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Erkelenz
Erkelenz vom Gemeinwesen geprägt

Erkelenz: Erkelenz vom Gemeinwesen geprägt
Günther Merkens (r.), Vorsitzender des Heimatvereins der Erkelenzer Lande, überreichte den Bürgern von Erkelenz und deren Bürgermeister Peter Jansen als Jubiläumsgeschenk die erstmals übersetzte Baux-Chronik. FOTO: Jörg Knappe
Erkelenz. Erkelenz feierte am Samstag in der Stadthalle, dass die Stadt vor 1050 Jahren erstmals urkundlich erwähnt wurde. Eingeladen war zu Vorträgen über die frühe Stadtgeschichte, Chorgesang und geselligem Beisammensein. Von Andreas Speen

Mit einer Urkunde von Kaiser Otto I. erblickte Erkelenz das Licht der Geschichte. Das war am 17. Januar 966. Jetzt, 1050 Jahre später, hatten sich 500 Erkelenzer für Samstagabend angemeldet, um dieses Jubiläum - gleichermaßen als Geburtstagsgäste und Geburtstagskind - in der Stadthalle zu würdigen. Die Stadt und der Heimatverein der Erkelenzer Lande hatten einen Vortragsabend vorbereitet, der in einen geselligen Teil mündete - das passte gut zusammen, stellte Stadtarchivarin Dr. Alice Habersack anhand von Urkunden und historischen Belegen doch fest, dass die Menschen in Erkelenz bereits im Mittelalter gerne lebten, tranken und feierten.

Hexenprozesse in Erkelenz, die Stadtwerdung und die 1541 bis 1568 verfasste Chronik von Mathias Baux waren die Themen von Dr. Alice Habersack, Dr. Claudia Kauertz und Professor Dr. Hiram Kümper. Vorwegnehmen konnte jedoch Bürgermeister Peter Jansen eine Essenz aller drei Vorträge: "Wir können auf die Tradition und Geschichte unserer Stadt wie gleichwohl auf deren Fortschritt stolz sein. Früh entwickelte Erkelenz ein Gemeinwesen, was Urkunden und Dokumente im Stadtarchiv belegen, das positiv auf die Stadtentwicklung eingewirkt hat." Dieses zu erhalten und in der Zukunft gemeinsam fortzuentwickeln, dazu rief Peter Jansen auf.

Zu einer Zeit war Erkelenz gar nicht fortschrittlich. Im 16. und 17. Jahrhundert galt nicht die Reichsstrafprozessordnung, sondern noch ein in das Mittelalter zurückweisendes Stadtrecht, welches auf dem Gewohnheitsrecht basierte und nicht auf dem andernorts geltenden römischen Recht. Ergeben hatte sich das durch die Lage Erkelenz' als Exklave des Herzogtum Gelderns, dort mehrfache Herrscherwechsel in kurzer Zeit und die Beanspruchung der Herrschenden durch zu führende Kriege. "Aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass Erkelenz dadurch sehr fortschrittlich war", stellte Dr. Claudia Kauertz in ihrer Betrachtung über die Hexenprozesse in Erkelenz die Bewertung geradezu auf den Kopf: "Diese Rechtssituation führte dazu, dass es in Erkelenz im 16. und 17. Jahrhundert nur sechs Hexenprozesse gegeben hat, und darunter auch nur eine Todesstrafe verhängt wurde, während um Erkelenz herum die Scheiterhaufen brannten." Im Kurkölnischen seien innerhalb weniger Jahre geschätzte 1000 bis 4000 Personen hingerichtet worden, und als in Europa die Hexenverbrennung im 17. Jahrhundert den Höhepunkt erreichte, sei für Erkelenz kein Prozess mehr belegt. Frauen gegenüber der Inquisition zu denunzieren, sei ein Leichtes gewesen: "Einen Hexenprozess als Privatklage zu führen, war unattraktiv."

Erkelenz war im 14. und 15. Jahrhundert eine prosperierende Stadt. Belege dafür lieferte Dr. Alice Habersack aus dem Stadtarchiv. Als Exklave wurde Erkelenz für das Land von Geldern zu einem strategisch wichtigen Militärstützpunkt, der es in den Urkunden zwischen 1326, als Erkelenz noch Dorf genannt wurde, bis 1377 zur erstmaligen Nennung als Stadt geschafft hatte. "Im 14. und 15. Jahrhundert blühte Erkelenz durch Schutz und Privilegien auf", fasste die Stadtarchivarin zusammen. Färber und ein Pelzer siedelten sich an. Händler für regionale und besondere Waren waren in der Stadt zu finden. Stoffe und Tücher wurden im Gewandhaus gehandelt. Das Schulwesen entfaltete sich. Es bildete sich eine Mittel- und Oberschicht. Aus 17 Bierwirten wurden in wenigen Jahren 38 Bierbrauer. Im Ort gab es ein Hospital, vor den Toren ein Leprosenhaus. Und über allem wachte ein Schöffengericht, das die Todesstrafe hätte aussprechen dürfen, von dem aber Habersack zufolge nur Strafen am Pranger und Gefängnisstrafen urkundlich überliefert seien. Optisch war diese Verwandlung von Erkelenz gut zu erkennen: "Das Wachstum als Handelsort veränderte das Stadtbild durch den Bau einer Stadtmauer mit vier Stadttoren und der geldrischen Landesburg." 1550 sei die Stadt bei 1500 Einwohnern 15 Hektar groß gewesen: "Erkelenz war damit im Gelderland zu einer großen Mittelstadt herangewachsen."

Der zu dieser Zeit in Erkelenz als Stadtschreiber und teilweise Bürgermeister tätige Mathias Baux bestätigt diese Aussagen. "Er gibt in seiner Chronik", welche seit vergangener Woche erstmals vollständig übersetzt vorliegt, "einen Blick in eine boomende Stadt, die relativ reich war, die einen starken Tuchhandel hatte und davon profitierte, gut an einer Transitkreuzung zu liegen", blickte Professor Hiram Kümper in dieses für Erkelenz historisch bedeutende Werk, das er als spannend zu lesen empfahl: "Spannend ist, dass Baux aus seinem Insiderwissen berichtet und von einer Stadt erzählt, in der das Mittelalter endet und die frühe Neuzeit langsam Einzug hält. Spannend ist die Chronik auch als Sprachdenkmal. Baux schreibt in einer Regionalsprache, die kurz nach seiner Zeit in den Amtsstuben vom Hochdeutsch verdrängt worden ist."

Diese erstmals übersetzte Baux-Chronik war eines von zwei Geschenken, welche der Heimatverein der Erkelenzer Lande (in Zusammenarbeit mit Hiram Kümper von der Uni Mannheim) der Stadt zu ihrem Jubiläum machte. Das zweite war der Cornelius-Burgh-Chor des Heimatvereins, der den Abend in der Stadthalle mit Gästen (Andrea Richter, Blockflöte; Heike Johanna Lindner, Viola da Gamba; Stanislaw Gojny, Theorbe; Bernd Kleinen, Orgel) gestaltete und der dafür vom Publikum mit einigen Bravi bedacht wurde. Historisch passend hatten sich die Sänger unter Leitung von Reinhold Richter unter anderem dem Erkelenzer Cornelius Burgh (ca. 1590-1638) zugewandt, der im Auftrag der Bruderschaft "Unserer Lieben Frau" komponiert hatte.

Quelle: RP
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