irgendwoher aus dem Tenholter Kirmeszelt, das von einem erheiterten Gröhlen und Lachen erfüllt wird. Eben noch hat die gut gelaunte Besuchermenge aus voller Kehle "Atemlos" von Helene Fischer zum Besten gegeben, nun fordert Moderator Christian Castro sie zum Trinken auf. Und das auf Latein. "Ad Fundum", ruft er vom anderen Zeltende und hebt sein Glas. Erst nach einem kurzen Blick ins Programmheft dämmert so manchem Nicht-Lateiner, was das Kommando für ihn bedeutet: "Ad Fundum", so ist darin zu lesen, heißt nichts anderes als "Bis auf den Boden; also Glas Bier auf Ex".

Es ist Freitagabend: In den Vorjahren blieb das Festzelt in Tenholt an diesem Kirmestag noch geschlossen. "In diesem Jahr füllen wir es mit Leben", sagt Heinz Nießen, Vorsitzender des Radsportvereins Adler Tenholt, der in jedem Jahr das traditionelle Kirmeswochenende organisiert. Das "Cantus-Singen" bildete den Auftakt zu einem vollen Programm: Für Samstag war die regional bekannte Coverband Booster angekündigt und für Sonntag unter anderem zum 40. Mal das Volksradfahren auf einer 20 Kilometer langen und familienfreundlichen Strecke.

Mit dem "Cantus -Singen" wird in Tenholt am Kirmeswochenende eine Tradition aufgegriffen, die ihre Ursprünge bei den Römern hat. Christian Castro, ehemaliger Venrather, hat den Brauch während seiner Studienzeit in Maastricht kennengelernt und in sein neues Heimatdorf mitgebracht. In den Niederlanden wird das gesellige Zusammensein bei Gesang und Bier besonders von Studentenverbindungen zelebriert - in Tenholt hat das "Cantus-Singen" am Freitagabend seine Premiere erlebt.

Die Regeln sind schnell erklärt: Zu bekannten Schlagern und Popsongs soll mitgesungen werden, und zwar aus voller Brust. Für kleinere Textunsicherheiten bekommen die Besucher ein Heft mit Liedtexten. Nach jedem Stück erfolgt der Griff zum Bier. Oberstes Gebot: "Wenn gesungen wird, wird nicht getrunken und wenn getrunken wird, wird nicht gesungen." Moderator Christian Castro entscheidet, auf welche Art das Glas geleert wird: Auf Ex, nach Belieben oder so lange, bis es genug ist und er "Satis" sagt. "Ich gucke mir das Ganze an, wenn die Ersten schon auf dem Tisch liegen, reicht auch ein Schluck", versichert er den Feierfreudigen.

Nach dem ersten geexten Bier geht es weiter mit dem Schlager "Verdammt ich lieb dich". Die Liedhefte sind überflüssig, der Text sitzt, der Refrain schallt am Lautesten durch das Zelt. "Ad Libitum", ruft der Moderator noch während der letzten Klänge von Matthias Reim, was so viel heißt wie "trink so viel du möchtest".

"Also schon wieder auf Ex", ruft jemand. Längst haben sich die Ersten von ihren Sitzplätzen am Zeltrand erhoben und mischen sich unter die Feiernden. Mal mehr, mal weniger inbrünstig schmettern sie die Schlagerzeilen, klatschen, tanzen und lachen. "Ich hätte nicht gedacht, dass es so gut klappt", lobt Christian Castro. Zwei Stunden lang füllt er das Programm mit deutschen und englischen Hits. Auch ein Tenholter Lied ist in dem Textheft zu finden.

Unter den Singenden sind alle Generationen vertreten. Während die Älteren auf den Sitzplätzen im Takt der Musik schunkeln, tanzen die Kleinen eifrig - allerdings mit Limo statt Bier. Auch unter den anderen Gästen fällt auf, dass es mit dem Trinken nicht immer so genau genommen wird. Birthe Hüttemann hat zwei Gläser mit Wasser und Cola vor sich stehen. Der Stimmung schadet das nicht. "Gut", findet sie den Abend, "es ist mal was Neues und macht Spaß", sagt die Tenholterin. Ein Besucher, der sich strikt ans Regelwerk hält, möchte namentlich lieber nicht genannt werden. Für ihn scheint zu gelten: Was beim Cantus in Tenholt passiert, bleibt in Tenholt.

Quelle: RP
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